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"Was die Welt bewegt" Obamas Amerika - qualvoller Stillstand


Der US-Präsident kümmert sich um den Frieden in Nahost - seine Landsleute stellen fest: Der amerikanische Traum ist ausgeträumt. So steht Obamas Name bislang eher für Stagnation als für Aufbruch.
Von Katja Gloger

Und jetzt auch noch das - neue Töne im Oval Office: kreuzbrav erdfarben, beige und braun, so aufregend wie Gesundheitsschuhe. Präsident Obama ließ sein Büro neu dekorieren, es ist das Recht jedes Präsidenten, es soll dem eher unscheinbaren Zimmer im Westflügel des Weißen Hauses eine persönliche Note geben. Also wurden der quietschig sonnenblumengelbe Teppich von George W. Bush, seine hellen Lümmelsofas, die blauweiß gestreiften Sessel auf den Abfallhaufen der Geschichte gekarrt.

Jetzt zieren piefig-braune Plüschsofas das wichtigste Büro der Welt, bestenfalls Marke besserer Möbelmarkt, Streifentapeten an den Wänden wie in einem amerikanischen 70er-Jahre-Hotel und dazu ein riesiger Teppich in ziemlich undefinierbarer Couleur Crème, in dessen ovalem Rand Zitate großer Männer eingewebt sind - ausgesucht vom Präsidenten persönlich, aber das Übliche: Martin Luther King und John F. Kennedy und natürlich auch die Worte Franklin Roosevelts aus den 30er Jahren: "Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht." Als präsidialer Innenausstatter fungierte ausgerechnet ein gewisser Michael Smith. Der hatte einst das Büro des Bank-Chefs von Merrill Lynch neu dekoriert - für mehr als eine Million Dollar.

Hätte er wenigstens ein zeitgemäßes Zitat ausgesucht, ätzte da Maureen Dowd von der "New York Times", eines, mit dem Bill Clinton mal eine Wahl gewann: "Es ist die Wirtschaft, du Dummkopf!"

Ein Präsident verliert sein Land

Man mag darüber streiten - oder auch nicht - ob sich Amerikas Präsident in Zeiten der Wirtschaftskrise ein neues Büro gönnen darf. Ob es von Geschmack zeugt und Taktgefühl oder eine weitere Panne ist in der Polit-PR der Obama-Berater, die selbst Wohlmeinende mittlerweile bissig als "die Jungs" bezeichnen. Man mag darüber streiten - oder auch nicht - ob das präsidiale "Makeover" so unnötig ist wie der Luxuskurztrip von First Lady Michelle Obama neulich nach Südspanien. Unstrittig ist allerdings, dass da ein Präsident gerade dabei ist, sein Land zu verlieren.

Dabei hat er ja eigentlich eine Menge erreicht in den ersten 19 Monaten seiner Amtszeit: die Gesundheitsreform etwa. Auch hat er sein Versprechen gehalten, die Truppen aus dem Irak abzuziehen. Gerade verhandelt er über Frieden im Nahen Osten - er versucht es, immerhin, setzt sein außenpolitisches Renommee aufs Spiel. Sein Vorgänger hatte sich acht Jahre lang einfach weggeduckt. Zu Hause haben die milliardenschweren Konjunkturpakete die Wirtschaft immerhin vor dem Crash bewahrt: Hätte es die staatlichen Finanzhilfen nicht gegeben, läge die Arbeitslosigkeit heute bei 16 Prozent, wäre das Bruttosozialprodukt um zwölf Prozent geschrumpft.

Das Ende des amerikanischen Traums

Doch Obamas Appelle verhallen. Seine jüngste Fernsehansprache aus dem Weißen Haus, in der er das Ende des Kampfeinsatzes im Irak verkündete, war den Bürgern offenbar ähnlich wichtig wie ein Vortrag über Bienenzucht: Die Zuschauer-Quote war um 28 Prozent niedriger als während seiner Afghanistan-Rede noch im vergangenen Dezember.

Denn frustriert und wütend, ängstlich und panisch erleben die Menschen in seinem Land erst einmal das Ende des amerikanischen Traumes. Für Abermillionen Amerikaner wird gerade Realität, was sie ein Jahrzehnt lang nicht wahrhaben wollten: die große Stagnation. Amerika steigt ab, das Land braucht dringend eine umfassende ökonomische und soziale Modernisierung, muss fit werden für das 21. Jahrhundert. Jahrelang lebten Millionen in der Illusion eines scheinbaren Wirtschaftsbooms, doch es war nur ein Boom der Schulden und des billigen Geldes.

Die Einkommen sinken seit Jahren

Jetzt zahlt Amerikas Mittelklasse die Zeche: seit Jahren sinkende Einkommen, Schulden, jetzt die drohende Arbeitslosigkeit. Fast jeder zweite US-Arbeiter hat in den vergangenen Monaten Lohnkürzungen oder Teilzeitarbeit hinnehmen müssen. Dabei arbeitet Amerikas Mittelklasse schwer, viele haben zwei Jobs, manche gar drei oder vier, sie arbeiten auch am Wochenende. Und es reicht trotzdem nicht aus, um die monatlichen Rechnungen zahlen zu können. Eine ganze Generation steigt ab.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Menschen haben kein Geld fürs College ihrer Kinder und selbst der Tellerwäscher-wird-Millionär-Mythos hat sich erledigt

Und ihren Kindern geht es nicht viel besser: Immer weniger junge Menschen können sich eine College-Ausbildung leisten - die ersten vier Jahre nach dem Schulabschluss, von einem Medizin- oder Jurastudium ganz zu schweigen. Sie können die Studiengebühren nicht zahlen - und sie müssen arbeiten, Geld verdienen, sie haben gar keine Zeit für ein Studium. Jeder vierte junge Amerikaner zwischen 18 und 29 Jahren ist in den vergangenen Jahren wieder zu seinen Eltern gezogen - um Miete zu sparen.

Und weil die Kluft zwischen Arm und Reich immer tiefer klafft, geht auch der Traum von Amerika als großem Gleichmacher zu Ende, als Land der endlosen Chancen, des Tellerwäscher-wird-Millionär-Mythos: Mittlerweile sind die ökonomischen und sozialen Aufstiegschancen für junge Menschen in good old Europe größer als in den USA.

Desaster an den Wahl-Urnen?

Jetzt hofft man auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft. Ein schwacher Trost: Der Absturz war nicht so schlimm wie befürchtet. Unternehmer machen wieder Gewinne. Warum? Vor allem, weil sie Millionen Menschen gefeuert haben. Die Arbeitslosigkeit bleibt erschreckend hoch - und bleibt es wahrscheinlich auf Jahre hinaus. Und von Hartz-IV bei Arbeitslosigkeit können viele von ihnen nur träumen. Die Experten streiten unterdessen über das richtige Krisenrezept, so wie Nobelpreisträger Paul Krugman, der weitere, massive Konjunkturpakete fordert.

In zwei Monaten geht Amerika zur Wahl - der gesamte Kongress wird gewählt, ein Drittel des Senats. Will man den Umfragen glauben, wird diese Wahl ein Desaster für Obama und die Demokraten. Gut möglich, dass sie die gerade errungene Mehrheit im Kongress verlieren werden und vielleicht sogar die knappe Mehrheit im Senat. Denn die tief enttäuschten Aktivisten von Obamas "Yes - we - can"-Bewegung scheinen gar nicht mehr wählen zu wollen. Ihnen bleibt der Präsident wichtige Versprechen schuldig: ein Klimagesetz, einen härteren Umgang mit der Wall Street und ihren Bankern, die Schließung von Guantanamo.

Republikaner sind verängstigt und radikalisiert

Will man den Umfragen glauben, werden die Republikaner im Kongress, ebenso verängstigt wie radikalisiert durch die Erfolge der rechten Tea-Party-Bewegung und ihrer Hassprediger, wieder das einfachste Rezepte propagieren: Steuersenkungen. Für die Reichen natürlich. Schon gibt es eine Bezeichnung dafür: "Villen-und-Yachten-Aufschwung".

Schon versuchen Obamas Berater, dem absehbaren Wahldesaster ihren Spin zu geben: In einer Niederlage liege doch eine Chance für Obama. Denn dann werde sich rasch zeigen, dass die Republikaner gar nicht an der Lösung der Probleme interessiert seien. Sollen sich die Republikaner doch selbst entlarven, sich totlaufen - bis zur Präsidentenwahl in gut zwei Jahren.

Ein schrecklicher Gedanke für ein traumatisiertes Land: Zwei Jahre Stillstand, Lähmung, politische Agonie. Obama - dieser Name sollte für Aufbruch und Neubeginn stehen. So lange ist es doch noch gar nicht her.


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