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Islamic Banking: Allahs Banker nehmen keine Zinsen

Der Islam verbietet es, Zinsen zu nehmen. Nicht gerade ein Vorteil auf den globalisierten Finanzmärkten. Findige muslimische Banker haben sich deshalb Tricks ausgedacht, um das Verbot zu umgehen - und auch europäische Banken entdecken nun die Scharia.

Von Michael Lenz, Kuala Lumpur

Denkt man an internationale Finanzzentren kommen einem sofort New York und London in den Sinn. Vielleicht noch Frankfurt und Hongkong. Nicht aber Malaysia, das in diesem Jahr den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiert. Dabei ist das südostasiatische Schwellenland der Weltmarktführer des islamischen Bank- und Finanzwesens. "Das Land ist jetzt weltweit für etwa zwei Drittel aller islamischen Bonds gut", stellte der Internationale Währungsfonds jüngst fest.

Der islamische Finanzmarkt ist groß. Wer die Nase vorn hat, dem winken satte Profite. 1,4 Milliarden Moslems gibt es weltweit mit einem geschätzten Vermögen von bis zu 1,8 Billionen Euro. Das "Islamic Financial Services Board" in Kuala Lumpur, zuständig für die Entwicklung internationaler Standards für die islamische Finanzwirtschaft, prognostiziert den Wert des weltweiten islamischen Finanzwesens bis zum Jahr 2015 auf 2,8 Billionen Dollar.

Islamische Anleihen seit sechs Jahren auf dem Markt

Das Zauberwort heißt Sukuk, wie die islamische Version der Anleihen genannt werden. Es war Malaysia, das dieses islamische Finanzprodukt vor sechs Jahren entwickelt und auf den Markt gebracht hat. Der vom Internationalen Währungsfonds auf einen gegenwärtigen Wert von 47 Milliarden Dollar geschätzte Sukuk-Markt wächst mit atemberaubenden 20 Prozent pro Jahr. Volker Nienhaus, Präsident der Universität Marburg und Mitglied des "Governing Council" der Global University of Islamic Finance" in Kuala Lumpur, sagt: "Bei marktüblicher Rendite erfüllen die Sukuks die rechtlich-formalen Bedingungen einer islamischen Finanzanlage; dies dürfte ihre Hauptattraktion für islam-bewußte Anleger sein - darunter auch und vor allem islamische Finanzinstitutionen."

Der wesentliche Unterschied zwischen islamischen und traditionellem Finanzwesen liegt im Zinsverbot. Gleich mehrfach hat der Prophet Mohammed vor 1400 Jahren "Riba" in Grund und Boden verdammt. "Die Menschen damals waren sehr arm. Sie borgten sich von Geldverleihern Geld für den Konsum, also das tägliche Überleben. Durch hohe Zinsen wurde aber ihre Armut noch verschärft", so Bala Shanmugam, Finanzexperte am malaysischen Campus in Kuala Lumpur der australischen Monash Universität über den historischen Ursprung der Fatwa des Propheten gegen die Zinsnahme.

Seit langem versuchen islamische Länder, das Zinsverbot durch die Schaffung von Finanzprodukten zu umgehen, die Halal sind, also dem islamischen Schariarecht genüge tun. Ohne durchschlagenden Erfolg. In so manchem islamischen Land sind Ansätze eines islamischen Bankenwesens an dem zu großen Einfluss der Religion gescheitert. Shamsun, der in Malaysia Koran und Scharia und in Boston Finanzwirtschaft studiert hat, weiß: "Die Mullahs verstanden viel von Religion, aber kaum was vom Finanzwesen."

Deshalb sind Sukuk-Papiere, anders als herkömmliche Anleihen, zum größten Teil mit Immobilien, Grundstücken oder Ähnlichem unterlegt. Die Gläubiger werden zu wirtschaftlichen Eigentümern einer Immobilie oder eines anderen Wirtschaftsguts und erhalten als Entgelt eine Leasing- oder Mietzahlung. "Unternehmerisches Handeln mit dem Ziel, Profit zu machen, hat der Prophet ausdrücklich gutgeheißen", sagt Bala Shanmugam.

Längst wird der Sukuk-Markt nicht mehr nur von den Petrodollars arabischer Scheichs in Schwung gehalten. Das islamische Finanzsystem wächst in allen islamischen Ländern kräftig. Das hat auch handfeste politische Gründe. Das islamische Finanzwesen bietet Ländern wie Indonesien, Pakistan oder auch Malaysia die Chance, ihre Abhängigkeit vom Westen im Allgemeinen und den USA im Besonderen zu verringern.

Auch europäische Banken haben schariagerechte Finanzprodukte

Westliche Finanzinstitutionen wie die Deutsche Bank, die Citigroup oder Credit Suisse, um nur ein paar Beispiele zu nennen, reagieren auf den Trend, in dem selbst schariagerechte Anleihen herausgeben und zur Dynamik des Sukuk-Marktes entscheidend beitragen. Für nicht-islamische Investoren sind die Sukuks die Eintrittskarte in die islamischen Märkte. Großbritannien ist das erste westliche Land, das durch Steueranreize und Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen aktiv die Ansiedlung und Eröffnung von Finanzunternehmen auf Basis des Islam fördert. Shamsun Hussain, einer der Direktoren von CIMB Islamic in Kuala Lumpur, dem ‚islamischen Fenster von Malaysias zweitgrößter Bank, sagt: "Entscheidend ist die Qualität des Produkts und der Profit. Für Moslems ist es ein zusätzliches Plus, dass es Schariakonform ist."

Malaysias Erfolg im schariagerechten Bank- und Finanzwesen liegt in der Schaffung eines rechtlichen Rahmenwerks, dass das islamische Bankwesen berechenbar und verlässlich macht. Die Zentralbank hat ebenso ihre Schariakommission wie die Geschäftsbanken. Hinzu kommen Steueranreize und die Liberalisierung des Finanzsektors. Ausländische Finanzinstitute können in Malaysia aktiv werden und konventionelle Banken dürfen "islamische Fenster" haben. Die Gesetze und die Oberaufsicht der Zentralbank Malaysias garantieren, dass das islamische Finanz- und Bankwesen "Halal" ist, es also zu keiner Vermischung von konventionellem und islamischen Geld kommt.

Zudem haben sich die islamischen Banker Malaysias als findig in der Schaffung korangerechter Finanzprodukte erwiesen. Es gibt islamische Formen der Hypotheken, Kreditkarten und Unternehmensfinanzierungen. Manche Konstruktionen islamischer Finanzprodukte muten jedoch reichlich umständlich an und bringen am Ende kein anderes Resultat erbringen als Zinsen. Ein islamischer Häuslebauer zum Beispiel 'kauft' ein Haus, 'verkauft' es an die Bank, die 'verkauft' es wieder an den Häuslebauer, allerdings zu einem höheren Preis. Den Kaufpreis dann zahlt der 'Kreditnehmer' dann in Raten ab. Nienhaus räumt ein, dass "in vielen Fällen eine legalistisch-formalistische Sicht vorherrscht und Unterschiede zu konventionellen Finanztechniken weniger in der ökonomischen Substanz als vor allem in der rechtlichen Konstruktion liegen."

Singapur und London blasen zur Aufholjagd

Ob Malaysia seine Poleposition im Islamic Banking in Zukunft halten kann, hängt ganz von der Findigkeit seiner moslemischen Banker ab. Die Konkurrenz schläft nicht. Traditionelle Finanzzentren wie Singapur und London haben zur Aufholjagd geblasen. In diesem Jahr haben die arabischen Golfstaaten erstmals mehr Sukuks verkauft als Malaysia. Bisher waren islamische Finanzprodukte nur eine Nachbildung konventioneller Produkte. Daniel Vogel, Experte im islamischen Finanzwesen der Universität Bern, schreibt, die islamischen Banken und ihre Schariaräte müssten neue, innovative Finanzinstrumente entwickeln. "Nur wer sich dieser Herausforderung stellt, wird sich auf dem ständig wachsenden Markt des Islamic Banking behaupten können."