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Sparkassen-Chef: "Wir sind die deutsche Bank"

Abgehobene Manager, miese Beratung, "schlechte Verlierer" - Sparkassen-Präsident Dietrich H. Hoppenstedt lässt an der privaten Konkurrenz kein gutes Haar.

stern: Herr Hoppenstedt, laut einer stern-Umfrage vertrauen nur noch 35 Prozent der Deutschen den Banken. Ihr Ruf ist ramponiert.

Dietrich Hoppenstedt: Bei den Sparkassen liegt der Wert nach unseren Erhebungen bei 62 Prozent. Daran können Sie ermessen, wie gering das Vertrauen der Bürger in unsere privaten Konkurrenten ist.

Was haben die Manager der einst so angesehenen Geldhäuser falsch gemacht?

Manche der großen privaten Bankkonzerne bewegen sich nicht mehr in der realen Welt, sondern in einer virtuellen, globalen Welt des Geldes. Das verstehen die Bürger nicht mehr. Sie merken, dass sich diese Banken von den Menschen entfernt haben. Weite Teile der Finanzwirtschaft sind abgehoben. Das ist eine der wichtigsten Ursachen für das Misstrauen. Die Großbanken...

...die größten privaten Institute hierzulande sind Deutsche Bank, HypoVereinsbank, Dresdner Bank und Commerzbank...

...müssen ihren Aktionären den schnellen Profit versprechen, Quartal für Quartal. Dabei haben sie die Beziehung zu ihren Kunden und übrigens auch zu vielen ihrer Mitarbeiter aus den Augen verloren. Wer den Rauswurf von Kunden und Mitarbeitern zur Strategie erhebt, verspielt seine Zukunft.

Sie können den Unmut vieler Kunden verstehen, die sich schlecht beraten fühlen, weil sie mit Aktien auf die Nase gefallen sind oder ihnen Schrottimmobilien aufgequatscht wurden?

Ja. Natürlich passiert so etwas immer mal wieder, auch bei uns. Aber bei anderen kann man dahinter durchaus einen Trend erkennen. Ich kann mich erinnern, dass auf dem Höhepunkt des Börsenbooms deutsche Großbanken ausschließlich in Aktien hineinberaten haben. Fragen Sie heute mal diejenigen, die dem gefolgt sind, wie es ihrem Geld geht! Wir Sparkassen haben schon damals davor gewarnt, alles nur auf Aktien zu setzen. Wer das macht, legt sein Geld nicht vernünftig an, er spielt. Und wer dazu rät, verleitet zum Spielen.

Ihre Kollegen Bankmanager - alle nur Zocker?

Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Unternehmen Geld verdienen wollen. Aber wenn man dieses Ansinnen über das Interesse des Kunden stellt und mehr auf Provisionen achtet als auf eine ausgewogene Beratung, dann darf sich niemand über ein schlechtes Image wundern.

Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, muss sich derzeit vor Gericht im Mannesmann-Prozess verantworten, wo es um Abfindungszahlungen von insgesamt 111 Millionen Mark geht. Ackermann hat sich dort breit lachend mit Victory-Zeichen präsentiert und das Verfahren kritisiert. Wird dadurch das Vertrauen in die Banken weiter beschädigt?

Zu einem laufenden Verfahren möchte ich mich nicht äußern. Aber das Gebaren von Herrn Ackermann zeugt davon, dass er in einer anderen Welt lebt - so wie die Bank, die er vertritt. Deren Machtzentrum lässt sich von niemandem mehr verorten. Wir fragen uns immer: Was ist an der Deutschen Bank noch deutsch? Herr Ackermann hat gesagt, der bedeutendste Wert seines Unternehmens seien die 200 Führungskräfte und Investmentbanker. Das muss man sich mal vorstellen. 200! Und die anderen 67.500 Mitarbeiter, was ist mit denen? Und die Kunden, zählen die gar nichts? Kunden und Mitarbeiter kommen in dieser Philosophie nicht mehr vor. Eine solche Denkweise ist den Sparkassen fremd. Die Deutsche Bank hat ausschließlich vermögende Kunden weltweit im Visier, wir kümmern uns um alle in Deutschland. In Wahrheit sind wir die deutsche Bank.

Herr Hoppenstedt, in Wahrheit sind Sie schuld an der Bankenkrise. Rolf Breuer, Präsident des privaten Bankenverbandes, sagt: "Durch die strikte Abschottung der Sparkassen sind die deutschen Banken im internationalen Wettbewerb im Nachteil."

Das ist die schlechte Entschuldigung eines schlechten Verlierers.

Aber die öffentlich-rechtlichen Sparkassen beherrschen fast zwei Drittel des Privatkundenmarktes, Sie sind der größte Finanzierer des Mittelstandes. Und wenn's schief geht, haften qua Gesetz Länder und Gemeinden für Ihre Geschäfte.

Wir beherrschen nichts, sondern wir haben uns alles im Wettbewerb erarbeitet. Wir sind zielstrebig Marktführer geworden und konnten diese Position in wichtigen Bereichen zuletzt ausbauen. Die Rückdeckung der öffentlichen Hand für die Sparkassen war das Gegenstück zum Kapital, das andere Banken von ihren Eignern erhalten. Sparkassen haben nie Kapital bekommen und auch von der Haftungszusage der Kommunen praktisch nie Gebrauch gemacht. Aber es ist auch Geschichte, da die Haftung der öffentlichen Hand wegfällt.

Die Welt hat sich verändert. Wozu braucht es noch Sparkassen?

Die Diskussion über die Abschaffung der Sparkassen ist vor allem das Sandkastenspiel einiger Ökonomen und unserer Konkurrenten. Im Ergebnis würde das in eine Katastrophe führen. Schauen Sie nach Großbritannien: Da hat Margret Thatcher die Sparkassen privatisiert, mit dem Ergebnis, dass zehn Prozent der Bevölkerung keine Kontoverbindung mehr haben. Der Mittelstand bekommt nicht ausreichend Kredite. Die Sparkassen in Deutschland abzuschaffen, hieße, das Feld drei oder vier großen Spielern zu überlassen. Das würde nicht mehr Wettbewerb bringen, sondern weniger - und wäre für die Kunden am Ende teurer. Der ehemalige EU-Wettbewerbskommissar Karel Van Miert, sicher kein Anti-Marktwirtschaftler, hat erst vor kurzem unser deutsches Sparkassen-Modell als Vorbild herausgestellt. Wer etwas anderes will, beschwört all die sozialen Probleme herauf, die wir mit unserer heutigen Struktur verhindern können.

Die Stadt Stralsund will ihre Sparkasse verkaufen, die Commerzbank hat Interesse angemeldet. Das wäre die erste Sparkasse, die in privater Regie betrieben würde. Was wäre so schlimm daran?

Stralsund wäre ein Präzedenzfall. Sparkassen sind dem Wohl ihrer Region verpflichtet, private Unternehmen nur ihren Eigentümern. Wenn eine Sparkasse zum Beispiel als Aktiengesellschaft agieren würde, müsste sie Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf andere Aufgaben betreiben. Wie soll das zu unserer Gemeinwohlorientierung passen? Eine deutsche Großbank, das zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre, kann überhaupt keine Sparkasse führen. Sie verstehen von dem Geschäft nichts, das ist eine andere Welt.

Meinen Sie im Ernst, dass Sparkassen die besseren Banken sind? Auch Sie haben Anleger in den Ruin getrieben, auch Sie streichen Mittelständlern Kredite.

Auch uns unterlaufen Fehler, leider. Aber nehmen Sie das Kreditgeschäft mit mittelständischen Unternehmen. Es waren die privaten Banken, die ein Viertel ihres Marktanteils aufgegeben haben. Dass es in Deutschland trotzdem keine Kreditklemme gibt, liegt an der Sparkassen-Finanzgruppe. Wir haben die Lücke geschlossen.

Sie haben angekündigt, dass die Sparkassen mehr Rendite erwirtschaften sollen: 15 Prozent. Sie betreiben künftig also auch nichts anderes als Gewinnmaximierung!

15 Prozent Rendite vor Steuern aufs Eigenkapital hatten wir vor Jahren schon einmal, da wollen wir in einem schwierigen Markt wieder hin. Und dass Sparkassen wettbewerbsfähig sein müssen, wird niemand bestreiten. Alles andere würde uns zu Recht als Verschwendung von Kapital entgegengehalten.

Werden die Bankgebühren steigen?

Einen breiten Trend zur Preissteigerung sehe ich dank des Wettbewerbs nicht. Aber wir werden uns auch in Deutschland daran gewöhnen müssen, dass Dienstleistungen - und dazu zählt der Zahlungsverkehr - ihren Preis haben.

Wenn Sie Ihre Gewinne steigern wollen, bedeutet das für die Kunden: erhöhte Wachsamkeit - empfohlen wird nicht mehr, was dem Anleger nutzt, sondern was der Sparkasse viel bringt.

Als Öffentlich-Rechtliche werden wir immer Gewinnorientierung mit Verantwortung für die Gesellschaft verknüpfen. Bei uns fließen nur kleine Teile des Gehalts als Provisionen, damit die Beratung nicht zum reinen Verkaufsgespräch wird. Wir kümmern uns über ein ganzes Leben hinweg um die Kunden. Auch um die - von denen viele jetzt zu uns kommen -, die in private Banken kein Vertrauen mehr haben.

Frank Donovitz, Frank Thomsen / print