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Wildfleisch-Skandal: "Ratten als Delikatesse"

Über die Gesundheitsgefahren durch vergammeltes Wildfleisch in Bayern wissen die Behörden offenbar bereits seit einem halben Jahr Bescheid. Möglicherweise wurde nicht nur beim Haltbarkeitsdatum umetikettiert.

Im bayerischen Wildfleisch-Skandal haben die Behörden spätestens Mitte 2005 von möglichen gesundheitlichen Gefährdungen gewusst. In einem Schreiben vom 13. Juli 2005, das offenbar vom Hauptzollamt Landshut an die Kriminalpolizei Passau ging, hieß es: "Es besteht auch der Verdacht, dass die Gesundheit vieler Menschen geschädigt wird, indem man nicht genussfähiges Wildbret unter falschen Angaben in den Verkauf bringt." Das Berliner Verbraucherschutzministerium kündigte mehr Druck auf die Länder an. "Die Verantwortung für diesen Fall liegt eindeutig in Bayern, wo die Kontrollmechanismen offenbar nicht zufrieden stellend funktioniert haben", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Gerd Müller der "Welt am Sonntag".

Bereits am 1. März 2005 hatte es nach Angaben des Polizeipräsidiums Niederbayern/Oberpfalz eine Besprechung zwischen Ermittlern und Veterinäramt Passau gegeben. Gegenstand seien die wesentlichen Inhalte von rund 22.500 E-Mails mit Verdachtsmomenten auf lebensmittel-, seuchen- und hygienerechtliche Verstöße gewesen. "Die Sonderkommission "Wild" hat jetzt auch die Aufgabe, die Inhalte der Besprechung zu prüfen", sagte der Sprecher des Verbraucherschutzministeriums, Roland Eichhorn am Samstag. "Die Soko wird auch Hinweisen nachgehen, ob es Versäumnisse der Veterinärbehörden gab und ob nach dieser Besprechung ein Einschreiten nötig gewesen wäre."

12 Tonnen Fleisch betroffen

Die Firma Berger, die einen Jahresumsatz von rund 30 Millionen Euro hatte und als Europas größter Wildfleischhändler galt, hatte am Freitag die Zulassung für zwei Filialen verloren. In Ortenburg und Ruderting im Landkreis Passau dürfen ab sofort keine Fleischprodukte mehr hergestellt werden. Insgesamt seien sieben Zulassungen aus den Jahren 1995 bis 2002 entzogen worden. Über die Schließung eines Kühlhauses soll kommende Woche entschieden werden. Die Firma war nicht erreichbar, sie hat inzwischen auch ihre Internet-Seite aus dem Netz genommen.

Nach Angaben des bayerischen Verbraucherschutzministeriums waren Produkte der Firma in fast alle Bundesländer sowie nach Österreich, Italien und Frankreich geliefert worden. Insgesamt gehe es um eine Gesamtmenge von rund 12 Tonnen Fleisch. Von 53 aus dem Handel stammenden Tiefkühlproben waren nach den bisherigen Gutachten 15 nicht für den Verzehr geeignet. Das Ministerium weitete seine Rückrufaktion für Wildfleischprodukte aus.

Stabilisatoren ließen das Fleisch frisch aussehen

In dem Papier vom 13. Juli 2005 unter der Überschrift "Ermittlungsergebnis" heißt es, Beschuldigter im Ermittlungsverfahren sei Geschäftsführer Karl Berger. Neben der Umetikettierung sei in Fleisch Stärke injiziert worden. Zuweilen sei auch mit Stabilisatoren gearbeitet worden, "da das Fleisch dann nach 10 Tagen so aussieht wie am ersten Tag", zitiert das Schreiben aus einer der E-Mails. Bei zu erwartenden Kontrollen der Veterinäre würden Kühlhäuser geleert; dort gelagerte Waren, die nicht den gesetzlichen Normen entsprächen, sollten verschwinden. "Als besondere "Delikatesse" werden auch "Ratten" gehandelt", erläuterten die Ermittler.

Allerdings ging das Schreiben offenbar nicht an das Landratsamt. Einem Bericht der "Passauer Neuen Presse" vom Samstag zufolge war Passaus Landrat Hanns Dorfner dieses Schreiben nach eigener Aussage nicht bekannt.

Bereits im Juli 2004 hatten Mitarbeiter des Hauptzollamtes Landshut bei ihren Ermittlungen wegen Schwarzarbeit gegen Berger Manipulationen festgestellt. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft schalteten sie die Regierung von Niederbayern ein. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, seien die Lebensmittelaufseher damals aber nicht selbst tätig geworden, hatte der Sprecher der Regierung von Niederbayern, Alfons Völk, gesagt. Er schloss nicht aus, dass es vor eineinhalb Jahren Versäumnisse in seiner Behörde gegeben habe. Von Hygienemängeln sei zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht die Rede gewesen.

DPA / DPA