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Arbeitsrecht: Auf Kuss folgt Kündigung?

Knutschen am Kopierer, Fummeln im Archiv, frivole Mails - Liebe am Arbeitsplatz ist bisweilen besonders knisternd. Aber ab wann ist der Flirt in der Fabrik verboten? Wann führt er zum Konflikt mit dem Arbeitgeber? Im stern.de-Interview erklärt Arbeitsrechtler Ulf Weigelt die Grenzen.

Eine Frage des guten Benehmens: Heiße Küsse sollten während der Arbeitszeit tabu sein

Eine Frage des guten Benehmens: Heiße Küsse sollten während der Arbeitszeit tabu sein

Haben Sie sich schon einmal am Arbeitsplatz verliebt? Wenn ja: Sie sind in bester Gesellschaft. Denn der Arbeitsplatz ist mittlerweile auch eine der erfolgreichsten Partnerbörsen. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts IFAK zufolge lernt durchschnittlich jeder zehnte deutsche Beschäftigte seinen Partner am Arbeitsplatz kennen. Doch nicht nur feste Beziehungen nehmen im Job ihren Anfang: Laut der Umfrage hat auch jeder zehnte Deutsche schon einmal eine handfeste Affäre im Job - das sind immerhin neun Prozent der Befragten. Wann aber wird die Liebe im Büro arbeitsrechtlich problematisch? Darf der Chef mit seiner Auszubildenden intim werden? Was, wenn der Arbeitsfrieden unter der Beziehung leidet? Und wie soll man mit rachsüchtigen Ex-Lovern im Kollegenkreis umgehen? stern.de sprach mit Ulf Weigelt, Fachanwalt für Arbeitsrecht, über die Folgen sprießender Gefühle.

Bei frisch Verliebten gehen gerne mal die Hormone durch. Droht denn gleich eine Abmahnung, wenn man in flagranti erwischt wird?

Affären im Büro werden immer spätestens dann zum Problem, wenn sie zur Vernachlässigung der Arbeit führen und stattdessen die Arbeitszeit zum Schmusen etc. genutzt wird. Dann verletzen Arbeitnehmer ihre arbeitsvertraglichen Pflichten. Irgendwann wird der aufmerksame Chef feststellen, dass seine Arbeitnehmer nicht bei der Sache sind und die Arbeitsleistung mangelhaft ist.
Aber auch ein durch Liebesbezeugungen im Büro leidendes Betriebsklima kann zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen führen. Das gleiche gilt, wenn die Affäre eine Wirkung nach außen - etwa bei Unternehmen mit Publikumsverkehr - hat. So muss eine verliebte, in eine Büro-Affäre verwickelte Empfangsdame sogar mit einer Abmahnung rechnen, sollte sie nachhaltig ihre Arbeitsleistungen nicht erbringen.

Wie sieht es bei zärtlichen Gefühlen zwischen Chef und Angestellter aus - oder wenn ein Partner in einem Abhängigkeitsverhältnis, etwa als Azubi, steht? Muss der Vorgesetzte vielleicht bei einer Liebesbeziehung zwischen zwei Minderjährigen einschreiten?

Vom Grundsatz her darf auch hier nichts anderes gelten: Problematisch wird's erst, wenn die Arbeit darunter leidet. Allerdings darf ein Ausbilder auf keinen Fall das Abhängigkeitsverhältnis ausnutzen. Hier spielt die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers eine ganz besondere Rolle. Schließlich sollen im Ausbildungsverhältnis andere Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden.
Solange Liebe also freiwillig sprießt, hat niemand was dagegen - weder zwischen Chef und Angestellter, Ausbilder und Azubi und auch nicht zwischen Minderjährigen - sofern sich die Beziehungen nicht leistungsmäßig im Arbeits- und Ausbildungsverhältnis auswirkt.

Sind überhaupt Klauseln im Arbeitsvertrag wie "keine Beziehungen unter Kollegen" zulässig?

Nein. Solche Klauseln würden gegen das Allgemeine Persönlichkeitsrecht verstoßen.

Dürfte ein Vorgesetzter bei einer Beziehung seiner Angestellten am Arbeitsplatz dazwischenfunken - zum Beispiel mit einer Versetzung des einen Partners in eine andere Abteilung?

Eine arbeitgeberseitig veranlasste Veränderung des Arbeitsortes muss sich nach "billigem Ermessen" richten. So liegen kleinere Änderungen wie der Wechsel in ein anderes Zimmer oder die Bedienung einer anderen Maschine im Rahmen des Erlaubten. Der Chef darf aber nicht nach Belieben dazwischenfunken. Die Zuweisung einer schmutzigen, belastenden Arbeit bei sonst besseren Arbeitsbedingungen oder der Wechsel vom Einzelzimmer in ein Großraumbüro zum Zwecke der Liebesunterdrückung sind nicht erlaubt.

Und was ist, wenn die Liebe erlischt? Wenn der Verlassene tobt und die Arbeitsatmosphäre des kompletten Teams stört? Darf der Chef dann den Ex-Geliebten kündigen?

Eine handgreifliche Auseinandersetzung zwischen einer Arbeitnehmerin und ihrem Vorgesetzten als Folge einer privaten Affäre rechtfertigt in der Regel keine außerordentliche Kündigung - erst recht nicht, wenn der beteiligte Vorgesetzte ihr selbst kündigt. In diesem Fall kann der gemeinsame Vorgesetzte oder Betriebsinhaber unter Umständen eine Abmahnung aussprechen.
Stört die oder der Verlassene bewusst das Betriebsklima, indem er verbal oder faktisch gegenüber Kolleginnen handgreiflich wird, kann bei schweren Vergehen ohne vorherige Abmahnung die fristlose Kündigung Erfolg haben.

Und was passiert, wenn es einfach nur "schlechte Stimmung" gibt? Ohne dass es zu Handgreiflichkeiten oder Schreiduellen kommt?

Der schlechten Stimmung kann man arbeitsrechtlich wohl kaum begegnen. Unter Umständen wird der Arbeitgeber Versetzungen und Umsetzungen zu prüfen haben. Ermahnungen und Rügen ließen sich ebenfalls aussprechen, aber ob diese letztendlich zum Erfolg führen werden, ist fraglich. Das Stimmungsverhalten wird man also arbeitsrechtlich nicht wirklich nachhaltig beeinflussen können.

Hat ein gemeinsam in einer Abteilung arbeitendes Pärchen besondere Ansprüche auf gemeinsame Urlaubszeiträume? Oder hängt das vom guten Willen von Chef und Kollegen ab?

Arbeitgeber sind verpflichtet, Urlaubswünsche ihrer Arbeitnehmer zu berücksichtigen. Ausnahmen bilden dringende betriebliche Belange oder soziale Gesichtspunkte anderer Arbeitnehmer, die vorrangig sind. So haben Eltern mit Kindern in Ferienzeiten Vorrang. Oft hilft ein rechtzeitiges Gespräch mit den Kollegen.

fud/spi
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