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Wohnungsnot: Start-up spioniert Mieter in sozialen Netzen aus

Ein britisches Start-up erstellt für Vermieter Persönlichkeitsprofile von Wohnungssuchenden. Dazu muss man alle privaten Daten aushändigen, sonst gibt es keine Wohnung.


Erst muss man sich ausforschen lassen, dann gibt es - vielleicht - einen Mietvertag.

Erst muss man sich ausforschen lassen, dann gibt es - vielleicht - einen Mietvertag.

Viele Vermieter wollen gern genauer wissen, welche Leute sie sich ins Haus holen. Bei der Besichtigung sehen alle nett und zuverlässig aus, aber manchmal trügt der Schein. Zum Glück geben die meisten Menschen heute alles über sich im Internet preis. Ein britisches Start-up nutzt diese Daten nun, um den gläsernen Mieter zu produzieren. Das Angebot Tenant Assured überprüft auf Wunsch der Vermieter die Profile von Wohnungsanwärtern auf Facebook, Twitter, Linkedin und Instagram. Der Algorithmus erstellt in Echtzeit ein umfassendes Persönlichkeitsprofil mit besonderer Berücksichtigung des finanziellen "Stresslevel".

Wohnungsnot macht es möglich

Dazu wird die gesamte Konversation nach Schlüsselwörtern durchsucht. Wer also in der Vergangenheit über unbezahlte Rechnungen klagte oder gegenüber Freunden stöhnte, weil er sich keinen Urlaub leisten könne, wird kaum als solventer Mieter durchgehen. Und natürlich kann ein ruhiger Möchtegern-Mieter auch schnell als permanentes Partybiest enttarnt werden. Selbst nach möglichen Schwangerschaften und Kinderwünschen wird geforscht. Mit den Worten von Mitgründer Steve Thornhill: "Wir tauchen tief in die privaten Datenprofile ein."

Mieter muss einwilligen

Nach einem ersten Bericht in der "Washington Post" brach ein verheerendes Echo über den Dienstleister herein. Steve Thornhill sagte The Verge nun, dass er nicht mit so negativen Reaktionen gerechnet habe. Auf die unangenehmen Begleiterscheinungen seiner Software geht er nicht ein, er sieht nur Vorteile. "Wir geben dem Mieter doch die Möglichkeit, die Wohnung zu bekommen, die er haben möchte. Viele Menschen, vor allem junge Millennials, sind nicht kreditwürdig. Wie können sie sonst Erfolg haben, wenn das traditionelle Scoring einfach negativ ist?"

Caitlin Dewey von der "Washington Post" hat ihr eigenes Profil angesehen. Und neben den erwartbaren Funktionen versucht sich die Software auch an echten Persönlichkeitsmerkmalen. Etwa "Openess", eigentlich eine gute Eigenschaft, aber nicht bei Mietern. Wer zu offen für Neues sei, neige dazu, unzufrieden zu sein, woanders nach besseren Wohnungen Ausschau zu halten und schnell wieder auszuziehen. 

Thornhill legt Wert darauf, dass der User ja nicht lange überwacht werde, sondern nur ein einmaliges Profil angelegt werde. Das allerdings tief in die Datenvergangenheit hinein reicht. Außerdem gäbe es keinen Zugriff auf die Daten ohne die Erlaubnis des Betroffenen. Der Bewerber muss den Zugriff der App auf alle seine Daten autorisieren. Ohne die Erlaubnis würde er allerdings keine Chance haben, die gewünschte Wohnung zu bekommen. In Ländern wie den USA dürfte das Geschäftsmodell illegal sein, in Großbritannien sei es gesetzeskonform, behauptet zumindest Thornhill.

Das Profil der Journalistin führt zu einer positiven Bewertung.

Das Profil der Journalistin führt zu einer positiven Bewertung.

Die Chance, eine Wohnung in einem Mietmarkt wie London zu erhalten, besteht dann nur, wenn man seine kompletten Daten freigibt. Für Thornhill ist es eine Methode, wie man heutzutage noch Vertrauen gewinnen könne. "Vor vierzig oder fünfzig Jahren kannte ein Vermieter all seine potentiellen Mieter persönlich. Wir versuchen nur eine Art von persönlicher Beziehung in der digitalen Welt wieder herzustellen."

Privatsphäre gegen Wohnungsnot

Und Vertrauen benötige man in vielen Bereichen und nicht nur bei der Vermietung von Wohnungen. Der Datenschnüffler soll in Zukunft auch Personalabteilungen bei der Einstellung von Mitarbeitern unterstützen oder Eltern helfen, den richtigen Babysitter zu finden. Dass sich Menschen bei dieser Prozedur unbehaglich fühlen, versteht Thornhill. Er ist sich aber sicher: "Die Leute geben ihre Privatsphäre auf, um das zu bekommen, was sie haben wollen."