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Deutsche Wirtschaft: Großes Konjunktur-, kleines Jobwunder

Die Wirtschaft brummt im Moment, die Zahl der Arbeitslosen ist auf dem niedrigsten Stand seit zwölf Jahren. Nur ein Strohfeuer, oder der Beginn einer echten Trendwende? Arbeitsmarktforscher Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gestattet vorsichtigen Optimismus.

Herr Spitznagel, im August erreichte die Zahl der Arbeitslosen den niedrigsten Stand seit zwölf Jahren. Erleben wir ein Jobwunder in Deutschland?

Zunächst einmal erleben wir ein Konjunkturwunder: Seit zwei Jahren wächst die deutsche Wirtschaft im Schnitt um 2,5 Prozent, und auch 2008 werden wir ein kräftiges Wachstum erleben. Das ist die treibende Kraft am Arbeitsmarkt. Es gibt im Moment rund 600.000 sozialversicherungspflichtige Jobs mehr als im Vorjahr, und die Firmen suchen weiter Personal. Das sind gute Nachrichten. Und sie widerlegen die These vom "jobless growth" - viele Ökonomen glaubten, dass im Aufschwung nur wenig neue Jobs entstehen, aber im nächsten Abschwung viele vernichtet werden, so dass insgesamt die Sockelarbeitslosigkeit unablässig steigt. Dieses Muster ist nun durchbrochen.

Welche Berufe sind besonders gefragt?

Vor allem Ingenieure und hoch qualifizierte Mitarbeiter für unternehmensnahe Dienstleistungen wie Forschung, Entwicklung und Beratung werden gesucht. Hier kommt es teilweise zu Engpässen. Aus Umfragen wissen wir, dass Banken, Versicherungen und Werbeagenturen einstellen. Auch bei den Zeitarbeitsfirmen ist der Bedarf an Mitarbeitern groß. Wir schätzen, dass ein Drittel der neuen Jobs hier entstehen. Auch die Nachfrage nach einfachen Tätigkeiten ist stark gestiegen. Das liegt an der erfreulichen Wiederbelebung der Baubranche und der Industrie.

Verbessern sich die Chancen für ältere und schwer vermittelbare Arbeitnehmer?

Wenn man sich den Arbeitsmarkt wie eine Warteschlange vorstellt, in der die Produktivsten ganz vorn stehen und als erste eingestellt werden, dann ist klar: Je größer die Nachfrage nach Arbeitskräften, desto größer die Chance auch für Ältere, einen Job zu finden. Hinzu kommt ein Umdenkprozess in der Gesellschaft. So wählerisch wie Betriebe früher waren, als sie ganz gezielt Ältere entließen, um Jüngere einzustellen, können sie heute nicht mehr sein. Denn die demografische Wende zeigt nun ihre Wirkung: 2006 war das erste Jahr, in dem das Arbeitskräfteangebot nicht mehr zunahm, sondern nahezu stagnierte. 2007 wird es kräftig sinken, um 80.000. Und das ist noch harmlos. Dieser Trend ist dauerhaft und wird sich massiv verstärken. Die Unternehmen müssen bei der Personalsuche neue Wege gehen. Früher konnten sie Stellen mit wenig Aufwand besetzen, weil das Angebot auf sie zukam. Jetzt ergreifen sie die Initiative.

Kann man sagen, wer jetzt keinen Job findet, ist selbst schuld?

Nein. Es herrschen keine paradiesischen Zustände auf dem Arbeitsmarkt. Noch immer haben wir 3,7 Millionen Arbeitslose, und auch in Zukunft wird es Menschen geben, die sich nur mit arbeitsmarktpolitischen Hilfen integrieren lassen. Aber: Die letzten Monate zeigen, dass Langzeitsarbeitslose durchaus am Aufschwung teilhaben. Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger wird in diesem Jahr um 300.000 sinken. Immer mehr schaffen sogar den Sprung zurück in den ersten Arbeitsmarkt.

Interview: Doris Schneyink
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