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Steuerskandal: Brisanter Datenklau in Liechtenstein

Der Steuerskandal mit Klaus Zumwinkel im Mittelpunkt nimmt ungeahnte Ausmaße an. Einer Vielzahl von Deutschen, die Geld in Liechtenstein angelegt haben, droht Ärger mit den Steuerbehörden. Nach Informationen von stern.de sind 725 brisante Datensätze von Kunden der Liechtensteinischen Landesbank in der Hand von Erpressern.

Von Manuela Pfohl

Die Bochumer Staatsanwaltschaft ist möglicherweise tausenden Steuersündern auf der Spur, die ihr Geld am deutschen Fiskus vorbei auf Konten in Liechtenstein "falsch geparkt" haben. Aktuellster Fall: Postchef Klaus Zumwinkel, der eine Million Euro Steuern über eine Stiftung in Liechtenstein hinterzogen haben soll.

Doch noch viel mehr Deutschen, die ihr Geld in Liechtenstein angelegt haben, droht jetzt Ärger mit den Steuerbehörden. Denn nach Informationen von stern.de aus Ermittlerkreisen sind 725 brisante Datensätze deutscher Kunden der Liechtensteinischen Landesbank in der Hand von Erpressern.

Rückblende: Im November 2007 hatten die Ermittler des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern zugegriffen. Am Hamburger Flughafen wurde damals Michael F. festgenommen, als er nach Thailand ausreisen wollte. Die Rostocker Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbs- und bandenmäßige Erpressung in mehreren Fällen zu. Er habe die Liechtensteinische Landesbank (LLB) seit 2005 damit erpresst, Kundendaten mit Namen möglicher Steuerflüchtlinge bekanntzugeben. Informationen, die ihm Roland L., ein Ex-Mitarbeiter des traditionsreichen Unternehmens, über Mittelsmänner zugespielt hatte. Ein Supergau für die LLB. Denn sie kann nichts weniger gebrauchen als Negativschlagzeilen, die die Verschwiegenheit und Lukrativität des exklusiven Finanzplatzes in Frage stellen. Es galt, schnell zu reagieren.

Angst vor Erpressung

Im August 2005 habe die Bank für die Rückgabe von 700 brisanten Datensätzen bereits 7,5 Millionen Schweizer Franken - umgerechnet rund fünf Millionen Euro - gezahlt, erfuhr stern.de aus Ermittlerkreisen. Eine nächste Rate Schweigegeld in Höhe von vier Millionen Euro folgte angeblich im August 2007. Damit sollen weitere 900 Datensätze ihren Weg zurück in den Safe der Liechtensteinischen Landesbank gefunden haben. Mit der Option, dass in zwei Jahren der Rest des Materials geliefert wird. Doch dazu wird es möglicherweise nicht kommen.

Denn nach der Festnahme von Michael F. ist der Kontakt zu ihm schwieriger geworden. Angeblich habe eine Hamburger Anwältin in den vergangenen Tagen den Kontakt zum Juristen der Bank gesucht, erfuhr stern.de aus Liechtensteiner Finanzkreisen. Demnach bietet sie der Bank ein Gespräch über die missliche Lage des Instituts und mögliche Lösungen an. Das Ergebnis ist offen. Cyrill Sele, Sprecher der LLB, will stern.de keinerlei Informationen zum laufenden Verfahren geben. Nur soviel: Die Namen der Kunden, deren Datensätze noch vermisst werden, seien der Bank bekannt. "Die entwendeten Bankunterlagen betreffen nur einen kleinen Teil der deutschen Bankkunden", sagt Sele. Im Bedarfsfall würden diese informiert. Wann der Bedarfsfall eintritt, möchte Sele nicht näher erläutern. Allerdings hoffe er, dass der LLB öffentliche Enttarnungen, wie im Fall des Ex-Postchefs Klaus Zumwinkel, erspart blieben. Er war als möglicher Steuerhinterzieher aufgeflogen, weil ein anonymer Hinweisgeber dem Bundesnachrichtendienst einen Tipp gegeben hatte.

Bereits im Jahr 1999 hatte die LLB mit einer Erpressung zu kämpfen. Der Bundesnachrichtendienst hatte sich damals das ihm angebotene hochbrisante Material gesichert. Dutzende "Falschparker" gingen den deutschen Steuerfahndern daraufhin ins Netz. Allein die Staatsanwaltschaft Bochum konnte bis 2004 in 67 Fällen rund 40 Millionen Euro an hinterzogenen Steuern einziehen.

In Mecklenburg-Vorpommern arbeiten zurzeit sieben Ermittler am "Fall Liechtenstein". Ihr wichtigstes Ziel ist es, die 725 unbekannten Datensätze zu finden. Zum Wohl des deutschen Steuersäckels.