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Monopoly: Wie mein Geld gierig wurde

Kein Kind wird als Kasinokapitalist geboren. Aber spätestens nach der ersten Runde Monopoly sind die Regeln des Geldvermehrens auf Kosten anderer verstanden. Die Kulturgeschichte eines der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten.

Von Nikola Sellmair

"Ich blute", wimmert Mama. "Ach Erna, du Chefausbeuter, 200 Euro sind für dich doch Peanuts", spottet Papa. Doch bald steht Mama wirklich vor dem Ruin, alle ihre Straßen sind beliehen, sie kann das Krankenhaus nicht bezahlen und muss krank ins Gefängnis. "Oje, ich bleib hier drin, bis ich schimmele." Die Kinder reden auf sie ein: "Mama, sei nicht so gutmütig, du darfst diese Straße jetzt auf keinen Fall Papa verkaufen, der baut sonst."

Ein Spieleabend in Worms bei Familie Armbrüster. Das Spiel handelt von Hypotheken und teuren Immobilien - und der Gier. Erfunden 1903 von der jungen Amerikanerin Elisabeth Magie, die der christlichen Religionsgemeinschaft der Quäker angehörte. Sie wollte zeigen, wie gefährlich Immobilienspekulation ist. Deshalb zeichnete sie auf ihr Spielfeld ein Armenhaus und ein Gefängnis - zur Abschreckung.

Elisabeth Magies Botschaft kam nicht an. In Amerika hieß es schon immer: Kaufe so viele Häuser, wie du kannst. Immobilienhype, Spekulation und Geldgier hat in den vergangenen Monaten die amerikanischen Investmentbanken an den Rand des Abgrunds gerissen - und die Weltwirtschaft gleich mit. In der echten Finanzwelt werden jetzt Reformen gefordert, strengere Kontrollen, und die, die zu viel Real-Monopoly gespielt haben, werden entlassen oder verhaftet. Doch das Spiel geht weiter.

Die geklaute Idee

Erfolg hatte Monopoly erst, als Amerika in die schlimmste Wirtschaftskrise aller Zeiten schlitterte. Mitten in der Rezession der 30er Jahre klaute der arbeitslose Heizungsbauer Charles Darrow Elisabeth Magies Idee. Er zeichnete ein Monopoly-Spiel auf das Wachstuch seines Küchentischs. Die Häuser und Hotels schnitzte er aus Holz. Für ein paar Dollar verkaufte Darrow das Spiel an Bekannte. Bald ließ er die Spielbretter drucken und lieferte sie an Warenhäuser. Seine Monopoly-Version hatte keine politische Botschaft mehr, sondern setzte auf den Spaß am Raffen: Kaufe so viele Häuser, wie du kannst. Treibe deine Mitspieler in den Bankrott, bis nur noch du übrig bist.

Draußen gingen die Unternehmen pleite, die Arbeitslosenzahlen stiegen, Farmer verloren ihre Höfe. Die Leute spielten Monopoly. Der amerikanische Publizist Alan Axelrod erklärt den Erfolg so: "Jetzt gab es ein Spiel, das den Kapitalismus in seiner ganzen Grausamkeit abbildete, ein Spiel, in dem alle verloren - bis auf einen. Jeder Rockefeller fand letztlich seine Entsprechung in Hunderttausenden von Menschen, die auf der Straße Äpfel verkauften oder vor einer Suppenküche Schlange standen. Aber Monopoly war ein Spiel. Es hatte einen Anfang und ein Ende, es war leicht zu verstehen und konnte kontrolliert und bewältigt werden. Es gab einem das Gefühl, Herr des eigenen Schicksals zu sein - und dieses Gefühl war in der Weltwirtschaftskrise noch schwerer zu kriegen als Geld oder ein anständiger Job."

Charles Darrow bescherte Monopoly seinen ganz eigenen Sieg: Aus dem Gelegenheitsarbeiter wurde ein Millionär, Darrow tauschte Badstraße gegen Schlossallee. 1935 verkaufte Darrow die Lizenz seiner Monopoly-Version an den Spielehersteller Parker und widmete sich fortan der Rosenzucht. Die wahre Erfinderin Elisabeth Magie wurde von der Firma Parker mit 500 Dollar abgespeist.

"Nicht pädagogisch wertvoll, und deshalb gut"

Monopoly entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Gesellschaftsspiele aller Zeiten. Rund 260 Millonen Exemplare in 103 Ländern und 37 Sprachen wurden bisher verkauft. Schachern und feilschen kann man zum Beispiel auf Arabisch, Chinesisch, Hebräisch, Isländisch, "Offenbar ist nichts so völkerverbindend wie das Vergnügen am fremden Missgeschick, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht", schrieb der Spielekritiker Michael Knopf, "deshalb ist Monopoly kein pädagogisch wertvolles Spiel, und deshalb ist es gut."

In Monopoly wird alles mit Geld geregelt. Das Zwei-Klassen-System in der Gesundheitsversorgung ist dort schon perfektioniert: Ohne Geld kein Arzt und kein Besuch im Krankenhaus. Auch der Schulbesuch und das Geburtstagsgeschenk kosten. Selbst die Justiz ist korrupt, aus dem Gefängnis kann man sich freikaufen.

Mama denkt laut: "Ich mach jetzt noch eine Hypothek. Aber die Bank hat kein Geld mehr, wir brauchen Hilfe von der Regierung. Wer hat eigentlich das ganze Geld?" Na, wer schon: Papa. Sohn Christoph jault auf: "Das hast du gar nicht verdient. Ich hasse dich, du machst Geschäfte, und keiner weiß, welche!" Papa lacht: "Immer willste Geld, Sohn."

In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach gaben Wirtschaftsmanager besonders häufig an, schon als Kind am liebsten Monopoly gespielt zu haben. Alan Axelrod zitiert in seinem Buch "Kaufen Sie sich die Schlossallee! Mehr Erfolg mit der Monopoly-Strategie" reihenweise Manager, die Monopoly lieben. Neben dem Uraltkapitalisten und Großreeder Aristoteles Onassis ("Im geschäftlichen Alltag schneiden wir einander den Hals durch, aber ab und zu sitzen wir uns am Tisch gegenüber und benehmen uns ordentlich") finden sich Herzchen wie der amerikanische Bauunternehmer Donald Trump ("Man kann gar nicht zu gierig sein") und der Medienmanager Rupert Murdoch ("Ein Monopol ist so lange eine schreckliche Sache, bis man eins hat"). Thomas Piewitt, der 1996 die deutschen Meisterschaften in Monopoly gewann, brachte das Prinzip auf den Punkt: "Du musst ein Schwein sein - und du musst Schwein haben."

Jugendgefährdend?

Versaut Monopoly die Moral? Hat auch der Deutsche-Bank-Chef Ackermann früher Monopoly gespielt, womöglich auch die Vorstände der Sachsen LB und der Hypo Real Estate? Pflanzt Monopoly das Prinzip Raffgier schon in Kinderhirne? 1976 warnte eine Jugendorganisation: "Monopoly ist der Versuch privilegierter Schichten, die Jugend sogar in der Freizeit durch reaktionären Leistungsstress zu manipulieren."

Kurz darauf fuhr Klaus Armbrüster nach Monte Carlo. Das Wasser floss aus goldenen Hähnen, und auf der Straße liefen Frauen vorbei, so schön wie Grace Kelly. Der Abiturient Klaus Armbrüster war gerade 20 geworden. Jetzt saß er im Kasino, Zylinder auf dem Kopf, Zigarre im Mund, und zählte die Scheine. Es waren Monopoly-Weltmeisterschaften in Monaco, und die Firma Parker ließ sich nicht lumpen. Armbrüster vertrat als deutscher Meister im Monopoly sein Heimatland, er wurde im Rolls-Royce herumgefahren und entdeckte eine "neue, mondäne Welt". Leider ging er gleich in der ersten Runde bankrott. Es siegte ein Manager aus Singapur.

Klaus Armbrüster ist mittlerweile 51 Jahre alt und immer noch ein Monopoly-Verrückter. Er gewann dreimal die deutschen Meisterschaften und will sich unbedingt für die Monopoly-WM nächstes Jahr in Las Vegas qualifizieren.

Armbrüster ist auch im wahren Leben ein erfolgreicher Unternehmer, sein Malereibetrieb in Worms läuft bestens. "Lasse alle Deine Häuser renovieren", dieser Ereigniskarten-Spruch steht auf allen seinen Firmenwagen. Beim Abendessen mit seiner Frau Erna und den zwei Kindern Katharina, 21, und Christoph, 16, gibt es Vollkornbrot und Oliven, dazu Salami, "alles Bio, damit es die Tiere gut haben", sagt Armbrüster. Seine beiden Kinder erzählen vom sozialen Lernen in ihrer Waldorfschule, in deren Elternbeirat sich Klaus Armbrüster engagiert. Er ist ein lieber Mann und Papa, kein charakterlich deformierter Gierhals.

Bis das Spiel beginnt. "Papa macht uns alle platt", ruft Christoph. "Ja, die Straß, die is brutal. Und jetzt hast du mir auch noch zu viel Geld gegeben, typisch Waldorf-Schüler - kreativ, aber nicht richtig rechnen", spottet Klaus Armbrüster. "Lass uns wenigstens in Würde untergehen", fleht seine Frau.

Hochkochende Emotionen

Klaus Armbrüster sagt, inzwischen wolle keiner seiner Bekannten mehr mit ihm Monopoly spielen. "Ich geh beim Spielen ab wie ein Moped. Da lebe ich meine dunkle Seite aus und beame die Leute weg." Es klingt, als redete er über ein Killer-Computerspiel - und nicht über das "Urväterchen aller Wirtschaftsspiele", wie es der Spielekritiker Jochen Corts nennt.

Der linke Liedermacher Franz Josef Degenhardt beschrieb 1971 nach einem realen Fall, wie sich zwei frustrierte Angestellte nach einer Partie Monopoly gegenseitig meucheln - anstatt mal gegen das kapitalistische System aufzubegehren. Klaus Lage schimpfte in seinem Monopoly-Song ebenfalls über den Alltag des kleinen Mannes, der sich aufreibt und letztlich immer Verlierer bleibt: "Wir sind nur die Randfiguren in einem schlechten Spiel … Und die in der Schlossallee verlangen viel zu viel."

Nicole Bauer, 38, ist in Thüringen aufgewachsen. Sie kannte nur den Song von Klaus Lage, das Monopoly-Spiel war in der DDR verboten: "Aber alle wussten davon, Monopoly war ein Mythos." Nach dem Fall der Mauer sah sie in einem Kaufhaus ihr erstes Monopoly. Doch da waren nur ein ganz normales Brett und diese kleinen popeligen Häuschen. "Wie so vieles, was man nach der Wende endlich kriegen konnte, war auch Monopoly eine Enttäuschung", resümiert Bauer.

Boom nach der Wende

Weil viele Ostdeutsche endlich mitspielen wollten im Kapitalismus, konnte die amerikanische Firma Hasbro, unter deren Dach Parker mittlerweile firmiert, kurz nach der Wiedervereinigung eine Million Monopoly-Spiele verkaufen - fast doppelt so viel wie davor.

Kunden immer wieder etwas andrehen, das eigentlich schon jeder hat: Diese kapitalistische Regel beherrscht die Firma Hasbro perfekt. Jedes Jahr erscheinen neue Monopoly-Editionen. Besonders gut verkauft sich "Monopoly Banking": Hier werden keine Geldscheine mehr verteilt, sondern die Spieler zahlen mit Kreditkarte, die sie an einem batteriebetriebenen Geldautomaten auf- und entladen können. Peter Jähne, Spielehändler in Jork nahe Hamburg, sagt: "In jedem Großmarkt gibt es mehr als zehn Monopoly-Editionen. Dann nimmt der Junge das Spongebob-Monopoly und das Mädchen die Disney-Edition. Immer das Gleiche leicht variiert: Monopoly ist das Modern Talking der Spielewelt."

In Worms liegen die Nerven blank. "Du bist so böse! Lach nicht so dreckig", schnauzt Christoph seine Schwester Katharina an, sie boxt ihn in die Seite. Jetzt ist Christoph pleite. Seine Mutter umarmt ihn: "Jetzt bist du auch so 'n Armer wie ich." Katharina kämpft noch. Am Ende hat der Vater alle abgezockt. Er sitzt vor seinem Geldstapel und blickt in die Runde: "Liebt ihr mich noch, Kinners?"

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