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Steuern: Ach du dicker Döner!

Auf der Jagd nach unversteuerten Mehreinnahmen setzen die Steuerfahnder mittlerweile auf Mathematik: Mittels statistischer Regeln vermessen Steuerfahnder sogar den Umfang von Kebap-Broten - und decken dabei frisierte Kassenbeträge und Scheinrechnungen auf.

Von Petra Maier

Der Inhaber einer Dönerbude wollte ganz große Brötchen backen. So stand es jedenfalls in seinen Geschäftsbüchern: Zwölf Tonnen Mehl hatte er in einem Jahr eingekauft, daraus waren 25.000 Kebaps über die Ladentheke gegangen. Macht rein rechnerisch Dönerbrote, die ein Pfund schwer sind. Wahre Pfundsdöner also. Die Betriebsprüfer wurden stutzig: Üblicherweise werden von einem Kilo Mehl sechs bis acht Dönerbrötchen gebacken. Die Fahnder drehten in dem Imbiss daraufhin jedes Salatblatt um, um die unversteuerten Mehreinnahmen aufzudecken.

Auffälligkeiten auf den Grund gehen

Dafür sind sie inzwischen auch technisch bestens gerüstet. Mit dem Softwareprogramm "Winidea" spüren 14.000 Steuerfahnder in Deutschland Zahlenjongleure auf. Seit 2002 gelten die "Grundsätze zum Datenzugriff und zur Prüfung digitaler Unterlagen". Sie erlauben den Finanzverwaltungen, die Bücher und Geschäftsvorfälle automatisiert zu prüfen. Und das geht mit der speziellen Software auch sehr schnell. In wenigen Sekunden können beispielsweise fortlaufende Rechnungsnummern überprüft werden. Für Vorgänge, die manchmal gar nicht oder nur mit großem Zeitaufwand möglich waren, genügt jetzt ein Tastendruck. "Die Zeitersparnis verwenden Prüfer gern, um den Auffälligkeiten genauer auf den Grund zu gehen", sagt Frank Hartmann, Steuerberater aus Solingen.

Die Prüfungssoftware bedient sich statistischer Methoden. Frisierte Zahlen oder Lücken in der Buchhaltung enttarnt der Betriebsprüfer beispielsweise mit dem Chi-Quadrat-Test. Er basiert auf der Annahme, dass bei langen Zahlenreihen alle Ziffern gleich häufig vorkommen. Erfundene Zahlen zeigen aber eine Häufung von "Lieblingszahlen". Das Programm erkennt solche Auffälligkeiten und signalisiert einen eventuellen Betrug.

Wann Unternehmen verdächtigt werden

Auf diese Weise wurde auch die "kreative" Kassenführung eines Metzgereibesitzers entlarvt. Er hatte die Tageseinnahmen schlicht erfunden. Die Anzweiflung der Testergebnisse vor Gericht blieb ohne Erfolg. Das Finanzgericht Münster entschied zugunsten der Statistik (Az.: 6 V 4562/03 Euro, U).

Den Chi-Quadrat-Test wenden die Prüfer in allen Betrieben an, in denen ein hoher Kassenumsatz herrscht, Umsatzbücher geführt und Waren verarbeitet und weiterverkauft werden. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Unternehmen auch dann verdächtigt werden, wenn sie ihre Bücher ordnungsgemäß geführt haben, nur weil der Test Auffälligkeiten meldet. "Die Gefahr ist hoch, dass das Finanzamt bei bestimmten Testergebnissen sofort annimmt, dass etwas nicht stimmt", sagt Georg Enk von der Ubis Steuerberatungsgesellschaft in Bocholt. "Wir empfehlen unseren Mandanten deshalb, ein Betriebstagebuch zu führen."

Betriebstagebuch als Beleg

Verdirbt etwa in einem Restaurant viel Ware, weil die Kühlanlage ausgefallen ist, stolpern die Betriebsprüfer bei einer späteren Überprüfung des Warenlagers unter Umständen über Abweichungen. "Ist der Vorfall dokumentiert und mit einer Rechnung für die Reparatur zu belegen, kann der Geprüfte den Nachfragen der Steuerprüfer jederzeit standhalten und einer Zuschätzung entgegenwirken", sagt Enk.

Um Steuerbetrug, Bilanzfälschung oder schwarze Kassen aufzudecken, nutzen die Prüfer auch noch eine andere statistische Methode, das Benford'sche Gesetz. Damit wurden auch die US-Unternehmen Enron und Worldcom der Bilanzmanipulation überführt. Im Gegensatz zum Chi-Quadrat-Test untersucht die Benford'sche Methode die ersten Ziffern einer geschäftlichen Buchung. Diese sollten zu 30 Prozent mit einer Eins und lediglich in 4,5 Prozent aller Fälle mit einer Neun beginnen. Abweichungen von diesen Wahrscheinlichkeiten deuten auf eine Manipulation hin.

Auf der Suche nach Scheinrechnungen

Vor allem auf der Suche nach Scheinrechnungen ist der Benford-Test zuverlässig, denn erfundene Rechnungen folgen erfahrungsgemäß nicht der typischen Verteilung nach Benford. "Hier nützt weder Würfeln noch das Ausdenken von Zahlen", sagt Roger Odenthal, Unternehmensberater aus Köln und Experte bei der Betrugsanalyse von Geschäftszahlen. "Die Benford'sche Verteilung von Ziffern ergibt sich einfach aus der natürlichen Geschäftstätigkeit und ist mit einfachen Manipulationen nicht nachzustellen."

Diese Erkenntnis hat sich auch bei den Steuerbehörden verbreitet. "Finanzämter verfügen mittlerweile über speziell ausgebildete Betriebsprüfer, die mit dieser Technik gezielt nach Scheinrechnungen in großen Unternehmen suchen", sagt Odenthal. Wie viel Mehreinnahmen durch die Schnüffelsoftware "Winidea" dem Fiskus zufließen, das ist statistisch allerdings noch nicht erfasst. Doch die Anschaffung dürfte sich gelohnt haben, der Einsatz der Prüfer auf jeden Fall. Die zusätzlichen Steuereinnahmen pro Prüfer gab das Bundesfinanzministerium vor einiger Zeit mit rund 500.000 Euro an.

FTD
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