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Interview

Bestsellerautor: Pater Anselm Grün: Das ist sein ultimativer Tipp zum Glücklichsein

Die Kirche hat's schwer, aber Pater Anselm Grün hören die Menschen zu. Der Benediktiner hat 300 Bücher geschrieben und mehr als 15 Millionen verkauft. Im Interview spricht er über Lob vom Papst, Wege zum Glück und die Schattenseiten der modernen Selbstoptimierung.

Anselm Grün

Benediktinerpater Anselm Grün, 73 Jahre, leitete als Cellerar viele Jahre die Wirtschaftsbetriebe der Abtei Münsterschwarzach. Bekanntheit erlangte er als Bestsellerautor spiritueller Bücher, als Referent sowie durch Fernsehauftritte. Er gilt als Vertreter eines modernen liberalen Christentums.

Pater Anselm, kürzlich hat sogar der Papst den Priestern in Rom Ihr Buch "Lebensmitte als geistliche Aufgabe" zur Bewältigung einer Midlife-Crisis empfohlen. Was haben Sie gedacht, als Sie das gehört haben?

Ich habe mich natürlich gefreut. Ich wusste, dass der Papst meine Bücher kennt und auch gerne verschenkt. Aber dass er sie jetzt seinen Priestern in Rom empfiehlt, da fühle ich mich natürlich sehr geehrt.

Sie haben über 300 Ratgeberbücher geschrieben und 15 Millionen Exemplare verkauft. Wie erklären Sie sich, dass immer weniger Menschen in die Kirche gehen, aber immer mehr die Bücher eines Benediktinermönchs lesen?

Zum einen gibt es die Sehnsucht nach einer gesunden Spiritualität - nicht nach einer moralisierenden, die ständig Forderungen stellt -, sondern einer die aufbaut, die Mut gibt, die hilft zu leben. Zum anderen versuche ich eine einfache Sprache zu sprechen, die die Leute verstehen. Ich moralisiere nicht, sondern beschreibe das Leben, wie es ist.

Ist das In-die Kirche-gehen zu altmodisch geworden?

Vielen hilft es, in der Kirche einen Raum der Stille zu finden. Die Kirche ist aber nicht der einzige Ort, an dem man sein Christsein leben kann. Wichtig ist, dass wir heute in der Kirche eine Sprache sprechen, bei der die Menschen das Gefühl haben: Das gibt mir etwas. Wenn einer mich nur anpredigt und mir sagt, was ich alles tun soll, habe ich nicht so große Lust, mir das jeden Sonntag anzuhören.

Sie gehen auf die Menschen über verschiedene Plattformen und Kanäle zu. Seit Neuestem sogar mit einem Onlinekurs zum Thema "Für sich und andere sorgen". Was können die Menschen, die das buchen, erwarten?

Dass sie sich mit ihren Sorgen verstanden fühlen. Sie lernen, dass es ganz normal ist, dass man sich Sorgen macht. Und sie lernen, wie sie die negative quälende Sorge in eine positive gute Fürsorge umwandeln. Die Kursteilnehmer können mir auch Mails schreiben, ich beantworte jede persönlich.

Sorgen sich die Menschen in unserer Gesellschaft eher zu viel oder zu wenig?

Die Menschen haben zu viele quälende Sorgen - um ihre eigene Zukunft oder die Zukunft der Welt. Wenn sie negative Nachrichten hören, dann können sie nicht schlafen. Ich muss erkennen, dass ich nicht für alles in der Welt verantwortlich bin, sondern muss schauen, was kann ich tun und was nicht. Sich um alles Sorgen zu machen frisst nur die Energie auf.

In Ihrem jüngsten Buch zum Thema sprechen Sie auch explizit über die Sorge um die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Ist Ihnen das ein wichtiges Anliegen?

Sicher, die Menschen sind zu uns gekommen und wenn man sie vernachlässigt, führt das zu Aggressivität. Integration und Sorge für diese Menschen kann ihre Traumata heilen und dann kann es auch ein Segen werden für unsere Gesellschaft.

Worüber machen Sie sich persönlich Sorgen?

Ich mache mir Sorgen um manche Entwicklungen in der Gesellschaft. Dass alles nur nach ökonomischen und finanziellen Gesichtspunkten beurteilt wird. Dass die Zahlen wichtiger sind als der Mensch. Außerdem beobachte ich eine steigende Verrechtlichung, dass man alles absichern will. Wenn Krankenpfleger 30 Prozent ihrer Energie für Protokolle verwenden müssen, dann stimmt da was nicht. Je mehr unser Wirtschaften von Angst geprägt wird, desto komplizierter wird alles. Außerdem sorge ich mich, ob die Weitergabe des Glaubens an die nachfolgenden Generationen gelingt.

Lesen Sie selbst viele Ratgeberbücher?

Ich lese viele spirituelle Bücher und psychologische Bücher, aber so typisch amerikanische Ratgeberbücher lese ich nicht. Die sind mir zu plakativ. Ich habe neulich ein Buch gesehen: "Wie du dich in sieben Tagen vollständig verändern kannst". Das ist natürlich vollständiger Unsinn. Ich spreche lieber von Verwandlung statt von Veränderung. Bei Veränderung muss ich alles anders machen, ein anderer Mensch werden, Verwandlung ist sanfter. Verwandlung heißt, ich darf so sein wie ich bin, aber ich möchte noch mehr hineinwachsen in meine wahre Gestalt.

Das ständige Streben nach Selbstoptimierung ist ja auch wieder eine Quelle für neuen Stress.

Wenn man ständig Selbstoptimierung betreibt und alles ändern will, ist man unruhig und aggressiv. Jeder muss sich wandeln, sonst erstarrt er, aber eben sanfter und nicht mit Hauruck-Methoden.

Sind wir heutzutage übercoacht?

Manche schon. Die haben so viel damit zu tun, ständig neue Methoden zu lernen, dass sie das Leben versäumen. In meinen Führungsseminaren geht es daher weniger um Methoden, sondern darum, mit sich selbst in Einklang zu kommen. Wer nur Selbstoptimierung betreibt und um sich selbst kreist, fühlt sich vom Leben ausgeschlossen.

Was ist Ihr ultimativer Tipp, um glücklich zu werden?

Der Tipp, den schon Erasmus von Rotterdam gegeben hat: Glück besteht darin, der sein zu wollen, der ich bin. Das bedeutet: Nicht ständig an sich herumändern zu wollen, sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Sich mit seiner eigenen Durchschnittlichkeit aussöhnen und akzeptieren, dass ich in meiner Begrenztheit ein einmaliger und wertvoller Mensch bin. Und trotzdem darauf vertrauen, dass da in mir etwas wachsen kann.