Ost-Erweiterung Keine Angst vor Billiglohnkonkurrenz aus Polen


Horror-Szenario: Mit der EU-Erweiterung sollen entlang der Grenze zu Polen und Tschechien zwei Millionen deutsche Arbeitsplätze und 250.000 Betriebe vernichtet werden. In den jeweiligen Gebieten bleibt man entspannt.

Es ist ein Angst erregendes Szenario: Die EU-Osterweiterung werde zwei Millionen deutsche Hochlohnarbeitsplätze und 250.000 ostdeutsche Betriebe vernichten, prognostiziert Eberhard Hemer, Leiter des Mittelstandsinstituts Hannover. Die neue Billiglohnkonkurrenz werde in einem etwa 100 Kilometer breiten Streifen an der polnischen und tschechischen Grenze die deutschen Firmen überrollen. Doch vor Ort wird diese Befürchtung nicht geteilt. Viele deutsche Unternehmer nahe der polnischen Grenze rechnen sich eher Chancen aus. Einzig das Handwerk befürchtet, großer Verlierer der Osterweiterung zu werden.

Alle glauben an Anpassung

"Ich kann das Szenario nicht nachvollziehen", sagt Petra Hintze, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg. Sowohl Löhne als auch Preise würden sich nach dem Beitritt Polens zur EU beiderseits der Grenze anpassen. "Wenn die polnischen Firmen über längere Zeit niedrigere Löhne zahlen würden, dann würden ihre Arbeitnehmer nach Westen abwandern." Und wenn ein Pole westlich der Grenze Arbeit suche, werde er in eine Großstadt gehen - nicht aber in einen der Orte in der Grenzregion. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Arbeitsmarkt betroffen ist, weil es hier gar nicht die Menge an Arbeit gibt", meint Hintze.

Kein massenhaftes Betriebssterben

Auch das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) rechnet nicht mit einem massenhaften Betriebssterben in den neuen Ländern. "Ein Großteil der Erweiterung ist schon längst gelaufen", sagt der IWH-Experte Martin Rosenfeld. Zudem hätten die deutschen Firmen gerade in Richtung Qualitätsarbeit ein großes Potenzial. Es werde aber auch eine Verdrängung geben. "Das ist das Gesetz der Marktwirtschaft. Die einen leiden darunter, die anderen profitieren davon." Wenn ausländische Firmen besonders in den Grenzräumen nach Deutschland drängten, hätten die deutschen Firmen umgekehrt die gleiche Chance. "Man muss sich eben bewegen", sagt Rosenfeld.

Chance: Expansion nach Polen

"Dass es durch die EU-Osterweiterung schwieriger wird, ist uns allen klar", meint Mathias Fromholz, Chef der Strandkorbfabrik in Heringsdorf an der Ostsee. "Aber es ist auch eine Chance für uns, nach Polen zu expandieren." Den Standort in Deutschland will er allerdings auch nach dem Fall der EU-Außengrenze nicht aufgeben. Auch glaubt er nicht, dass er billige Arbeitskräfte aus dem Osten einstellen werde. "Wir brauchen Fachkräfte - in Polen finden wir die nicht", sagt Fromholz.

Polen hat eigene Probleme

Auch der Geschäftsführer der Pommerschen Fleischwaren Anklam, Harald Ebbinghaus, blickt nicht sorgenvoll ins Jahr der EU-Erweiterung. "In unserer Branche besteht keine Gefahr", sagt er. Die Preise beiderseits der Grenze seien nahezu identisch. Zudem hätten die polnischen Firmen mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen: "Sie sind überaltert und erfüllen den EU-Standard nicht." Von mehr als 2.000 polnischen Schlachthöfen arbeiteten nur 20 nach EU-Norm.

Nur Handwerk wird leiden

"Dem Handwerk dient die ganze EU-Geschichte nicht", sagt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Uecker-Randow, Günter Wagner. Schon jetzt führen die Kunden auf die andere Seite der Grenze - etwa zum Friseur. Einige Handwerker hätten bereits versucht, in Polen Filialen zu betreiben. "Sie sind fast alle gescheitert." Sicherlich gebe es östlich der Grenze auch den einen oder anderen Auftrag für deutsche Handwerker. "Aber wenn EU-Mittel verbaut werden, wird das billigste Gebot genommen - da können die Deutschen mit ihren hohen Lohnnebenkosten nicht mithalten", sagt Wagner.


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