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Volkswirtschaft: Spanier versinken in Schulden

In Spanien, so sagt man, befindet sich an jeder zweiten Straßenecke eine Kneipe oder eine Bankfiliale. Denn die Spanier nehmen Kredite auf, als müssten sie diese nie zurückzahlen. Die hohe Verschuldung ist die Kehrseite des Wirtschaftswunders.

Spanien gehört nicht nur mit seiner Zahl von Gaststätten zu den führenden Mächten in Europa, sondern auch auch mit seinem Netz von Geldinstituten. Die Zahl der Bankfilialen ist - gemessen an der Bevölkerung - doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Dies hat einen einfachen Grund: Die Kreditwirtschaft boomt. Die Spanier nehmen Darlehen auf, als gäbe es kein Morgen mehr.

Der Preis für das Wachstum

"Wir versinken bis über die Ohren in Schulden", schlug die Zeitung "El País" Alarm: Die Verschuldung ist die Kehrseite eines Wirtschaftswunders, um das Spanien von vielen Europäern beneidet wird. Die Wachstumsrate liegt mit 3,5 Prozent weit über dem EU-Durchschnitt; 2005 entstanden 520.000 neue Arbeitsplätze; die Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Die Regierung muss sich mit keinem Haushaltsloch herumärgern. Im Gegenteil: Der Staat erzielte 2005 einen leichten Überschuss.

Das Wirtschaftswunder basiert vor allem auf dem Boom der Bauwirtschaft. Und dieser ist mit Pump finanziert. 2005 kauften die Spanier rund eine Million Eigentumswohnungen. Der Ökonom Antón Costas umschreibt den Trend so: "Man kann die Spanier in zwei Gruppen einteilen. Die einen besitzen bereits eine Zweit- oder Drittwohnung, die anderen wollen sich eine zulegen." Hinter der Kauf- und Bauwut steckt nicht nur eine Eigentumshysterie, sondern auch ein rationales Verhalten. Die Inflationsrate ist mit knapp vier Prozent höher als der Leitzins. Schulden machen lohnt sich daher eher als sparen.

Kredit- statt Sparkultur

Mittlerweile haben die spanischen Familien einen Schuldenberg von über 640 Milliarden Euro angehäuft, drei Mal so viel wie vor acht Jahren. 77 Prozent der Kredite wurden für den Kauf oder die Instandsetzung von Wohnungen aufgenommen. "Spanien ging von einer Kultur des Sparens zu einer Kultur der Kredite über", sagt der Finanzexperte Fernando Herrero. "Der Wandel vollzog sich so rasch und abrupt, dass viele Verbraucher damit nicht fertig werden."

Die Spanier kaufen nicht nur Wohnungen auf Pump, sondern auch Autos, Möbel oder Kleidung. Es herrscht ein wahrer Konsumrauch. "Manche kaufen teure Autos oder Modekleidung, die sie sich eigentlich nicht leisten können", erläutert der Soziologe Octavio Uña. Fast 60 Prozent der Spanier kommen mit ihrem Geld nicht bis zum Monatsende aus. Um Engpässe zu überbrücken, greifen viele zur Kreditkarte und zahlen im Supermarkt oder an der Tankstelle mit "Plastikgeld".

Schulden machen, um die Schulden zahlen zu können

Einige Spanier gerieten regelrecht in eine Schuldenspirale. Die 43-jährige Laura aus der Madrider Vorstadt San Sebastiàn de los Reyes hatte zum Beispiel zu ihrer Hochzeit eine Hypothek für den Kauf einer Wohnung aufgenommen. Später folgten Darlehen für ein Auto, für das Schulgeld für die Kinder und eine Urlaubsreise. Schließlich musste die Verwaltungsangestellte sogar Kredite aufnehmen, um ihre Schulden abzahlen zu können. Die Banken haben sich auf den Markt eingestellt und bieten so genannte "Schnellkredite" an. Diese werden ohne Formalien gewährt, allerdings kassieren die Geldinstitute dafür Zinsen von etwa 25 Prozent.

Der Boom hält an, solange die Leitzinsen niedrig bleiben. Wenn die Zeit des "billigen Geldes" zu Ende geht, droht dem Wirtschaftswunder ein jähes Ende. Die langfristigen Hypothekenzinsen sind nämlich nicht festgeschrieben, sondern werden regelmäßig dem jeweiligen Zinsniveau angepasst. Das heißt: Bei einer starken Zinssteigerung stünden Tausende von Spaniern vor dem Ruin, weil sie die Schulden für die Wohnung nicht mehr bedienen könnten. Die aufgeblähte Bauwirtschaft würde dann zerplatzen wie eine Blase.

Hubert Kahl/DPA / DPA