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Merrill Lynch in London: Der Vater des toten Praktikanten spricht

Der Praktikant Moritz E. wurde nach drei durcharbeiteten Nächten tot aufgefunden. Sein Vater erklärt, warum er die Bank nicht für schuldig hält und wieso nun die britische Regierung am Zug sei.

Von Jens Wiesner

Vor knapp einem Monat wurde der 21-jährige Praktikant Moritz E. tot in der Dusche seiner Wohnung in London aufgefunden. Er hatte drei Nächte für seinen Arbeitgeber, die Bank of America Merrill Lynch, durchgearbeitet. Nun hat sich Moritz' Vater erstmals ausführlich zu dem tragischen Todesfall geäußert.

Im Gespräch mit dem britischen Wochenmagazin "The Observer" fordert Hans-Georg D. die britische Regierung zum Handeln auf. "Etwas muss sich verändern - und ich denke, das die Regierung am Zug ist, das Arbeitsrecht neu zu überdenken", sagte der 51-jährige Psychoanalytiker und verwies auf die entsprechende Gesetzgebung in Deutschland. "Hier besitzt jeder das Recht auf Pause zwischen Arbeitsschichten, ganz egal, ob er Lastwagenfahrer ist oder Chirurg."

D. habe den Eindruck gehabt, dass ein früheres Praktikum seines Sohnes bei der KPMG Consulting Group in Frankfurt weniger anstrengend gewesen sei. "Ich denke, er hat dort sehr hart gearbeitet, aber nicht so exzessiv", erklärte er.

"Moritz hat sich selbst ausgenutzt"

Obwohl noch keine Obduktionsergebnisse vorliegen, glaubt D., dass sein Sohn, der unter leichter Epilepsie litt, einen Schlaganfall unter der Dusche erlitten habe - ausgelöst durch den Stress am Arbeitsplatz und die körperliche und geistige Erschöpfung nach den durchwachten Nächten.

Dem Arbeitgeber seines Sohnes, dem Investmentbanking-Institut Bank of America Merrill Lynch, wolle er aber keine Vorwürfe machen, die Warnsignale nicht früh genug bemerkt zu haben. Sein Sohn habe das Praktikum geliebt; er habe zu hart gearbeitet, um seine Vorgesetzten zu beeindrucken. Nicht die Bank habe seinen Sohn ausgenutzt, Moritz habe "sich selbst ausgenutzt".

Es liege jedoch im Interesse von Merrill Lynch, selbst sicherzustellen, dass sich "derartige Dinge" nicht wiederholten. Das Unternehmen hatte kurz nach Bekanntwerden von Moritz E.s Tod bekanntgegeben, seine Arbeitsbedingungen überprüfen zu wollen. Allerdings, so führte D. weiter aus, sei auch Merrill Lynch nur ein kleines Rädchen im Kontext der Globalisierung. Aus diesem Grund sehe er nun die britische Regierung am Zug.

Das komplette Gespräch, das die "Observer"-Reporterin Elizabeth Day mit Moritz E.'s Vater führte, können Sie hier im englischen Originaltext nachlesen.

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