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Arbeitsrecht: Krankenstand ist kein Hausarrest

Zu krank zum Arbeiten - aber auch zu krank fürs Kino? Melden sich Beschäftigte arbeitsunfähig, sind sie oft verunsichert: Was darf man im Krankenstand tun und wann riskiert man Ärger oder Abmahnung? stern.de erklärt die wichtigsten Regeln.

Von Karin Spitra

Die Deutschen werden scheinbar immer gesünder: Laut einer Statistik des Gesundheitsministeriums meldeten sich im ersten Halbjahr 2007 die Beschäftigten im Durchschnitt "nur" 3,6 Tage krank. Damit erreicht die Zahl der Krankmeldungen einen neuen Minusrekord: Sie ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Melden sich Arbeitnehmer dann doch einmal arbeitsunhäfig, sind sie oft verunsichert. Was darf man im Krankenstand tun? Wann riskiert man Ärger im Job - und wann gar eine Abmahnung?

"Nichts tun, was der Genesung schadet

Wer sich mit einer schweren Erkältung ausgerechnet während der Karnevalszeit krank meldet - und dann vom Chef beim Einkauf im Supermarkt gesehen wird, muss noch keinen Rausschmiss befürchten. Sehr wohl problematisch wäre es gewesen, wenn der Vorgesetzte seinen Angestellten beim fröhlichen Feiern in der Kneipe getroffen hätte - oder im Karnevalskostüm beim närrischen Umzug. "Was ein Patient tun darf - und was nicht - hängt vor allem von der Art seiner Erkrankung ab", erläutert stern.deArbeitsrecht-Experte Ulf Weigelt. "Als Faustregel gilt: Es ist alles verboten, was die Genesung verzögert oder verhindert."

"Ein erkrankter Angestellter muss sich also immer so verhalten, dass er möglichst bald wieder gesund ist", so Weigelt. Ordnet der Arzt also eine strenge Bettruhe an, muss sich der Kranke auch daran halten. Handelt der Beschäftigte gegen den ärztlichen Rat oder täuscht seine Erkrankung nur vor, riskiert - wenn er auffliegt - auf jeden Fall eine Abmahnung, schlimmstenfalls aber die fristlose Kündigung.

Was darf der Chef?
Muss ich jede Anweisung des Chefs befolgen? Darf er von mir verlangen, dass ich meinen Urlaub unterbreche und ins Büro komme? Und wo ist die Grenze zwischen Kritik unter Kollegen und Mobbing? Wenn Sie Fragen zum Arbeitsrecht haben, dann sind Sie bei unserer großen Arbeitsrechts-Datenbank richtig!

Wie muss ich mich krankmelden?

Frage:

Muss ich meinen Arbeitgeber anrufen, wenn ich krank bin? Oder reicht es, wenn ich den Krankenschein per Post schicke? Mein Arbeitgeber schikaniert mich und wird nach dem Grund fragen, den ich ihm aber nicht sagen will.

Antwort:

"Im Falle der Arbeitsunfähigkeit ist der Arbeitnehmer nicht nur verpflichtet, diese spätestens am vierten Tage durch einen Krankenschein nachzuweisen", erläutert Ulf Weigelt. "Er muss sich auch noch unverzüglich krank melden, seine Arbeitsunfähigkeit also anzeigen." Dabei bedeutet "unverzüglich" bis spätestens zum Beginn der regulären Arbeitszeit, meist telefonisch. Der Arbeitnehmer ist jedoch keineswegs verpflichtet, Auskunft über den Grund seiner Krankheit zu geben.

Krankgeschrieben - darf ich die Wohnung verlassen?

Frage:

Muss ich die ganze Zeit in der Wohnung sitzen, wenn ich krank geschrieben bin?

Antwort:

Generell gilt: Krank gemeldete Beschäftigte sind nicht in den eigenen vier Wänden gefangen, müssen nicht dauernd das Bett hüten oder dauernd telefonisch erreichbar sein. Der "gelbe Schein" muss dem Betrieb als Nachweis der Arbeitsunfähigkeit genügen.

"Krankheit ist kein Hausarrest", umschreibt es Arbeitsrechtler Ulf Weigelt. Sich mit Lebensmitteln aus dem Laden um die Ecke zu versorgen, ist eigentlich immer erlaubt - solange der Arzt das Aufstehen und Einkaufen nicht ausdrücklich verboten hat. Auch hier gilt Augenmaß: Wer angeblich eine fiebrige Grippe hat, wird auf wenig Verständnis stoßen, wenn er beim Großeinkauf in einem Möbeldiscounter gesichtet wird.

Darf ich mit einer Erkältung in den Park?

Frage:

Darf ich mit einer Erkältung an die frische Luft, z.B. in den Park?

Antwort:

Niemand muss in Panik verfallen, weil er beim Frischlufttanken im Park gesehen wurde. Solange dies der Genesung dient, wird es keine Probleme geben. Wer allerdings mit Fieber auf einer Kaffeeterrasse am See sitzt, könnte ein Problem bekommen. Auch hier gilt: Es hängt immer von der Art der Erkrankung und den Umständen ab. Für sportliche Aktivitäten ist es ohnehin ratsam, sich die ärztliche Erlaubnis zu holen.

Darf ich zu einem Abendessen bei Freunden gehen?

Frage:

In meinem Freundeskreis treffen wir uns einmal im Monat zu einem Abendessen im privaten Rahmen. Darf ich daran teilnehmen - auch wenn ich krankgeschrieben bin?

Antwort:

Auch während des Krankenstands dürfen private Einladungen im Bekanntenkreis angenommen werden. "Wer wirklich sicher gehen will, kann seinen Arzt ja ausdrücklich danach fragen, was in seinem Krankheitsfall erlaubt ist - und was nicht," rät Weigelt.

Ist man wegen einer Magen-Darm-Erkrankung arbeitsunfähig, dann sollte man tunlichst dem privaten Essen fern bleiben. Auch mit einer schweren Bronchitits in einer verrauchten Kneipe zu sitzen, fördert nicht unbedingt den Heilungsprozess.

Darf ich trotz Krankschreibung ins Restaurant?

Frage:

Ich bin wegen Bandscheibenproblemen krankgeschrieben. Darf ich am Abend zum Essen ausgehen? Und gibt es dafür eine zeitliche Beschränkung?

Antwort:

Eine Krankschreibung bedeutet für den Arbeitnehmer nicht, dass er nur zu Hause im Bett liegen muss. "Allerdings sollten Sie bestimmte Sorgfaltspflichten beachten und Ihre Genesung nicht leichtfertig aufs Spiel setzen", so Weigelt. "Sie dürfen also trotz Krankschreibung ins Restaurant gehen."

Wenn der Genesungsprozess durch den Arbeitnehmer in erheblicher Weise verschlimmert wird, kann dies aber unter Umständen zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen führen. Wer also mit einer schweren Erkältung nacht in leichter Kleidung auf einer Restaurantterrasse sitzt, hat schon eher ein Problem.

Krank im Fußballdress gesehen worden - droht nun Kündigung?

Frage:

Ich bin wegen eines psychosomatischen Rückenleidens als Altenpflegerin krank geschrieben. Samstags war ich bei Kollegen, um mir ein Fußballspiel auf einem Bezahlsender anzuschauen. Auf dem Heimweg, es war wohl um 21:15 Uhr, wurde ich von meiner Bereichsleiterin gesehen. Sie hat sogar mit der Hand gegen die Scheibe der Straßenbahn geschlagen. Dazu muss ich noch sagen, dass ich Fankleidung trug und aus der Richtung des Stadions kam. Jetzt habe ich Angst vor einer Kündigung.

Antwort:

"So schlimm wird es nicht", urteilt Ulf Weigelt. "Es droht allenfalls eine Rüge oder eine Abmahnung." Denn Menschen in Fußballkleidung gibt es viele, auch Fanschals sind bei frischen Temperaturen nicht nur bei Stadiongängern weit verbreitet. "Zwar liegt in Ihrem Fall der Verdacht tatsächlich nahe, dass Sie am Rückweg aus dem Stadion waren, aber dies muss der Arbeitgeber Ihnen erst einmal beweisen", so der Arbeitsrechtler. "Sogar eine Abmahnung könnte deshalb angegriffen werden."

Krankgeschrieben! Darf ich heiraten?

Frage:

Ich bin seit etwa drei Wochen wegen Erschöpfungszuständen krankgeschrieben. Die Krankmeldung ist das Resultat massiven Mobbings am Arbeitsplatz. Durfte ich während meiner Krankschreibung heiraten? Die Feier war sehr klein (15 Personen). Sie fand nur vormittags auf dem Standesamt statt.

Antwort:

Wer aufgrund von Erschöpfungszuständen krank geschrieben ist, sollte jegliche Aktivitäten außer Haus vermeiden. "Wer heiraten - wenn auch im kleinen Rahmen - und feiern kann, kann theoretisch auch zur Arbeit gehen", beurteilt Arbeitsrechtler Weigelt den Fall. "Auch eine Betriebsfeier sollte vermieden werden, denn der Arbeitgeber könnte Ihnen den Vorwurf machen, dass Sie wieder genesen sind."

Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: Wer feiern kann, kann auch arbeiten. Fazit: Bei Erschöpfungszuständen sollte man jegliche Aktivitäten außer Haus vermeiden, um nicht arbeitsrechtliche Maßnahmen, wie Abmahnung oder gar Kündigung zu provozieren, auch wenn diese unter Umständen nicht erfolgreich sind!

Darf ich meine Eltern besuchen, die außerhalb wohnen?

Frage:

Wie sind die gesetzlichen Regelungen, wenn ich krank geschrieben bin und gerne zu meinen Eltern fahren würde? Diese wohnen nicht im gleichen Ort wie ich. Ist so etwas verboten?

Antwort:

Trotz Krankschreibung darf man natürlich seine Eltern besuchen. Das während einer Krankschreibung erlaubte Verhalten des Arbeitnehmers ist immer abhängig vom Krankheitsbild. Denn eine Krankschreibung bedeutet für Arbeitnehmer nicht gleichzeitig, dass sie nur zu Hause im Bett sein dürfen. Allerdings müssen sie bestimmte Sorgfaltspflichten beachten und immer alles tun, damit die Genesung nicht verzögert wird. Verstößt ein Arbeitnehmer jedoch gegen seine Fürsorge- und Treuepflichten, kann das unter Umständen eine verhaltensbedingte Kündigung begründen, in Extremfällen sogar eine fristlose Kündigung.

Darf ich während des Krankenstands verreisen?

Frage:

Ich habe schon vor Ewigkeiten meinen Sommerurlaub gebucht, nun ist mir im "Endspurt" eine Erkrankung des Handgelenks dazwischen gekommen. Deshalb wurde ich von der Ärztin für zwei Wochen krank geschrieben - allerdings überschneidet sich das mit meiner Urlaubsbuchung. Darf ich trotzdem fahren?

Antwort:

Je nach Situation und Erkrankung ist im Krankenstand auch eine Reise durchaus möglich. Wer das vorhat, sollte sich den Trip vorher aber unbedingt genehmigen lassen. Denn auch hier gilt: Was der erfolgreichen Genesung nicht im Weg steht, ist erlaubt.

Wer sich also lieber von seiner Mama gesundpflegen lassen will, darf heimfahren. Bei einer Bronchitis ist auch ein Erholungswochenende an der See durchaus möglich. Einzige Bedingung: nicht ohne Erlaubnis. Dabei muss immer der zustimmen, der während der Erkrankung den Lohn weiter zahlt. Sind noch keine sechs Wochen seit der Krankschreibung vergangen, ist der Chef dafür zuständig. Später muss dann bei der Krankenkasse nachgefragt werden.

Es ist außerdem ratsam, geplante Unternehmungen auch von Arzt schriftlich genehmigen zu lassen. Wer ohne Erlaubnis des Chefs verreist, riskiert laut Weigelt die Einstellung der Lohnfortzahlung respektive seines Krankengeldes durch die Kasse.

Welche Konsequenzen hat ein Arbeitseinsatz während der Krankschreibung?

Frage:

Ein Mitarbeiter ist seit Monaten krankgeschrieben, der Chef bittet ihn trotzdem immer wieder um einen Arbeitseinsatz. Der Mitarbeiter kommt diesen Bitten nach, so gut er kann. Welche Konsequenzen kann dieses Verhalten für beide haben?

Antwort:

Ist der Arbeitnehmer arbeitsunfähig erkrankt und entsprechend krank geschrieben, ist er von seiner Pflicht zur Arbeitsleistung befreit. Setzen sich beide, der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer darüber hinweg, scheint es zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen für beide zu haben.

Andererseits bezieht der Arbeitnehmer während seiner Krankheit Krankengeld von der Krankenkasse beziehungsweise sich daran anschließende Leistungen. Diese Leistungen werden jedoch nur für den Fall der Krankheit gewährt, so dass durchaus von einem Fall des Versicherungsbetruges ausgegangen werden kann. Ungeklärt dürfte auch sein, was im Falle eines Arbeitsunfalles passiert. Im Zweifel verliert der Arbeitnehmer seinen Versicherungsschutz.

Will ein Mitarbeiter auf eigenen Wunsch vorzeitig an den Arbeitsplatz zurückkehren, muss sich der Arbeitgeber nicht darauf einlassen. Denn streng genommen gilt: Wer krankgeschrieben ist, darf seiner Arbeit nicht nachgehen.

Darf mein Chef mir einen Detektiv hinterherschicken?

Frage:

Mein Chef glaubt wohl, dass ich meine Erkrankung nur simuliere. Jedenfalls hat mich eine Kollegin gewarnt, er würde mir nun einen Detektiv nachschicken. Darf mein Chef das?

Antwort:

Ist ein krankgemeldeter Arbeitnehmer in der Lage, Hausarbeiten oder Behördengänge zu erledigen, so kann ihm das niemand vorhalten. Der Bogen ist aber eindeutig dann überspannt, wenn er außer Haus arbeitet, seinen Umzug abwickelt, auf dem Bau werkelt oder einem festen Nebenjob nachgeht.

Misstrauisch - ob berechtigt oder nicht - werden Vorgesetzte oft, wenn sich Beschäftigte häufig ausgerechnet rund ums Wochenende oder Feiertage krank melden. Auch wenn die Krankschreibung "zufällig" in die Zeit fällt, in der ein beantragter Urlaub nicht genehmigt wurde, kann man es dem Chef nicht verdenken, wenn er misstrauisch wird. Hegt ein Chef den begründeten Verdacht, dass sein Mitarbeiter vorsätzlich oder wiederholt "blau" macht, kann er ihn auffordern, sich vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse untersuchen zu lassen. Allerdings muss er für diese unfreiwillige Gesundheitskontrolle eindeutige Anhaltspunkte fürs Schummeln vorweisen können.

Hegt die Firma einen konkreten Verdacht, darf sogar ein Detektiv beauftragt werden, um die Stichhaltigkeit des Vorwürfe zu überprüfen. Besonders bitter: Wird dem Mitarbeiter Betrug nachgewiesen, kann die Detektiv-Rechnung später dem ertappten Simulanten aufgebürdet werden.

Darf der Chef zur Kontrolle einen eigenen Arzt einschalten?

Frage von Marion W. aus Lüneburg:

Kann mein Arbeitgeber bestimmen, dass ich mich nach acht Tagen Krankschreibung von einem von ihm bestimmten Arzt untersuchen lasse?

Das antwortet der Experte:

Nein, das darf er nicht. "Den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (= gelber Zettel), die ein Arzt ausstellt, wird ein hoher Beweiswert zugesprochen", so stern.de-Arbeitsrechtsexperte Ulf Weigelt. Er darf Sie aber zum Medizinischen Dienst der Krankenkasse schicken. Dort überprüft dann ein anderer Arzt die Diagnose, die zur Krankschreibung geführt hat.