HOME

Millionen-Entschädigung: Der Preis für ein behindertes Leben

Sie kann nicht mehr allein laufen, essen oder aufs Klo gehen. Und auch sonst kann Sarah seit dem Autounfall vor vier Jahren nicht mehr viel. Deshalb fordert ihre Mutter nun von der Versicherung die Rekordsumme von 4,3 Millionen Euro - die höchste Schadenersatzsumme bisher. Ihre Chancen stehen gut.

Von Uli Hauser

Sarah möchte nur raus. Heraus aus ihrem geschundenen Körper, heraus aus ihrem kaputten Leben, heraus aus der engen Wohnung. Sie weiss, wie schlecht es ihr geht, sie ahnt, dass es ihr vielleicht nie wieder gut gehen wird. Vier lange Jahre sind seit diesem Unfall vergangen, und seit vier langen Jahren versucht Sarah, 23, anderen begreiflich zu machen, wie sie sich fühlt. Sie kann mittlerweile Wörter von sich geben, Laute mit halboffenem Mund, ein schwer erarbeiteter Therapie-Erfolg. Sarah schaut durch das Wohnzimmerfenster ins Freie und sagt, kaum vernehmbar: "Ich lebe wie in einem Gefängnis. Ich möchte einen Garten."

Keine behindertengerechte Wohnung

Ihre Mutter sitzt neben ihr, mit ernstem Gesicht. Frau T. , 56, kümmert sich Tag und Nacht um Sarah, die nicht mehr allein laufen, essen, trinken kann. Wenn sie ihrer Mutter bedeutet, dass sie ins Badezimmer will, greift die Mutter unter ihre Schultern, hebt sie hoch und schleppt Sarah durch den Flur. Die Wohnung ist nicht behindertengerecht ausgebaut.

Sarah war 2004 mit ihrem Mann und ihrem Sohn Manuel auf einer Urlaubsreise nach Italien schwer verunglückt. Der Wagen geriet auf der Brenner-Autobahn bei 110 Stundenkilometern außer Kontrolle; ihr Mann erklärte später, ein vor ihm fahrender Lkw habe plötzlich gebremst. Das Auto prallte gegen die rechte Leitplanke, stieß von dort gegen die Leitplanke des Mittelstreifens und kam schließlich auf der Standspur zum Stehen. Sarah und ihr damals neun Monate alter Sohn wurden nach draußen geschleudert. Ihr Mann zog sich mehrere Brüche zu, das rechte Ohr war abgerissen, der kleine Manuel blieb wie durch ein Wunder ohne ernste Verletzungen.

Versicherung spielt auf Zeit

Sarah aber erlitt ein schweres Hirntrauma, einen Unterschenkelbruch und eine Lungenquetschung, das waren die ernsthaftesten Verletzungen. Aus dem Koma erwachte sie erst, als ihr der Arzt den Jungen auf den Bauch legte. Seine Mutter hat mehrere schwere Operationen und Therapien hinter sich. Und sich von ihrem Mann getrennt, beide kamen mit der neuen Situation nicht mehr zurecht. Die bitterste Auseinandersetzung aber führt Sarah derzeit gegen die Haftpflicht-Versicherung. Gegen die "Volksfürsorge", mittlerweile fusioniert mit der "AMB Generali". Die wirbt mit dem Slogan: "Schutz unter den Flügeln des Löwen."

Es geht um eine unterschiedliche Einschätzung der ihr zustehenden Schadensersatz- und Schmerzensgeld-Ansprüche. Die Versicherung bestreitet nicht, dass sie für die Unfallfolgen haften muss, auch wenn Sarahs Mann, der Halter des Wagens, den Unfall verursacht hatte. Bisher wurden 375.000 Euro für Schmerzensgeld und Pflege überwiesen, zudem zahlt die Versicherung monatlich 500 Euro Rente.

Einmalige Entschädigung

Sarah und ihre Mutter aber wollen keine monatliche Mini-Rente und die monatliche Übernahme von Pflegekosten. Sie fordern eine einmalige Gesamtentschädigung von 4,3 Millionen Euro. Die größten Posten sind mit knapp 375.000 Euro der "kapitalisierte Haushaltsführungsschaden für die Zukunft" und mit 2,9 Millionen Euro die zukünftigen Pflegekosten. Insgesamt handelt es sich um eine der größten Haftpflicht-Forderungen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Weil die "Generali" jedoch im Rahmen einer "pauschalen Restentschädigungssumme im Wege einer Generalabfindung" nur eine Million Euro zahlen möchte, muss nun das Hamburger Landgericht entscheiden. Die Richter haben auch zu entscheiden, ob Unfallopfer Anspruch auf einmaliges Kapital statt auf Rentenzahlung durchsetzen können. Und wieviel ein behindertes Leben wert ist.

Sie wird nie wieder arbeiten

Denn Sarah wird, so sehr sie sich auch anstrengt, wohl nie wieder arbeiten können, so wie sie es sich mit 19 Jahren, vor dem Unfall, vorgestellt hatte. Sie wollte Versicherungskauffrau werden oder Journalistin, Russisch lernen und Englisch, auf jeden Fall aber nach dem Abitur studieren. Jetzt muss ihre Mutter sehr aufpassen, dass Sarah aus Verzweiflung nicht dauernd den Kopf gegen die Wand schlägt und so laut brüllt, dass es zwei Häuser weiter zu hören ist. Wenn ihre Mutter nicht arbeitet, ist sie bei ihr, sie schläft auf dem Sofa im Wohnzimmer. Vor einem Jahr ist die Mutter unter der Last von Arbeit und Sorgen zusammengebrochen. Sechs Monate war sie arbeitsunfähig. "Ich bin auf den Boden gekrochen, ich war völlig am Ende." Spätestens in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie weiter kämpfen musste für die Zeit, in der sie sich vielleicht nicht mehr um Sarah würde kümmern können. "Ich lebe ja nicht ewig."

Frau T. arbeitet seit 37 Jahren selbst für die "Volksfürsorge". Sie sagt, der Job mache ihr Freude. Die Versicherungsangestellte kümmert sich um die Instandhaltung von Telefonanlagen und somit darum, dass die Anrufe der Versicherten rasch durchkommen. Denn ihr Arbeitgeber möchte, das ist gedrucktes Versprechen, "jeden Kunden mit einer persönlichen Gesamtlösung überzeugen" und "ein Leben lang für unsere Kunden da sein". Von einem "persönlichen Unfallassistenten" ist die Rede und "vollen Entschädigungsleistungen von bis zu acht Millionen Euro."

Anschuldigung nicht bewiesen

So steht es geschrieben, im Groß- und im Kleingedruckten. Frau T. erwartet, dass der Haftpflichtversicherer ihrer Tochter nun so zur Seite steht, wie sie es in ihren Vertragsformularen versprechen. Und wie es überdies bei dieser gesetzlichen Pflichtversicherung geregelt ist. Ohne diese darf in Deutschland kein Fahrzeug zugelassen werden. Selbst wenn dem Fahrer grobe Fahrlässigkeit oder gar Vorsatz nachzuweisen ist, ist die Versicherung gegenüber den Geschädigten leistungspflichtig, in den meisten Fällen bis zu einer Summe von acht Millionen Euro.

Für die "Generali"-Versicherung ist "unstreitig, dass weitere fällige Ansprüche zustehen". Allerdings beschuldigt sie Sarah, beim Unfall nicht angeschnallt gewesen und damit eine gewisse Schuld an dem Unfallschaden gehabt zu haben. Einen Beweis im Form eines Gutachtens ist sie bisher schuldig geblieben, und Sarah sagt, sie habe angeschnallt auf der Rückbank gesessen, neben ihrem Sohn. Ein Pressesprecher der Versicherung erklärte im vergangenen November: "Schon aus menschlichen Gründen sind wir bemüht, mit großem Fingerspitzengefühl die Regulierung vorzunehmen." Auf Versprechungen und Gefühle aber wollen sich Frau T., ihre Tochter und ihr Rechtsanwalt nicht mehr verlassen. Rechtsanwalt Jürgen Hennemann: "Wir haben vergeblich versucht, unsere Probleme außergerichtlich zu lösen. Aber leider zeigt sich auch hier wieder, dass ein Versicherer in trockener Emotionslosigkeit auf Zeit spielt, einen Vorgang systematisch verschleppt und einen der ihr Anvertrauten entwürdigt und demütigt."

"Branchentypisches Verhalten"

Der Buchholzer Fachanwalt für Versicherungsrecht beurteilt das Verhalten der Versicherung als "branchentypisch": "Da wird getestet, wie lange ein Mensch die Belastung erträgt, gegen ein wirtschaftlich mächtiges Unternehmen durchzuhalten." Beim "Bundesverband der Unfallopfer" spricht man von einem "systematischen Aushungern"; in der Vergangenheit verdoppelten Richter in anderen Fällen "wegen übetriebenen Feilschens und grundlosem Herauszögern der Zahlung" das Schmerzensgeld. Das Oberlandesgericht Frankfurt monierte bereits 1999 die "zuhäuft zu beobachtende Einstellung mancher Haftpflichtversicherer, den Gläubiger unzweifelhaft berechtigter Ansprüche geradezu als lästigen Bittsteller zu behandeln und mit kaum zu überbietender Arroganz die Regulierung selbst berechtigter und unstreitiger Ansprüche zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil in die Länge zu ziehen." Ein Branchen-Insider zum stern: "Was die Haftpflichtversicherer machen, ist an der Grenze zur Gürtellinie. Die erkennen grundsätzlich immer nur einen Teil an und pokern dann solange, bis es nicht mehr geht. Es ist ein grausames Spiel."

Frau T. sagt, sie habe sich einen "Panzer" zugelegt, um nicht die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren. Täglich fährt sie in das Hamburger Büro der Volksfürsorge und arbeitet für die Versprechen ihres Unternehmens. Dann übernimmt ihr Mann die Sorge um die Tochter. Nach Feierabend registriert Frau T. oft erschüttert, wie der Lebensmut ihrer Tochter sinkt, wie sie in zwei Schichten, die eine am Tag für die Versicherung, die andere nachmittags und nachts für die Tochter, ihr Leben einigermaßen im Lot hält. Sarahs Freunde kommen längst nicht mehr vorbei. Und ihr Arbeitgeber spielt weiter auf Zeit. "Für mich wäre es schöner gewesen, die Dinge in einem persönlichen Gespräch zu klären", sagt Frau T. "Diese Auseinandersetzung belastet mich unsäglich. Ich bin sonst ein fröhlicher Mensch, aber ich schaffe es nicht mehr. Ich brauche dringend weitere Unterstützung, auch für den kleinen Manuel".

Monatliche Kosten von bis zu 20.000 Euro

Dass die Pflege von Sarah in Zukunft trotz aller Mühen teurer werden könnte als bisher, ist für Rechtsanwalt Jürgen Hennemann der entscheidende Grund, seine Forderung auf fast 4,4 Millionen Euro festzusetzen. "Eine professionelle Rund-um-die-Uhr-Pflege würde monatlich 15.000 bis 20.000 Euro kosten, das sind im Jahr bis zu 240.000 Euro. Wir haben in Deutschland mit solch hohen Summen noch keine Erfahrungen, also kommen wir mit unserer Forderung dem Versicherung entgegen."

Vom stern befragt, wollte der neu zuständige Pressesprecher der "Generali-Gruppe" in München zum laufenden Verfahren keine "weitere Stellungnahme" abgeben. Es handle sich aber um einen "tragischen, äußerst bedauernswerten Personenschaden, für den die Generali einzutreten hat."