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WM am Arbeitsplatz: Rote Karte für Fußball-TV

Das Land versinkt in unerwartetem Begeisterungstaumel für die bisher siegreiche deutsche Nationalelf. Doch dürfen sich die Arbeitnehmer die Deutschlandspiele auch im Job ansehen? Neben einem verständnisvollen Chef hilft ein Blick ins Arbeitsrecht.

Die Weltmeisterschaft ist in Deutschland "zu Gast bei Freunden" und ein ganzes Land versinkt im Fußballfieber. Dumm nur, wenn der Fußballfan gleichzeitig Arbeitnehmer ist - und nicht rechtzeitg Urlaub eingereicht hat. Denn eigentlich sollte der Grundsatz gelten "Dienst ist Dienst". Glücklich ist, wer da einen verständnisvollen Chef hat, der seinen Mitarbeitern entgegenkommt.

Kein Schichtbetrieb wird lahmgelegt

Doch nicht immer darf der Fußball den Arbeitsablauf stören: Für Fließbandarbeiter ist der TV-Konsum verboten. So erlaubt VW in Wolfsburg den Arbeitern aber, sich die Übertragung im Radio anzuhören. Auch bei Bei BMW in München ist das Anschauen der Spiele am Arbeitsplatz "nicht erwünscht", in den meisten Büros gebe es auch gar keinen Fernseher, sagte ein Sprecher. "Unsere Arbeitsplätze sind so heterogen, wir wollen die Beschäftigten nicht ungleich behandeln." Die Mitarbeiter in der Produktion hörten mitunter Radio, das sei auch während der Fußballspiele erlaubt, sagte der Sprecher. Gerade diese Mitarbeiter könnten zudem von den flexiblen Arbeitszeiten des Autobauers profitieren. "Sie können sich gegenseitig ermöglichen, dass der eine das eine Spiel schaut und der andere ein anderes."

Wer nicht in der Produktion arbeitet, wo meist Schichtbetriebe aufrecht erhalten werden müssen, darf sich glücklich schätzen. Zwar erlauben auch die meisten Behörden ihren Beamten nicht das Verfolgen der Live-Übertragung im TV. Doch fast allen stehen komfortable Gleitzeitmodele zur Verfügung. "Wer die Deutschen unbedingt sehen will, kann rechtzeitig nach Hause gehen", so ein Pressesprecher der Stadt Augsburg.

Ist der Chef kein Fußball-Freund, gibt es dennoch Hoffnung: Dann kann der Arbeitnehmer von sich aus Lösungen anbieten: Etwa früher kommen und vorarbeiten. Oder bei einem spontanen Urlaubswunsch mit Kollegen sprechen, die bereit sind, in die Bresche zu springen. So kann man dem Chef gleich eine "Vertretung" präsentieren. Auch der Betriebsrat - so es einen gibt - kann versuchen einen flexiblen Dienstplan zu organisieren.

Für stern.de hat der Berliner Fachanwalt für Arbeitsrecht, Ulf Weigelt, die wichtigsten Fragen rund um die WM während der Arbeitszeit beantwortet. Denn bei aller Fußballbegeisterung - eines sollten Arbeitnehmer bei ihrem Verhalten nicht vergessen: Das Arbeitsleben geht auch nach der WM weiter.

Karin Spitra, Ulf Weigelt

Muss mir der Chef freigeben, wenn ich Karten für ein Spiel ergattert habe?

Nein, müssen tut der Chef gar nichts. Jeder Arbeitnehmer kann Urlaub einreichen, der vom Arbeitgeber meist problemlos genehmigt wird. Es sei denn, betriebliche Gründe und Interessen - beispielsweise ein unerwarteter Auftrag oder ein nicht aufzuschiebendes Projekt - stehen dem Urlaubswunsch entgegen.

Meistens sind die Arbeitgeber jedoch für Urlaubsgründe wie Weltmeisterschaften offen.

Auf keinen Fall sollten Arbeitnehmer krankfeiern und zu einem Spiel gehen. Kommt das heraus, kann das Unternehmen den Mitarbeiter abmahnen bzw. unter Umständen fristlos kündigen.

Darf ich mir mit Kollegen die Übertragungen im TV ansehen?

Eigentlich nicht, denn im Job müssen Mitarbeiter ihren vertraglichen Arbeitspflichten nachkommen. Und wer bisher keinen Fernseher am Arbeitsplatz stehen hatte, wird sich auch zur WM keinen Fernseher ins Büro stellen dürfen.

Wer bereits vor der Weltmeisterschaft ein TV-Gerät am Arbeitsplatz hat kann davon ausgehen, dass das Fernsehen auch während der Weltmeisterschaft erlaubt ist. Der Chef darf allerdings zu den Fußball-Übertragungen nein sagen. Wer beispielsweise aus beruflichen Gründen die Nachrichten rund um die Uhr laufen hat, darf nicht einfach zu den WM-Spielen umschalten.

Eine Absprache mit dem Vorgesetzten kann jedoch helfen: Wer früher kommt und entsprechend "vorarbeitet", sollte keine Probleme bekommen. Wichtig ist jedoch, vorab eine Einigung zu erzielen und nicht eigenmächtig den Fernseher einzuschalten.

Wie sieht es denn mit einem Bierchen dazu aus?

Auf keinen Fall! Alkohol und private Trinkgelage haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Wer nämlich seinen arbeitsvertraglichen Pflichten nicht mehr nachkommen kann, muss mit einer Abmahnung oder gar Kündigung rechnen.

Bei einer "lockeren" Geschäftsführung sollte ein Bier kein Problem sein - wenn anschließend nicht mehr gearbeitet wird! Jeder sollte jedoch darauf achten, den Alkohol nur in Maßen zu konsumieren. Denn wer zu viel trinkt, macht nicht den besten Eindruck.

Wer die WM mit einem (oder mehreren) Bierchen genießen möchte, sollte die sicherste Methode wählen und lieber Urlaub nehmen - oder den Genuss auf die Freizeit verschieben.

Darf ich die Spiele im Radio oder im Internet verfolgen?

Wie beim Verfolgen der Spiele im TV kommt es auch beim Radio bzw. Internet auf das Entgegenkommen des Chefs an. Wer es nicht übertreibt und in Maßen die Spiele verfolgt, sollte keine Probleme bekommen. Aber Vorsicht: Wenn der Arbeitgeber die private Nutzung des Internets grundsätzlich verbietet, ist die WM am PC tabu.

Darf der Chef die WM völlig verbieten - zum Beispiel, wenn die Deutschen im Finale stehen?

Kaum ein Chef wird seinen Mitarbeitern das Beiwohnen eines WM-Finals bei deutscher Beteiligung verbieten. Wer auf einen Arbeitgeber stößt, der dafür kein Verständnis hat, sollte sich darum bemühen, mit einer akzeptablen Lösung auf seinen Chef zuzugehen. Fußballbegeisterte könnten beispielsweise Überstunden abbauen und früher gehen. Allerdings funktioniert das nur, wenn nicht alle Mitarbeiter denselben Wunsch haben und ganze Abteilungen verwaisen.

Was ist mit dem Viertel-/Halb- und Finale?

Wollen Mitarbeiter kurzfristig Urlaub nehmen, um das Viertel-, Halb- oder auch Finale sehen zu können, sollten sie versuchen, für den entsprechenden Tag eine Vertretung zu organisieren. Doch auch hier gilt: Ohne Urlaubsantrag und Genehmigung vom Chef geht gar nichts.

Falls vorhanden, kann der Betriebsrat einen flexiblen Dienstplan organisieren: Dann können Fußballfans ihren Dienst mit Kollegen, die sich nicht für die WM interessieren, tauschen.

Darf ich Tipp-Spiele für Kollegen organisieren? Brauche ich dazu die Erlaubnis des Chefs?

Auch hier ist Vorsicht geboten. Ein Organisieren während der Arbeitszeit ist nicht erlaubt. Das Organisieren eines Tipp-Spiels ist Privatsache und kann somit nicht vom Arbeitgeber verboten werden, sofern dies fern des Arbeitsplatzes geschieht. Wer auf Nummer sicher gehen will, solle diese Aktivitäten in den Pausen oder nach Feierabend organisieren.

Dürfen Fußball-Bildchen während der Arbeitszeit getauscht werden?

Was Mitarbeiter in ihren Pausen machen, geht den Arbeitgeber nichts an. Wenn jedoch viel Arbeitszeit dafür verwendet wird, könnte es Probleme geben. Arbeitnehmer sind ja zur Arbeit im Büro - und nicht, um privaten Vergnügungen nachzugehen. Auch hier gilt: Wer das Tauschen in Maßen betreibt, sollte keine Probleme bekommen. Arbeitgeber reagieren lediglich verstimmt, wenn solche Aktivitäten viel Arbeitszeit und Aufmerksamkeit beanspruchen.

Darf ich im Fußball-Dress oder Fußball-T-Shirt ins Büro kommen?

Wer in einer kreativen oder künstlerischen Branche (Werbe-, Mode- oder auch Filmbranche) tätig ist, sollte mit einem "WM-Outfit" keine großen Probleme bekommen. Anders sieht es für Mitarbeiter aus, die in einer konservativen Branche (Versicherungen, Banken) arbeiten. Wer im Alltag dem Dresscode unterliegt, sollte zur WM nicht seinen Kleidungsstil ändern.

Sich das Gesicht mit den Deutschlandfarben anzumalen sollte sich allerdings jeder verkneifen. Man sollte stets daran denken, dass man auch noch nach der WM im Unternehmen arbeiten muss.