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Pater Anselm Grün: "Wenn ich Geld habe, bin ich jemand"

Wer nach immer mehr Geld und Reichtum strebt, verliert den Kontakt zu seinem Herzen, meint Pater Anselm Grün. Im stern.de-Interview spricht der Buchautor und Benediktinermönch über die Bedeutung von Wohlstand in der Gesellschaft, innere Freiheit und die Folgen der Globalisierung.

Pater Grün, wie viel Bargeld tragen Sie normalerweise mit sich herum?

So ungefähr 50 bis 100 Euro.

Sie haben mit Ihren Büchern sehr viel verdient. Welche Rolle spielt Geld in Ihrem Leben?

Ich selbst lebe sehr sparsam und ganz einfach. Ich bin ja Mönch und lebe genauso einfach wie meine Mitbrüder. Das Geld verdiene ich für einen guten Zweck, also für die Unterstützung der Schule und der Bildungshäuser. Ich habe keine großen Bedürfnisse.

Es gibt nur wenige Menschen, die zwar Millionen verdienen, aber auf 99,9 Prozent ihres Reichtums verzichten.

Ich bin dankbar, dass so viele Bücher gekauft werden. Und es geht mir nicht um den finanziellen Erfolg, sondern darum, dass die Menschen in den Büchern Hilfe finden.

Was denken Sie über Menschen, die nach immer mehr materiellem Reichtum streben?

Es gibt durchaus ein berechtigtes Streben nach Geld, das ist der Wunsch nach Sicherheit und nach Ruhe. Aber Geld hat oft eine Eigendynamik und wer sich nur über Geld definiert und immer gieriger wird, verliert den Kontakt zu seinem Herzen. Das ist dann alles andere als eine gute Entwicklung.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass Menschen die extrem viel Geld haben, auch noch den Staat betrügen, um noch mehr Reichtum anzuhäufen?

Wer seinen Wert nicht in sich selber - in seiner Würde - sieht und sich zu sehr vom Geld abhängig macht, der ist unersättlich. Geld muss den Mangel in seiner Persönlichkeit ausgleichen. Das Loch ist aber so groß, dass die Person nie genug Geld haben kann. Darum wird jegliche Chance wahrgenommen, an noch mehr Geld zu kommen.

Sie sprechen von der Unersättlichkeit des Einzelnen. Aber haben wir es nicht mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun? Fast jeder wäre gerne reich und strebt danach, ein Höchstmaß an Wohlstand zu erlangen.

Es gibt natürlich eine Tendenz im Menschen sich über Äußerlichkeiten zu definieren. Geld ist verlockend. Wenn ich Geld habe, bin ich jemand, dann bin ich etwas wert. Das ist jedoch ein Trugschluss. Der Wert in einer Person steckt vielmehr in seiner Persönlichkeit und in geistigen Werten.

Ging es uns allen besser, wenn wir so leben würden wie Sie?

Ich will mein Leben nicht zum Maßstab für andere machen. Ein Familienvater muss für seine Familie sorgen und braucht einen Rückhalt. Ein gewisser Wohlstand ist auch legitim, man kann mit dem Geld auch etwas Gutes tun. Der Mensch darf nur seine innere Freiheit dem Geld gegenüber nicht verlieren.

Die innere Freiheit fehlt offenbar vielen.

Ja. Ich habe es schon erlebt, dass Menschen nur von Geld reden. Dann merkt man schnell, die Person ist einfach nur leer, ein vernünftiges Gespräch ist nicht möglich.

Geld ist der Motor unseres Wirtschaftssystems. Das Streben des Einzelnen nach immer mehr ist systemimmanent.

Gut, jede Firma muss Geld verdienen. Aber es geht auch um das richtige Maß. Eine immer stärker werdende Gewinnmaximierung darf nicht das Ziel sein. Eine solide Zukunft der Firma und auch der eigenen Familie ist dagegen erstrebenswert. Klar, ohne Geld geht es nicht. Schulen, Krankenhäuser, alles braucht Geld und kann damit Quelle von Energie sein. Geld hat aber auch eine Eigendynamik.

Sind wir auf einem falschen Weg?

Ja. Keine Bank muss 25 Prozent Rendite machen. Sie muss Arbeitsplätze schaffen und eine Zukunft haben. Alles wird dem Geld untergeordnet. Nehmen Sie das Beispiel Gesundheit: Jeder Handgriff einer Krankenschwester wird in Geld umgerechnet. Das ist eine völlig falsche Richtung. Geld wird absolut.

Was kann unternommen werden, um diesen Trend zu durchbrechen?

Ich will nicht moralisieren, dann treffe ich meist nur auf Ablehnung. In meinen Vorträgen werbe ich für Werte jenseits des Geldes. Werte machen das Leben wertvoll. Es macht mehr Spaß mit Werten zu leben als ohne. Keine Werte zu haben, bedeutet immer auch ein Stück weit Selbstverachtung und Menschenverachtung,.

Als einzelner mag dieser Weg möglich sein, aber die gesamte Gesellschaft kann sich den Folgen der Globalisierung nicht so einfach entziehen.

Die Globalisierung ist natürlich eine Herausforderung. Für die reine Massenproduktion sind die Löhne in Deutschland mittlerweile zu hoch. Wir in Deutschland müssen schauen, wo unsere Stärken liegen. Da braucht es Fantasie und Kreativität. Die Kernfrage lautet: Wie kann Deutschland in der Zukunft auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben? Die Globalisierung darf auch nicht dazu führen, dass wir andere kaputt machen. Sie muss dazu führen, dass Kriege verhindert werden und Armut bekämpft wird. Wenn Globalisierung nur als Macht des Stärkeren verstanden wird, gereicht sie nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil. Wir müssen Humanität globalisieren und die Globalisierung humanisieren.

Interview: Marcus Gatzke
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