Arbeitsbedingungen "Ein Koreaner ist fünf Polen wert"


Zustände wie im Gulag: Asiatische Leiharbeiter schuften auf einer Werft unter Bedingungen, die an Sklavenarbeit erinnern. Flüchten sie von der Arbeitsstätte, soll ihren Verwandten in der Heimat das Arbeitslager drohen.

Ein Artikel der "Gazeta Wyborcza" hat in Polen Arbeitsämter und Gewerkschaften aufgeschreckt: Ausgerechnet auf der Danziger Werft, der symbolträchtigen Geburtsstätte der Gewerkschaft Solidarnosc, sollen nordkoreanische Arbeiter unter Bedingungen schuften, die an Sklavenarbeit erinnern. "Gulag-Filiale in der Wiege von Solidarnosc", titelte die Zeitung über die Schweißer, die zwischen zwölf und 16 Stunden täglich im Einsatz sein sollen. Für Überstunden erhielten sie ebenso wenig Geld wie für die Arbeit an Sonn- und Feiertagen. Im Fall einer Flucht von der Werft soll den Verwandten in der Heimat Arbeitslager drohen.

Kein Geld für Freizeit

Beamte des für die Privatisierung der Werft zuständigen Schatzamtes und des Arbeitsamtes prüften prompt, was es mit den Vorwürfen auf sich hat. Derzeit arbeiten sechs nordkoreanische Schweißer auf der Werft. In den vergangenen fünf Jahren sollen es insgesamt 75 gewesen sein. Der polnische Vorarbeiter ist mehr als zufrieden mit den Kollegen aus Fernost. "Ein Koreaner ist fünf Polen wert", rühmte er vor den Zeitungsreportern die von einem staatlichen nordkoreanischen Unternehmen ausgeliehenen Arbeiter. "Sie arbeiten perfekt, machen keine Probleme, kommen nicht verkatert zur Arbeit."

Um sich zu betrinken, würde den Nordkoreanern Zeit und Geld fehlen. "Sie gehen nie auf die Straße", sagte eine Nachbarin in dem heruntergekommenen Danziger Stadtteil, in dem sich die koreanischen Schweißer eine Wohnung teilen. "Um sechs Uhr morgens werden sie von einem Kleinbus abgeholt, am Abend kommen sie zurück. Dann ist von ihnen nichts zu sehen."

"Wichtig ist, dass der Herr Vorarbeiter zufrieden ist."

Von ihrem Lohn bekommen die Koreaner wenig zu sehen. Den Recherchen zufolge bleibt ihnen lediglich ein Taschengeld von umgerechnet etwa 23 Euro im Monat. Klagen sind von den fleißigen Schweißern nicht zu hören. "Es ist nicht wichtig, ob wir viel verdienen", sagte einer von ihnen bescheiden. "Wichtig ist, dass der Herr Vorarbeiter zufrieden ist."

Die Arbeiter werden von einer staatlichen nordkoreanischen Baufirma an polnische Unternehmen ausgeliehen. "Diese Art des Vertrags bindet uns die Hände und erlaubt nicht, jemanden zu bestrafen", bedauerte Mieczyslaw Szczepanski, stellvertretender Leiter der Arbeitsaufsicht in Danzig. Für die Leiharbeiter könne er nichts tun.

"Sie sollten mehr verdienen"

"Ich habe von den Koreanern gehört, aber ich wusste nicht, dass sie unter solchen Bedingungen arbeiten", zeigte sich Bogdan Oleszek, der Verwaltungsdirektor der Werft, erstaunt. "Wenn sie so arbeitsam sind, sollen sie auch entsprechend verdienen."

Doch die Schweißer auf der Werft sind nicht die einzigen, die in Polen für einen Hungerlohn von früh bis spät schuften. Im zentralpolnischen Dorf Kleczkowo etwa sind schon seit Jahren nordkoreanische Arbeiter als "Praktikanten" in einem Obstgarten beschäftigt, weitgehend abgeschnitten von der Außenwelt und wie ihre Kollegen in Danzig von einem kommunistischen Parteifunktionär überwacht und ideologisch geschult.

Kontakte machen sich bezahlt

Stanislaw Dobek, der Besitzer des Obstgartens, ist nicht zuletzt dank der billigen Arbeitskräfte zu einem der reichsten Männer des Dorfes geworden. Die fleißigen Helfer verdankt er guten Kontakten nach Pjöngjang: Dobek ist der Vorsitzende der Gesellschaft für Polnisch-Nordkoreanische Freundschaft.

Eva Krafczyk/DPA DPA

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