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Arbeitsmarktpolitik: Boom an der falschen Stelle

Den Erfolg seiner Politik wollte Bundeskanzler Gerhard Schröder in erster Linie an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt messen lassen. Heute, knapp sieben Jahre nach seinem Amtsantritt, sieht die Bilanz seines Wirkens ernüchternd aus.

Zwar sind seit 1998 durchaus neue Arbeitsplätze in Deutschland entstanden - klassische Vollzeitjobs sind jedoch kaum darunter. Stattdessen hat sich die Zahl der so genannten Minijobs und geringfügig entlohnten Beschäftigungen deutlich erhöht. Eine Entwicklung, die zwar die Statistiken aufhübscht, dem Arbeitsmarkt aber nicht wirklich weiter hilft. So ist zwar die Zahl der Erwerbstätigen leicht gestiegen. Tatsächlich ist dies aber in erster Linie auf die gestiegene Anzahl an Teilzeit- und Minijobs zurückzuführen.

Rückgang sozialpflichtiger Arbeit

Nach Statistiken des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) betrug die Teilzeitquote im Jahr 1996 noch 21,6 Prozent. Im vergangenen Jahr lag sie schon bei 31,6 Prozent. Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten unter den sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern und damit die Zahl der Einzahler in die Sozialkassen ging indes in der gleichen Zeit von 26,4 Millionen auf 23,7 Millionen zurück Tendenz sinkend. Eine weitere Statistik verdeutlicht diese Situation: Waren 1998 im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe noch 8,6 Millionen Menschen erwerbstätig, sind es 2004 nur noch 8,0 Millionen sieben Prozent weniger. Im Baugewerbe verringerte sich die Zahl sogar um knapp 23 Prozent auf 2,3 Millionen. Gleichzeitig verzeichnete der Dienstleistungs- und Handelssektor ein Plus der Erwerbstätigen um mehr als 9 Prozent auf 27,7 Millionen.

"Im Gastgewerbe finden sich auch die meisten geringfügig Beschäftigten", erklärt IAB-Mitarbeiter Hans-Uwe Bach. Dies sehe zwar in der Statistik gut aus. Das Einkommen der Einzelnen reiche aber nicht aus, um davon zu leben. Trotz des zunehmenden Wegfalls fester Stellen und des Booms der Minijobs sehen Volkswirte keinen Grund, die geringfügig entlohnten Beschäftigungen zu verteufeln. "Minijobs sind unverzichtbar zur Flexibilisierung unseres Arbeitsmarktes", erklärt Volkswirt Holger Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Noch besser wäre es natürlich, wenn die Abgabenlast auch von den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen genommen würde", ergänzt er. Der Wirtschaftswissenschaftler sieht auch keine Gefahr, dass Minijobs nach und nach klassische Arbeitsverhältnisse verdrängen. "Minijobs bieten sich nicht in jeder Branche an", erklärt Schäfer. Vor allem höherqualifizierte Tätigkeiten würden kaum mit einem Minijobber besetzt.

Weniger Arbeitsstunden in Deutschland

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen nehme vor allem deshalb ab, weil Arbeit in Deutschland relativ teuer geworden sei, erklärt Volkswirt Frank Oskamp vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Minijobs sorgten indes dafür, dass sie in manchen Bereichen wie eben dem Gastgewerbe - bezahlbar bleibe. Hierzu müssten auch die Vollzeitjobs endlich von den hohen Arbeitsnebenkosten entlastet und flexibler werden. Doch dies umzusetzen, betont Oskamp, sei eine Frage des politischen Willens.

Ein Blick auf die Entwicklung des Arbeitsvolumens in Deutschland zeigt ebenfalls, dass vor allem dort mehr Arbeit geleistet wurde, wo billige Arbeitskräfte eingesetzt werden konnten. Entsprechend ging die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden im produzierenden Gewerbe von 1998 bis 2004 um mehr als 9 Prozent auf 11,6 Millionen Stunden zurück. Besonders betroffen davon war der Bausektor mit einem Rückgang um fast 30 Prozent. Im Dienstleistungsbereich kletterte die erfasste Stundenzahl dagegen um vier Prozent - davon am deutlichsten im Gastgewerbe mit plus 15 Prozent.

Brigitte Caspary/AP / AP