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Der große stern-Report: Was verdienen Selbstständige in Deutschland?

Hundert Freiberufler, Handwerker und Gewerbetreibende lassen sich ins Portemonnaie schauen. Vom Architekten bis zum Zirkusdirektor. Sie arbeiten länger als Arbeiter und Festangestellte, ihre Einkommen klaffen weit auseinander - und trotzdem sind fast alle glücklicher als Arbeitnehmer.

Von Joachim Reuter

Wenn Heiko Vogler am Montagmorgen adrett im schwarzen Anzug mit dunkler Krawatte in sein Mercedes CLS Sportcoupé steigt, freut er sich auf die neue Arbeitswoche. Der 38-Jährige ist Vermögensberater in Groß- Umstadt bei Frankfurt und verdient sein Geld mit dem Geld seiner Kunden - langjährigen und immer wieder neuen. Kurz vor dem Fachabitur machte er sich 1990 selbständig und hat heute zehn Mitarbeiter. Heiko Vogler lebt mit Frau und zwei Kindern im eigenen Haus. Er arbeitet 60 Stunden in der Woche, 50 Prozent mehr als die meisten Festangestellten. Trotzdem sagt er: "Den Schritt in die Selbständigkeit habe ich nie bereut." Kein Wunder: Vogler verdient 17.600 Euro - im Monat. Sein Motto: "Ich denke nach vorn."

Helgard Schramm steht jede Woche 50 Stunden im Geschäft. Die 60-Jährige besitzt einen kleinen Lebensmittelladen im brandenburgischen Lindenberg. Es ist der ehemalige "Konsum" des Dorfes, in dem sie zu DDR-Zeiten Verkäuferin war und den sie nach der Wende übernahm. Die Ladenbesitzerin hat vor 13 Jahren zum letzten Mal Urlaub gemacht. "Ich traue mich nicht, das Geschäft ein paar Tage zuzumachen. Ich bin doch auf jeden Kunden angewiesen." Trotzdem verdient sie gerade 500 Euro im Monat. Vermögensberater Vogler schafft das an einem halben Tag. Aber auch Helgard Schramm sagt: "Ich bereue nichts. Die Arbeit macht Spaß, ich brauche den Kontakt zu meinen Kunden." Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein können. Nur zweierlei haben sie gemeinsam: Beide sind zufrieden mit ihrem Beruf - und beide sind selbständig. Zwei von 4,5 Millionen in Deutschland.

Die Meinungen gehen weit auseinander

Die Meinungen über die Selbständigen gehen weit auseinander. Für die einen sind sie das Rückgrat der Wirtschaft, sie schaffen mehr Jobs als alle Großkonzerne zusammen, sie unterstützen Vereine und sind eine Säule für jede Gemeinde. Für die anderen sind sie Egoisten und Steuerhinterzieher, die nur ans Geld denken. Die den lieben langen Tag Chef spielen und andere arbeiten lassen. Was stimmt? Was überwiegt? Was unterscheidet die Selbständigen von den abhängig Beschäftigten? Der stern hat mit Dutzenden von Freiberuflern, Handwerkern und Gewerbetreibenden gesprochen, hat sie über die Gründe befragt, auf eigenen Füßen zu stehen, mit ihnen über Zufriedenheit, Freiheit und Sicherheit in ihrem Beruf geredet - und wollte vor allem wissen, wie hoch ihr Einkommen ist und ob sie es gerecht finden. Hundert Selbständige gaben detailliert Auskunft. Das Spektrum reicht vom Architekten bis zum Zirkusdirektor, vom Eisdielenbesitzer bis zur Tagesmutter. Werdegang und Verdienst präsentiert der stern in einer großen Liste. Die Zahlen geben den zu versteuernden Monatsgewinn nach Abzug aller Kosten an. Nebeneinkünfte bleiben außen vor.

Das Ergebnis der Recherche: Die Selbständigen arbeiten länger als Festangestellte, ihre Einkommen klaffen weiter auseinander, sie gehen höhere Risiken ein - und sind trotzdem glücklicher. In Deutschland gab es in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten einen Gründungsboom. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Selbständigen um knapp eine Million gestiegen – ihr Anteil an den Erwerbstätigen erhöhte sich von neun auf elf Prozent. Dabei dürften auch die guten Verdienstmöglichkeiten eine Rolle gespielt haben. Während der Anteil der Arbeiter, Angestellten und Beamten am verfügbaren Einkommen gesunken ist, konnten sich die Selbständigen ein deutlich größeres Stück vom Kuchen sichern. Mit einem durchschnittlichen Netto- Jahreseinkommen von 106.900 Euro liegen die Haushalte von Selbständigen weit vor den Arbeitnehmerfamilien, die im Durchschnitt nur 35.900 Euro erreichen (Stand 2005).

Keine Gängelung durch Vorgesetzte

Ehe der Neid zu groß wird: Voll vergleichbar sind die Zahlen nicht. Zwar können Selbständige sehr viel mehr Ausgaben von der Steuer absetzen als Arbeitnehmer, doch anders als die müssen sie ihre Altersvorsorge aus ihrem Nettoeinkommen zahlen. Und: "Der hohe Durchschnitt bei den Selbständigen ist nicht repräsentativ", sagt Claus Schäfer vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, "vergleichsweise wenige Spitzenverdiener wie Unternehmer und Anwälte verzerren den Wert im Verhältnis zu zahllosen kleinen Ich-AGs und Kioskbetreibern." Ob Patentanwalt mit 15.000 Euro oder Sängerin mit 335 Euro im Monat - von den 100 Befragten hadert kaum einer mit seiner Entscheidung, auf eigenen Füßen stehen zu wollen. Nur Taxiunternehmer Gerhard Frädermann und Bestatter Gerhard Düll schimpfen über den miesen Verdienst bei hoher Arbeitszeit. Auch die Prostituierte "Angela" aus Hamburg bereut ihre Berufswahl: "Doch wenn man den Job schon so lange macht und ganz gut damit verdient, hat man Angst vor den 5,20 Euro, die man in einem anderen, ungelernten Beruf verdienen würde."

So hart im Einzelfall der Berufsalltag sein mag - kaum einer will mit einer Festanstellung tauschen. Selbständige sind mit dem, was und wie sie es tun, meist im Reinen. Das zeigt auch eine Untersuchung der Universität München, für die mehr als 1000 Selbständige nach ihrer Zufriedenheit befragt wurden. Ergebnis: Auf einer Skala von eins bis fünf, von sehr unzufrieden bis sehr zufrieden, kreuzten die Teilnehmer im Durchschnitt den hohen Wert von 3,96 an. 96 Prozent würden den Schritt in die Selbständigkeit wieder gehen. Zum Vergleich: Eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes unter Arbeitnehmern ergab, dass nur zwölf Prozent mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden sind. Machen statt Meckern. "Ich genieße es, mein eigener Herr zu sein, und kann arbeiten, wie und wann ich will" - das ist für viele Selbständige das Hauptmotiv. Auch Wirtschaftsprüfer Peter Zimmert, 41, aus Lübeck sieht es so: "Ich muss mich keiner Unternehmenskultur unterordnen, von der ich nicht überzeugt bin, sondern gestalte sie selbst. Und ich kann auch mal am Nachmittag sagen: Ich gehe meine Kinder hüten." Er gehört, wie Vermögensberater Heiko Vogler, mit einem Monatseinkommen von 16.490 Euro zu den Topverdienern. Gerade in der Liga der Steuerberater, Softwarespezialisten oder Fabrikanten spielt die kreative Entfaltung im beruflichen Alltag eine große Rolle. Gängelung durch Vorgesetzte? Ohne mich!

Diese Haltung begegnet auch Stephan Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold- Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung, immer wieder, wenn er Gründer befragt. "Sie sind von ihrer Geschäftsidee regelrecht besessen", sagt der Psychologe, "die versuchen sie, bei hohem Arbeitseinsatz, auch gegen Widerstände durchzusetzen. Sie sehen einen Weg, den andere noch nicht sehen. Dafür sind sie bereit, Entbehrungen hinzunehmen." Alexander Kritikos, Geschäftsführer der Gesellschaft für Arbeitsmarktaktivierung, hat erforscht, was die Persönlichkeit von Selbständigen auszeichnet und was sie von der von Arbeitnehmern unterscheidet. "Entscheidend ist unter anderem die Risikobereitschaft", sagt er, "dazu kommt der feste Glauben, durch das eigene Handeln die Geschicke selbst steuern zu können." Auch Jan Zimmermann, 27, aus Hannover wollte sein eigenes Ding drehen. Zuerst war er Maurer, ließ sich dann zum Koch ausbilden und machte schließlich doch seine Liebe zum Radfahren zum Beruf. Heute betreibt er einen Fahrradkurierdienst und beschäftigt mehrere radelnde Boten. "Mein Berufsmotto? Gegen den Strom!", sagt Zimmermann. Der karge Lohn für die Erfüllung seines Herzenswunsches: 1000 Euro im Monat bei 60 Arbeitsstunden pro Woche.

Angst vor Altersarmut

Andere entdecken ihre Berufung viel später. Heinz-Günter Gärtner aus Böblingen machte den Schritt mit 55 Jahren, nach seiner Frühverrentung bei IBM. Er setzte sich eben nicht zur Ruhe: "Ich hatte den Ehrgeiz, Software auch ohne den Schutz eines großen Konzerns zu entwickeln." Gärtner hatte Glück: Das Jahr 2000 stand vor der Tür und damit die Angst vor einem Computercrash. Schon am Ende des ersten Betriebsjahres beschäftigte seine Firma 30 Mitarbeiter. "Ich bereue nichts", sagt auch Gärtner heute mit 63 Jahren. Kein Wunder: Aus 4000 Euro monatlichem Anfangsverdienst wurden 13.000 Euro. Der Gewinn ist sogar noch höher. Doch Gärtner denkt nicht nur ans eigene Konto, sondern steckt viel Geld in den Betrieb. Gemeinsam haben fast alle der Hundert, dass sie fast immer im Dienst sind: im Urlaub ständig erreichbar, am Wochenende für Kunden auf Abruf, für Freizeit keine Zeit. "Der Beruf ist mein Hobby", redet sich Druckereibesitzer Heinz Wurzel, 53, seine 65-Stunden-Woche schön. "Zwei Wochen Urlaub im Jahr sind schon viel, ewig kann aber der Raubbau am Körper nicht gehen."

Das macht vielen Selbständigen Angst - es irgendwann nicht mehr zu schaffen. Diese Sorge ist vor allem in den Medizin- und Pflegeberufen weitverbreitet. Kein Wunder, denn Hausärzte, Therapeuten und Hebammen müssen oftmals vollen Körpereinsatz bringen, stellen einen hohen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit und leiden an der ausufernden Bürokratie. "Die Kassen sind in den vergangenen Jahren viel knauseriger geworden und reklamieren ständig Abrechnungen, die in Ordnung sind", echauffiert sich Hebamme Christiane Hoffmann-Kachel, 53, aus Idstein. "Das ist richtig eklig geworden." Wie ihr geht es vielen von denen, die anderen Menschen helfen. "Mein Stundensatz für eine Hausgeburt-Betreuung liegt bei 14 Euro. Ein Witz! Ich bin doch für das Leben von zwei Menschen verantwortlich." Sie hat Angst vor Altersarmut, denn "Rücklagen kann ich von meinem Verdienst nicht bilden".

Sicherheitsdenken von früher ist passé

Die Sicherheit, die für viele Arbeitnehmer so wichtig ist, der pünktliche Lohn, der gewohnte Arbeitsplatz, die halbwegs berechenbare Rente - all das spielt für Selbständige eine untergeordnete Rolle. Für sie ist das Leben eher ein Abenteuer. "Das Sicherheitsdenken von früher ist passé", sagt die Frankfurter Fitnesstrainerin Alexandra Weiß, 37. "Ich finde es ehrlicher, sich auf eigene Faust durchzuboxen." Filmregisseur Christoph Steinau, 32, bekennt: "Ich ignoriere den Sicherheitsgedanken. Ansonsten könnte ich meinen Job nicht machen." Die Hamburger Bildhauerin Claudia Pohl, 44, findet, dass "Sicherheit und Selbständigkeit nicht miteinander korrespondieren". Der Preis für die Selbstverwirklichung ist manchmal hoch. Ganz unten auf der Skala stehen die Kulturschaffenden. Mit Kunst ist in Deutschland kaum Geld zu verdienen. Die durchschnittlichen Jahreseinkommen betragen laut Künstlersozialkasse zwischen 9700 Euro für Musiker und Sänger und 10.600 Euro für darstellende Künstler wie Schauspieler oder Tänzer.

Hier zählen Idealismus sowie Improvisationstalent - und Nebenjobs wie Taxifahren oder Kurse an der Volkshochschule, mit denen man das karge Einkommen etwas aufbessert. "Eigentlich fühle ich mich überhaupt nicht bezahlt", sagt Komponist Johannes K. Hildebrandt, 39, aus Weimar auf die Frage, ob er sich gerecht bezahlt fühle. Mit dem Komponieren sogenannter ernster Musik verdient er gerade einmal 750 Euro im Monat. "Zwar kommen von Orchestern und Veranstaltern wie Festival- Vereinen immer wieder Anfragen, ob man etwas 'schreiben' würde, aber gleich mit dem Zusatz, dass dafür leider kein Geld vorhanden sei. Also begibt man sich selbst auf die Suche nach Ersatzhonoraren wie Stipendien, Projektmitteln und Fördergeldern." Nebenbei verdient er noch Geld als Dozent an Musikschulen. Aufgeben will er nicht. Sein Motto: "Alles wird gut."

"Ich werde arbeiten, bis ich sterbe"

Andere kommen dank Mäzenen über die Runden. Der bildende Künstler Wolfgang Z. Keller, 62, aus München verdient mit seinen Installationen gerade 600 Euro im Monat: "Das Geld zum Leben reicht nur, weil ich von einer Sammlerin einen Kredit bekomme." Während Deutschlands Arbeitnehmer sich vor der Rente mit 67 ängstigen, denken viele Selbständige selbst in diesem Alter nicht ans Aufhören. Joachim Schneider führt die Meisterwerkstatt für klassischen Gitarrenbau im Vogtland seit 1962. Heute ist er 68 Jahre alt und steht immer noch jede Woche 45 Stunden in seiner Werkstatt. "Warum sollte ich aufhören? Ich fühle mich in meinem Beruf völlig frei, denn ich kann die Instrumente ganz nach meinen Vorstellungen gestalten", sagt er. Seinen Betrieb weiß er auch in Zukunft in guten Händen. Seine beiden Söhne haben den Meistertitel und werden die Werkstatt in fünfter Generation weiterführen. Auch Maschinenfabrikant Dieter Sieber, 52, hat den Plan aufgegeben, mit 65 aufs Altenteil zu gehen. Zwar verdient er 4000 Euro im Monat, doch die Zeiten seien härter geworden, sagt er: "Ich werde arbeiten, bis ich sterbe."

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(