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Rekord-Zinssenkung der EZB: Was Sparer wissen sollten

Inflation, Deflation, Negativzinsen: Was bedeutet die Entscheidung der Europäischen Zentralbank für den normalen Sparer? Fragen und Antworten.

Von Andreas Hoffmann

EZB-Präsident Mario Draghi verkündet die Zinssenkungen: Mit der drastischen Maßnahme will die Europäische Zentralbank die Geschäftsbanken zum Geldverleihen zwingen.

EZB-Präsident Mario Draghi verkündet die Zinssenkungen: Mit der drastischen Maßnahme will die Europäische Zentralbank die Geschäftsbanken zum Geldverleihen zwingen.

Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi hat am Donnerstagnachmittag zwei Zahlen verkündet. Beide sind historisch. Zum einen fällt der Leitzins auf mickrige 0,15 Prozent. Ein Rekord. Zum anderen müssen Banken, die ihr Geld bei der EZB parken wollen, nun einen Negativzinssatz zahlen, sprich: eine Gebühr in Höhe von 0,1 Prozent. Was bedeutet das alles für den Sparer? stern-Redakteur Andreas Hoffmann gibt Antworten. Und zwar so, dass sie nicht nur Notenbanker verstehen.

Was ist mit Geld auf dem Sparbuch, sollte ich das Geld jetzt anders investieren?

Nur wenn Sie das Risiko lieben. Für die Geldanlage gilt der Spruch: "Wer Anleihen hält oder das Geld auf dem Sparbuch parkt, schläft gut; wer Aktien oder Risikopapiere kauft, isst gut." Null Risiko und Super-Rendite gibt es nicht; wer das verspricht, will Sie aufs Kreuz legen. Soll die Geldanlage mehr abwerfen, müssen Sie ins Risiko gehen. Aber das kann auch schief gehen. Dann essen Sie kein Kaviar sondern trockenes Brot.

Warum hat die EZB den Leitzins weiter gesenkt?

Im Süden Europas sieht es düster aus. Viele Leute, besonders junge Menschen, finden keinen Job, die Firmen investieren kaum, die Banken vergeben nur wenige Kredite, die Wirtschaft lahmt. Mit niedrigen Zinsen und anderen Maßnahmen, wie dem Negativzins auf Bankeinlagen bei der EZB, will die Notenbank für neuen Schwung sorgen. Und sie will den Euro billiger machen. Der angeblich so schwache Euro ist zuletzt ziemlich stark geworden. Weil die Anleger Europa wieder vertrauen, floss zu viel Kohle zu uns, der Wechselkurs erreichte neue Höhen. Weil so aber die exportierten Waren teurer werden, können die Firmen weniger in China, Indien oder USA verkaufen. Die Krisenländer kommen noch schwerer aus dem Loch. Sinken die Zinsen weiter, ziehen die internationalen Geldgeber einige Milliarden ab und legen sie woanders an. Der Wechselkurs fällt.

Warum haben wir schon seit Jahren so niedrige Zinsen?

Das Leben ist eine Krise, ist eine Krise, ist eine Krise. Erst klappte die Investmentbank Lehman Brothers zusammen und versetzte die Welt in eine Schockstarre, dann zitterten wir um das Überleben des Euros. Die gröbste Gefahr ist mittlerweile gebannt, weil die internationalen Geldgeber den Euro-Staaten wieder vertrauen. Doch in diesem seit Jahren währenden Kampf gegen die Krise haben die Notenbanken Milliarden in die Märkte gepumpt und die Zinsen gesenkt, andernfalls wären Banken und Staaten kollabiert, und das internationale Finanzsystem wäre am Ende gewesen. Politiker und Notenbanker haben also keinen schlechten Job gemacht.

Nun gelten negative Zinsen, muss ich bald bei den Banken draufzahlen?

Vermutlich nicht. Den negativen Zins zahlen nur Banken, wenn sie Geld bei der EZB parken. Viele Kreditinstitute wollen ihn nicht weitergeben. Sagen sie jedenfalls. Bislang. Es wäre auch schön blöd. Mit einem Negativzins würden sie die Sparer verprellen und verlören eine gute Quelle, um sich billig Geld zu besorgen. Über die Einlagen der Kunden können sie günstig ihre Geschäfte finanzieren. Vielleicht mauscheln die Banken anderweitig und erhöhen die Gebühren, sie sind da erfinderisch.

Inflation und Deflation – was ist das und was macht es mit meinem Geld?

Mit beidem ist es wie mit dem Alkohol: In kleiner Dosis okay, in großer Dosis droht Verwüstung. Bei der Inflation steigen die Preise, bei der Deflation fallen sie. Mit einer gewissen Inflation rechnen die Notenbanker, etwa zwei Prozent im Jahr. Schlimm wird die Inflation, wenn die Preise um 20 oder mehr Prozent zulegen. Dann verlieren die Menschen das Vertrauen in das Geld. Im Mai lag die Inflationsrate im Euroraum bei 0,5 Prozent. Das ist zu niedrig, vor allem weil die Konjunktur zulegt, und so die Preise zulegen müssten. Es könnte eine Deflation drohen, was die EZB auf jeden Fall verhindern will.

Sinkende einzelne Preise sind normalerweise nicht schlecht. Davon leben Branchen, wie der Handel und die Computerindustrie, weil die Leute mehr kaufen. Sinkende Preise auf breiter Front sind aber schlecht, weil im Gefolge auch die Einkommen sinken und die Leute düster in die Zukunft schauen. Keiner investiert mehr, keiner kauft mehr, alle erwarten das Schlimmste. Ist diese Deflation eingetreten, kann man ihr nur schlecht entrinnen. Japan kämpfte seit den neunziger Jahren mit der Deflation und befreit sich erst langsam daraus.

Gut ist die Deflation nur für die Vermögenden. Ihr Reichtum wird mehr wert, wohin gegen alle anderen, Unternehmer, Staat, Arbeitnehmer verlieren. Es gibt weniger Jobs, es wird weniger investiert und wer Schulden hat, zahlt immer mehr, um die Kredite abzustottern. Bei der Inflation verlieren dagegen vor allem die Reichen. Wird das Geld weniger wert, entwerten sich auch die Vermögen.

Haben die Beschlüsse der EZB auch Vorteile?

Klar. Das Geld wird billiger, wenn die Banken die Zinssenkung weitergeben. Kunden erhalten günstigere Darlehen; Häuslebauer können sich freuen, aber auch Unternehmen und Staat. Die Firmen können so mehr investieren und Jobs schaffen. Der Staat zahlt für seine Schulden weniger Zinsen. Blöd sind die niedrigen Zinsen für Ihre Lebensversicherung. Die verliert an Wert. Lebensversicherer können die Kundengelder schlechter anlegen und so weniger ausschütten.

Wann hört diese verdammte Eurokrise eigentlich auf?

Krise? In Deutschland gibt es keine Krise, nur eingebildete Ängste, die von einigen Ökonomen und Politikern der Alternative für Deutschland geschürt werden. Wir haben seit Jahren wenig Arbeitslose, eine Wirtschaft, die wächst, einen Staat, der immer mehr Kohle einnimmt und Renten- und Krankenkassen, die im Geld schwimmen. Wenn das Krise ist, darf sie noch ein paar Jahre dauern.

Krise haben Spanier, Italiener, Franzosen, Portugiesen, Iren und Griechen. Sie finden kaum eine Arbeit, müssen immer mehr Steuern zahlen, bekommen weniger Rente, erhalten weniger Medikamente, sehen seltener einen Arzt und die Stütze für die Sozialschwachen wird weiter gekürzt. Und aus Deutschland hören diese Länder: Ihr müsst den Gürtel noch enger schnallen oder am besten gleich die Eurozone verlassen. So schaffen wir uns richtig viele Freunde in Europa.

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