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WELTWIRTSCHAFT: Terror trifft vor allem die Dritten Welt

Dabei sind durch die Folgen Handel, Tourismus und Luftfahrt am stärksten belastet. Die OECD erwartet sogar mittelfristig ein Prozent weniger Wirtschaftswachstum.

Der Anschlag auf das World Trade Center vom 11. September 2001 hat nach Schätzung des Bundesnachrichtendienstes in der Vorbereitung höchstens eine Million Euro gekostet. Dabei töteten die Terroristen nicht nur fast 2.800 Menschen, sondern richteten auch Schäden von vielen Hundert Milliarden Euro an: Die Weltwirtschaft wird mittelfristig rund ein Prozent weniger Güter und Dienstleistungen produzieren, erklärte OECD-Direktor Willi Leibfritz am Wochenende in Tutzing.

Entwicklungsländer schwer betroffen

Am stärksten werden ausgerechnet die Entwicklungsländer getroffen. Leicht verderbliche Lebensmittel per Flugzeug in die Metropolen des Westens zu bringen, sei aufwändiger geworden. Transporte von Schiffen aus Dritte-Welt-Häfen, die von örtlichen Händlern abgewickelt werden, drohten wegen der schärferen Kontrollen auf der Kriechspur zu landen, erklärte Leibfritz. Die indirekten Folgen des Terrors belasteten den Welthandel mit 75 Milliarden Euro jährlich. Davon entfielen aber nur 33 Milliarden auf Europa und sogar nur 18 Milliarden auf die USA. »Die Terroristen wollen den Westen treffen. Aber im Grunde treffen sie ihre eigenen Länder«, sagte Leibfritz.

Tourismus ganzer Regionen brach ein

Ein weiteres Beispiel ist der Tourismus - eine der wichtigsten Einnahmequellen vieler nordafrikanischer und südasiatischer Länder. Nach dem 11. September brach er um ein Siebtel ein. Nach einer kurzfristigen Erholung folgte mit den Anschlägen von Djerba und Bali ein erneuter Rückschlag. »Da bricht ruckzuck ein ganzer Markt zusammen«, sagte Lufthansa-Manager Markus Kopp bei einer Wirtschaftstagung der Akademien in Tutzing.

Dramatische Auswirkungen bei den Airlines

Die stärksten Verwerfungen gab es in der Luftfahrt. Die Verluste des Jahres 2001 waren mit zwölf Milliarden Dollar größer als alle Gewinne seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Im laufenden Jahr wird mit weiteren sechs Milliarden Dollar Minus gerechnet. Allein die American Airlines habe in den ersten neun Monaten schon 2,7 Milliarden Dollar Verlust gemacht, so Kopp.

Folge: Stellenabbau

Seit dem Anschlag in New York strichen die Fluggesellschaften mehr als 120.000 Stellen, dazu kommt der Stellenabbau in der Flugzeugindustrie. Die Europäer traf es nicht ganz so schlimm, weil hier die Überkapazitäten nicht ganz so groß waren wie in den USA. Die Lufthansa stellte von ihren 237 Flugzeugen nur 43 in die Wüste von Arizona. Zum Winterflugplan 2002/03 wurden 23 Maschinen wieder aktiviert. Aber der Flugverkehr über den Atlantik ist weiter zehn Prozent unter dem Niveau von 2000. Die Lufthansa rechnet inzwischen nicht mehr mit einer kurzen Frostperiode, sondern mit einem längeren Winter, wie Kopp sagte. Erst langfristig dürfte der Luftverkehr wieder dynamisch wachsen.

Supergau für die Versicherungen

Für die Versicherungen war der Anschlag in Manhattan der größte Schadensfall ihrer Geschichte. Der Versicherungsschaden von 30 bis 58 Milliarden Dollar betrug ein Vielfaches des durchschnittlichen jährlichen Schadenvolumens. Die Hälfte trugen europäische Rückversicherungen.

Folge: Prämien erhöht

Aber die Assekuranzen haben seither die Prämien erhöht. So muss die Industrie für Sach- und Haftpflichtpolicen heute ein Drittel mehr bezahlen. Mögliche Anschlagsziele wie Chemie- oder Atomkraftwerke werden noch viel stärker zur Kasse gebeten. Die Airlines zahlten statt 1,7 Milliarden 5,6 Milliarden Euro, sagte Kopp. Zugleich wurden Terror-Risiken bei vielen Verträgen ausgeschlossen, oder der Staat wurde als Bürge mit ins Boot geholt.

Regionale Wirtschaftsräume profitieren

Die gestiegenen Sicherheitskosten verteuerten den Welthandel um ein Prozent, schätzte Leibfritz. Der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Michael Hüther, sagte: »Ich kann mir vorstellen, dass wir eine stärkere Rückbesinnung auf regionale Wirtschaftsräume sehen.« Das bremst den Strukturwandel und mindert Effektivitätsgewinne durch internationale Arbeitsteilung. Die größere Risikoprämie, die Unternehmer zahlen müssten, geht auf Kosten der Investitionen und belastet das Wachstum, erklärte der Professor. Zugleich setzen die Staaten neue Prioritäten, erhöhen die Sicherheits- und Militärausgaben und weiten ihre Defizite wieder aus. Auch das schlägt sich langfristig negativ nieder.

US-Wirtschaft erwies sich als robuster

Ausgerechnet die USA erholten sich am schnellsten von dem Schock. Die amerikanische Notenbank hatte die Zinsen nach dem Anschlag sofort gesenkt und die US-Regierung legte binnen Tagen Milliardenprogramme auf, erklärte Leibfritz. Mit diesem hervorragenden Krisenmanagement hätten sie das Unternehmer- und Verbrauchervertrauen gestützt und »die USA aus der Rezession heraus katapultiert«. Während die US-Wirtschaft im laufenden Jahr um über zwei Prozent wächst, hinken Europa und vor allem Deutschland hinterher. »Die US-Wirtschaft hat sich als robuster erwiesen«, sagte Leibfritz.

Kein Ende der Globalisierung

Weder er noch Hüther rechnen mit einer lang anhaltenden Krise der Weltwirtschaft oder mit dem Ende der Globalisierung. »Die mittelfristigen Belastungen sind schwer, aber sie werfen die Wirtschaft nicht aus dem Ruder«, sagte Leibfritz. Das Niveau des Bruttoinlandsprodukts wird um ein Prozent niedriger liegen. Aber nach der Bewältigung der Irakkrise sollte die Weltwirtschaft ab nächstem Jahr schrittweise auf ihren mittelfristigen Wachstumspfad zurück finden - außer es gibt neue Anschläge. »Dann kann alles ganz anders sein.«