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Regenschirm, Fußmatte, Raumspray: Das Einzugspaket oder: Wie man Mietern Geld aus der Tasche zieht

Harte Zeiten für Makler: Sie werden nur noch dann vom Mieter bezahlt, wenn der sie auch beauftragt. Ein Wohnungsvermittler aus Hamburg ließ sich daher das "Einzugspaket" einfallen: Hier bekommen Mieter überflüssigen Plunder für exorbitante Summen. 

In nachgefragten Vierteln ist die Wohnungssuche eine Qual.

In nachgefragten Vierteln ist die Wohnungssuche eine Qual.

Wer eine neu Wohnung sucht und sich zur Besichtigung begibt, muss feststellen: So gut, wie der Makler, kennt mich finanziell gesehen nicht mal das Finanzamt. Schufa-Auskunft, kopierte Gehaltsabrechnungen, Bürgschaften. Immobilienbesitzer erwarten offenbar den Finanz-Striptease, bevor sie ihre Wohnung rausrücken. Ätzend, aber ein alter Hut. Doch wer sich für die schicke 4,5 Zimmer-Altbauwohnung in Hamburg-Eimsbüttel interessiert, sollte dem Makler noch etwas ganz anderes mitbringen - nämlich den Buchungsbeleg des Einzugpakets. Aber was ist das?

Seit dem das Bestellerprinzip gilt, muss derjenige den Makler bezahlen, der ihn auch beauftragt hat. Und das ist in der Regel der Vermieter. Lange konnten die Wohnungsbesitzer darauf zählen, dass das 2,38-fache einer Nettokaltmiete vom Mieter gezahlt wurde. Jetzt müssen sie die Makler selbst entlohnen. Und achten da natürlich auf den Preis. Makler, die ihre Dienste günstig anbieten, sorgen zwar für Wettbewerb, verdienen allerdings auch deutlich weniger als vorher. Aber irgendwie muss sich doch Geld beim Mieter abgreifen lassen? Ein Makler-Unternehmen aus Hamburg verkauft Mietern jetzt eine "zusätzliche Dienstleistung" - das "Einzugspaket".

Vermietster bietet Service für Vermieter

Diese Erfindung stammt vom Start-up Vermietster. Die Gründer revolutionieren den Markt in erster Linie mit einem Festpreisangebot für Wohnungsbesitzer: Vermieter zahlen je nach Größe der Wohnung eine fixe Summe als Courtage. Bis 1000 Euro Kaltmiete stellen die Vermietster 500 Euro in Rechnung, bei einer Wohnung, die 1500 Euro kalt kostet, verlangen die Gründer 750 Euro. Ein Kampfpreis, mit dem sie die Maklerzunft unter Druck setzen, die weiterhin 2,38 Nettokaltmieten abrechnen wollen. 

Aber auch für Mieter hat Vermietster ein Angebot, nämlich das Einzugspaket. Und das funktioniert so: Mietinteressenten füllen für den Makler einen Zettel aus, durch den sie - sollten sie die Wohnung bekommen - das Einzugspaket buchen. Darin enthalten sind: Eine einmalige Fensterreinigung, ein Rabatt auf Maler-Arbeiten, ein Regenschirm, eine Fußmatte und ein "wohlriechendes Duftspender-Set". Und der Preis? Mieter müssen dafür 299 Euro auf den Tisch blättern, inklusive Steuern versteht sich.

Teures Einzugspaket

Ein Schnäppchen ist das Angebot nicht. "Es geht nicht um die Fußmatte oder das Raumspray, sondern vor allem die Fensterreinigung interessiert die Menschen", sagt Florian Quast, einer der Gründer von Vermietster. Bei einer größeren Altbauwohnung sei das gar nicht unter 100 Euro brutto mit Anreise zu machen, so Quast. Aber warum soll der Kunde dann 300 Euro zahlen? Sicherlich, der Rabatt beim Maler! Bei der Firma Q-Projects bekommen die Neumieter 19 Prozent des Rechnungsbetrags erlassen. Dass Florian Quast auch Geschäftsführer des Malerbetriebs ist, stört ihn selbst nicht. "Ich habe unterschiedliche Firmen", sagt er im Gespräch mit dem stern. Er betont, dass niemand zu dem Anschluss des Pakets gedrängt werde. Auf die Frage, wie viele das Paket denn buchen würden, sagt Quast: "Rund die Hälfte."

Moment, die Hälfte der Menschen blättert 300 Euro hin, um sich einmal die Fenster putzen zu lassen, vielleicht mal irgendwann für ein paar Euro Ersparnis die Wohnung streichen zu lassen und für eine Handvoll Plunder? Ist es vielleicht möglich, dass die Menschen glauben, sie würden ihre Chancen auf die Wohnung erhöhen, wenn sie den Wisch ausfüllen? "Das ist eine zusätzliche Dienstleistung, Dadurch wird keiner bevorzugt. Das sagen wir auch eindeutig. Das Einzugspaket ist ein Angebot, keine Verpflichtung", sagt Quast. 

"Optionales Angebot" ohne Verpflichtung

Liest man sich die aktuellen Wohnungsangebote des Unternehmens genauer durch, könnte allerdings der Eindruck entstehen, denn neben Schufa, Gehaltsnachweis und Co. will Vermietster die ausgefüllte Einzugspaket-Buchung sehen. Quast räumt ein, dass diese Formulierung in die Irre führen könnte und künftig nicht mehr verwendet werden soll. 

Trotz der Beteuerungen von Quast, das Angebot sei optional, bleibt ein fader Beigeschmack. Eine Bloggerin berichtete von einer anstehenden Besichtigung, bei der man nur dann von Vermietster als Bewerber auf die Wohnung anerkannt würde, wenn man alle Unterlagen einreicht - und dazu gehört eben auch die Bestellung des Einzugspakets. Dass sich Quast über den Blog-Eintrag ärgert, überrascht wenig. Die Kritik allerdings nimmt er ernst: "Wenn das missverständlich ist, dann müssen wir intern dringend darüber sprechen. Oder eben ganz auf das Einzugspaket verzichten. Wir wollen uns ja von schwarzen Schafen abheben."

UPDATE:

Nur wenige Stunden nach dem Gespräch mit dem stern hat Vermiester reagiert und das Geschäftsmodell ein wenig verändert. Auf der Homepage des Unternehmens steht jetzt deutlich, dass das Angebot optional sei und keinen Einfluss auf die Objektvergabe habe. Der Hinweis, dass die Buchung ausgefüllt zur Besichtigung mitgebracht werden muss, wird aus allen Wohnungsexposés gestrichen. Auch den Preis habe man reduziert, berichtet Florian Quast. Dafür wurde das rabattierte Maler-Angebot aus dem Einzugspaket genommen: Nun bezahlen Mieter nur noch 129 Euro, wenn sie gerne professionell geputzte Fenster, einen Regenschirm, eine Fußmatte und das "wohlriechendes Ipuro Duftspender-Set für 1-2 Monate Duftgenuss in den Düften „Cotton Fields“ und „Flower Bowl“" haben möchten.