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Stiftung Warentest: Banken zocken ungeniert weiter mit Dispozinsen ab

Wer sein Konto überzieht, muss mit Wucherzinsen rechnen. Beim Dispo kassieren Banken und Sparkassen kräftig ab, kritisiert Stiftung Warentest. Die Untersuchung zeigt, wer die größten Abzocker sind.

Von Simon Heinrich

Wenn am Monatsende das Geld nicht reicht, und das Girokonto ins Minus rutscht, gibt es einen eleganten Weg, doch noch flüssig zu bleiben: den Dispo. Für das Überziehen des Kontos verlangen die Banken und Sparkassen allerdings Wucherzinsen, wie Stiftung Warentest in der aktuellen Ausgabe ihrer Zeitschrift "Finanztest" kritisiert. Gerade die kleinen Institute auf dem Land bitten die Kunden am kräftigsten zur Kasse. Viele von diesen Geldhäusern nutzten "ihre Vormachtstellung" aus und verlangten teils "deutlich mehr als 13 Prozent". Die Volksbank Feldatal in Hessen hatte den höchsten Disposatz: 14,75 Prozent verlangt diese Bank von ihren Kunden, wenn sie ihren Kredit in Anspruch nehmen müssen.*

Für die Umfrage hat "Finanztest" die Dispozinsen von 1538 Kreditinstituten in Deutschland ermittelt, die Girokonten für private Kunden anbieten. Der Vergleich zeigt, dass die Bankhäuser derzeit im Schnitt einen Zinssatz von 11,31 Prozent verlangen. Dabei können sich die Banken selbst zurzeit ihr Geld so günstig wie noch nie besorgen: Gerade einmal 0,5 Prozent müssen sie an die Europäische Zentralbank zahlen. Von den Zinsvorteilen spüren die Kunden allerdings nichts, kritisiert "Finanztest."

Verständlich, dass viele Banken daher lieber die Höhe des Dispos verschweigen. Nur rund ein Viertel der Geldinstitute hatte auf Anfrage ihren zum Stichtag 1. Juli geltenden Dispozinssatz mitgeteilt. Bei weiteren 519 Banken fanden die Tester den Zinssatz mithilfe einer Internetrecherche heraus. In die verbliebenen 606 Banken mussten Testkunden geschickt werden. Dort stießen sie auf fehlende Aushänge und schlechte Ausreden, kritisiert "Finanztest". Dazu zählten etwa: "Den Dispozins können wir ihnen nicht nennen, weil sich die Zinssätze gerade ändern" (Raiffeisenbank Gotha) oder "Zinssätze können sich ändern. Deshalb nennen wir sie nicht schriftlich" (Sparkasse Wittenberg). Dass Preisaushänge gesetzlich verpflichtend sind, schien viele Banken dabei nicht zu stören. Bei 26 Banken und Sparkassen konnten keine Dispozinsen ermittelt werden.

Banken geben günstige Zinsen nicht weiter

Insgesamt hätten die Tester Zinsunterschiede "von mehr als zehn Prozent" zwischen Deutschlands Banken und Sparkassen ermittelt, berichtete "Finanztest". Angesichts der niedrigen Marktzinsen aber, zu denen sich die Institute mit Geld versorgen könnten, sollten Dispozinssätze "zurzeit klar unter zehn Prozent liegen".

Dass dies möglich ist, zeigen 94 Banken in Deutschland, die einen Dispozins von 8,5 Prozent und weniger haben. Am günstigsten ist die VR-Bank Uckermack-Randow, die bei einem bestimmten Kontotyp lediglich 4,2 Prozent für die Überziehung verlangt. Generell kommt es bei einigen der günstigen Banken aber auf das richtige Konto an. Liegen die Dispozinsen der "normalen" Konten auch oft bei mehr als 8,5 Prozent, so sind es beispielsweise beim Premium-Konto der Sparkasse Mittelmosel-Eifel Mosel Hunsrück 6,45 Prozent und beim "GiroPremium" der Merkur Bank 8,21 Prozent. Diese Konten kosten monatlich allerdings meist mehr. Einfacher ist es im Gegensatz dazu bei der deutschen Skatbank: Für das Online-Girokonto ist der Überziehungszins für alle Kunden bei 5,25 Prozent.

Die Ergebnisse des Vergleichs zeigten, dass viele Banken und Sparkassen lieber höhere Gewinne mitnähmen, "anstatt die Zinsvorteile an ihren Kunden weiterzugeben", kritisiert "Finanztest". Immerhin sei das durchschnittliche Niveau der Dispozinssätze seit dem Herbst vergangenen Jahres leicht von 11,76 Prozent auf jetzt 11,31 Prozent gesunken.

Die Verbraucherschützer werfen den Banken vor, sich nicht an Absprachen zu halten. Nach Ankündigungen der Bankenverbände sollten demnach mittlerweile die Preise für die Überziehung des Girokontos ins Internet gestellt werden. Am Stichtag 1. Juli hätten aber ein Drittel der Sparkassen und knapp zwei Drittel der Volks- und Raiffeisenbanken dies nicht gemacht.

Banken werfen Stiftung Warentest Stimmungsmache vor

Die bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken haben die Untersuchung von Stiftung Warentest als Stimmungsmache im Bundestagswahlkampf bezeichnet. Überziehungskredite seien unbesichert und damit für die Banken die teuerste Form der Kreditgewährung, sagt Manfred Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbandes Bayern (GVB). Hohe Zinsen seien demnach "schlichtweg ein kaufmännisches Erfordernis".

Die Studie der Stiftung Warentest kommt dabei allerdings zu einem anderen Urteil. Die Ausfallquote der Dispokreditzinsen liegt demnach bei 0,3 Prozent, gegenüber 2,5 Prozent bei Konsumentenkrediten. Überziehungskredite werden daher viel häufiger zurückgezahlt als gewöhnliche Kredite, mit einem kaufmännischen Erfordernis sind die hogen Zinsen daher nicht zu erklären.

Vor einigen Monaten hatte Götzl bereits darauf hingewiesen, dass kein Kunde sein Konto überziehen müsse. Günstige Kredite würden den Kunden eher dazu animieren.

Unter www.test.de/dispo können Sie den Dispozins aller untersuchten Banken einsehen.

*Die ursprünglich von Stiftung Warentest ebenfalls als Spitzenreiter geführte Raiffeisenbank Taufkirchen-Oberneukirchen hat tatsächlich einen Dispozinssatz von 13,25 Prozent und nicht 14,75, wie Stiftung Warentest am Mittwoch, 21. August, mitteilte. Wir haben diesen Text deshalb korrigiert.

mit Agenturen