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Drehbuchautor: Wie der Mord ins Fernsehen kommt

Hinter jeder Soap und jedem Krimi steckt ein kluger Kopf - der Drehbuchautor. Campus & Karriere-Autorin Klaudia Brunst besuchte drei junge Profis, die es geschafft haben.

Streng genommen ist Maggie Peren eine Ungelernte. Plotpoint? Midpoint? Klimax? Von den Fachbegriffen des Drehbuchschreibens hatte die Münchnerin "keinen blassen Schimmer", als sie Ende der Neunziger ihr erstes Drehbuch schrieb. Die Schauspielerin kam durch einen Zufall zum Schreiben. Auf einer Party hatte Maggie eine Freundin aus alten Ballettschulzeiten wieder getroffen. Die studierte inzwischen an der Filmhochschule Regie und suchte händeringend nach einem guten Stoff für ihren Abschlussfilm. "Da habe ich ihr die vielen Geschichten erzählt, die ich immer im Kopf habe", erinnert sich die quirlige Autorin. Und anders als sonst war ihre Zuhörerin von Maggies übersprudelnder Fabulierleidenschaft nicht genervt, sondern elektrisiert. Aus dem Partygespräch wurde eine Zusammenarbeit und schließlich ein Filmprojekt: "Vergiss Amerika" wurde vor drei Jahren fürs Kino verfilmt.

Bis heute erarbeitet sich Maggie Peren, die gerade mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden ist, ihre Stoffe unkonventionell. "Intuitiv" nennt die 29-Jährige ihr Vorgehen selbst. Am Anfang steht ein meist ziemlich ungewöhnliches Bild: ein Einbeiniger, zum Beispiel, der hinter einem Plättbrett steht und ein Brautkleid bügelt. Ist die Szene gefunden, macht sich die Autorin auf die Suche nach der Story zum Bild. Am Ende erzählt "Ganz und gar" die Geschichte des draufgängerischen Zimmermanns Torge, der vom Baugerüst stürzt, sein rechtes Bein verliert und erst durch die Verkrüppelung lernt, in seiner Gefühlswelt einen entscheidenden Schritt nach vorn zu machen.

Ein Raster für die Fantasie

So viel erzählerischer Spielraum ist selten in der Fernsehbranche. Die Serienautorin Elke Schuch muss ihre Geschichten streng nach Lehrbuch entwickeln: über die Hauptfigur. "Es ist wichtig, dass ich ein starkes Gefühl für die Figuren kriege", sagt die 29-Jährige. Klappt das mit der Einfühlung mal nicht auf Anhieb, kann sie auf die üblichen Fragetechniken zurückgreifen: "Wer ist mein Held, was hat er für ein Problem? Was ist sein Bedürfnis, was sein Verlangen?" Das Raster hilft, die Fantasie auf Reisen gehen zu lassen, ohne dabei das vorgegebene Format zu verlassen. Denn im Seriengeschäft, wo aus Zeitgründen mehrere Drehbuchautoren gleichzeitig an einer Staffel schreiben, machen Headwriter und Redaktion klare Vorgaben. In der so genannten Serienbibel ist festgelegt, was die Autoren über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Hauptfigur wissen müssen. Am Ende jeder Folge muss der Held wieder am Anfang angekommen sein: Der Kommissar hat seinen Täter geschnappt, die Kinderärztin den kleinen Patienten gerettet, der Hotelier seine Gäste glücklich gemacht.

Wie Maggie Peren hat auch Elke Schuch gerade einen Drehbuchpreis gewonnen: den Oscar. Ein Kurzfilm, für den sie das Skript geschrieben hat, ist in Los Angeles als "Bester ausländischer Studentenfilm" ausgezeichnet worden. Aber Elke Schuch ist nicht der Typ, der sich so leicht aus der Ruhe bringen lässt. "So aufregend war das auch wieder nicht!" Schon ein paar Tage nach der Preisverleihung saß die junge Frau wieder in ihrer kleinen Hamburger Wohnung und brütete über den nächsten Fall im "Großstadtrevier".

Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, dass Elke Schuch die Drehbuchklasse an der Hamburger Uni abgeschlossen hat, und schon heute ist sie eine gut beschäftigte Serienautorin. Durch Vermittlung der Hochschule bekam sie noch während der Ausbildung Kontakt zum Studio Hamburg. Mit ihrem ersten Job war man dort so zufrieden, dass Anschlussaufträge folgten. Jetzt entwickelt Elke ihren ersten "Tatort".

Storyliner für Daily Soaps halten drei bis vier Jahre durch

Trotz anhaltender Branchenflaute hat sich die Berufsanfängerin als Drehbuchautorin etabliert. Damit zählt sie für Jürgen Kasten, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Drehbuchautoren, zu den gut 1.000 Profis, die in Deutschland hauptberuflich als Autoren für Film und Fernsehen arbeiten. Weil der Beruf des Drehbuchautors nicht geschützt ist, tummelt sich in der Branche aber noch eine unüberschaubare Anzahl von Gelegenheitsautoren. Die Bandbreite reicht von so bekannten Krimiautoren wie der Berliner Bestsellerliteratin Thea Dorn bis zu den vielen namenlosen Heimarbeitern, die in ihrer Freizeit Drehbuchseminare besuchen und mangels persönlicher Kontakte die Sender mit unaufgefordert eingesandten Manuskripten beschicken.

Dass ein unbekannter Autor ein fertiges Drehbuch einreicht und darin sofort die Tonlage einer Erfolgsreihe wie "Tatort" trifft, ist die Ausnahme. Gerade bei Anfängern entwickeln die Redaktionen die Drehbücher lieber gemeinsam mit den Autoren. Ihre Talente sucht und findet Heike Hempel, Leiterin der ZDF-Nachwuchsredaktion "Das kleine Fernsehspiel", vor allem an den Filmhochschulen.

Genau das ist das Problem von Stefan Rehberger: Ihm fehlen die richtigen Kontakte, um sich weiterzuentwickeln. Seit zwei Jahren arbeitet der studierte Germanist bei Grundy UFA als Storyliner für die Daily Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Längst ist aus dem talentierten Trainee ein routinierter Profi geworden. Jetzt ist Halbzeit. Denn im Schnitt halten die Autoren den Fließbandbetrieb nur drei bis vier Jahre durch, spätestens dann droht der Burn-out. "Viele unserer Storyliner steigen für sechs Monate aus und schreiben einen 90-Minüter", beobachtet Grundy-Geschäftsführer Rainer Wemcken. Die Firma unterstützt solche Seitensprünge zuweilen sogar mit bezahltem Urlaub von einem Vierteljahr.

140 Menschen arbeiten parallel an 70 Soap-Folgen

Auch Stefan Rehberger hat sich jetzt eine Auszeit genommen. Er will Atem schöpfen und sich neu orientieren. Deshalb hat er sich zu einem Online-Kurs an der "Master School Drehbuch" eingeschrieben und will eine Sitcom-Idee zu Papier bringen. Sein stressiger Job lässt ihm für so etwas keinen Raum: Eine Woche hat der 31-Jährige Zeit, um eine GZSZ-Folge zu schreiben. Das klingt relativ luxuriös, ist aber Akkordarbeit: In jeder Episode muss er drei Handlungsstränge verfolgen, von denen sich einer gerade entwickelt, einer auf dem Höhepunkt ist und einer ausläuft. Jede Folge ist standardisiert, sie hat 20 Szenen, von denen aus Kosten- und Zeitgründen nur zwei außerhalb der Studiobauten spielen dürfen. Weil in den beiden Babelsberger Filmstudios gleichzeitig mehrere Folgen abgedreht werden, dürfen die Schauspieler dann zum Beispiel in der Dienstagsfolge nicht "mitspielen", weil sie am selben Drehtag für die Donnerstagsfolge auf Außendreh sind. Krankheiten, Urlaube oder die vertraglich festgeschriebenen "Garantie"-Episoden der Serienstars schränken die Erzählung zusätzlich ein. Seine knappen Lines schreibt Stefan direkt in den Dispomaker, ein eigens für diese Zwecke entwickeltes Computerprogramm, das im Nachbargebäude die Besetzungslisten für die Dispo auswirft. Wenn das Producer-Department dort einen Urlaubsantrag genehmigt hat, kann es schon mal sein, dass Stefan Rehberger nebenan eine Folge schreiben muss, in der das Kind zwar todkrank ist, der Vater aber trotzdem dringend verreisen muss.

Von außen sieht das Produktionsgelände der Grundy UFA aus wie eine Strumpfhosenfabrik. Nur dass vor den Studios immer eine Traube pubertierender Autogrammjäger auf ihre GZSZ-Stars warten. In zwei klimatisierten Bürokomplexen arbeiten 140 Menschen parallel an 70 Folgen der Soap. Eine riesige Pinwand mit den Figurennamen und Fotos aller Darsteller hilft, den Überblick zu behalten.

"Schreiben heißt sitzen bleiben"

"Wenn es läuft, ist es sehr lustig", sagt Stefan Rehberger und grinst. "Wenn einem nix einfällt, ist es sehr quälend." Maggie Peren greift dann schon mal anfallartig zum Schokoriegel. Elke Schuch guckt sich einen ihrer Lieblingsfilme an. Andere gehen schwimmen oder laufen. Aber irgendwann muss man dann doch wieder zurück an den Schreibtisch. "Schreiben heißt sitzen bleiben", predigt die Filmemacherin Doris Dörrie deshalb in ihren Drehbuchseminaren.

Einen Drehbuchpreis wird Stefan Rehberger für seine Arbeit nie kriegen. Dafür verdient er sehr gut. Wie gut genau, darf er zur Wahrung des Betriebsfriedens nicht einmal seinen Kollegen erzählen. So steht es in seinem Gagenvertrag, der eine 50-Stunden-Woche vorsieht. "Dafür gibt es zwischen 3.500 und 5.000 Euro im Monat", sagt Grundy-Geschäftsführer Rainer Wemcken. Zum Vergleich: Für ein Erstlingsstück wie Maggie Perens "Vergiss Amerika" zahlt Heike Hempel, Leiterin der ZDF-Redaktion "Kleines Fernsehspiel", zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Dafür müssen die Neulinge aber vom Exposé über das Treatment oft drei Drehbuchfassungen abliefern. An ihrem letzten Drehbuch schrieb Maggie Peren zweieinhalb Jahre. Nur mit Drehbuchfördermitteln ist das überhaupt finanzierbar.

Bis zu 25.000 Euro für ein TV-Movie

Aber die Zeiten, in denen die Schauspielerin im Studentenheim wohnte, um sich das Schreiben leisten zu können, sind für Maggie Peren vorbei. Inzwischen verdient sie "normal", das heißt: drei Prozent des Produktionsbudgets. Bei ARD und ZDF bringt es ein etablierter Autor im Schnitt auf ein Honorar von 20.000 bis 25.000 Euro für ein ausgestrahltes TV-Movie. Dafür garantiert ihm der Sender bei Wiederholungen ein Honorar gleicher Höhe. Ganz anders die Privaten. Sie zahlen zwar ein bisschen besser. Aber sehr zum Ärger von Verbandschef Kasten vergüten sie im Buy-out-Verfahren. Das heißt: obwohl RTL, Pro Sieben und Sat 1 mit einer dreifachen Verwertung kalkulieren, zahlen sie nur einmal. Und wer nicht mit dem Sender direkt verhandelt, sondern einen Exposévertrag mit einer Produktionsfirma abschließt, verkauft womöglich mit seiner Idee gleich alle Urheber- und Verwertungsrechte für magere 1.500 Euro.

Wer mit Drehbüchern seinen Lebensunterhalt verdienen will, muss ständig neue Stoffe entwickeln. Auf einen realisierten (und damit honorierten) Film kommen oft fünf bis sechs "angedachte" Exposés. Und die Fernsehbranche kriselt. Bernd Burgemeister vom Bundesverband Deutscher Fernsehproduzenten schätzt, dass im vergangenen Jahr gut 100 TV-Movies weniger in Auftrag gegeben worden sind. "Nur ein Drehbuch pro Jahr weniger", weiß Jürgen Kasten vom Verband Deutscher Drehbuchautoren, "kann einen Autor leicht in die Insolvenz treiben".

An Kritik wird nicht gespart

Elke Schuch kann trotzdem gut schlafen. Gespart wird vor allem an den großen Prestigeproduktionen. Die meisten Serien laufen trotz Branchenflaute weiter. Im Schnitt 15.000 bis 20.000 Euro bringt ihr ein Auftrag von Studio Hamburg. Aber verlassen kann sich auch Elke Schuch nur auf ihr Talent. Kein Rahmenvertrag bindet Produktionsfirma und Autorin längerfristig aneinander.

Wer als Drehbuchschreiber auf Dauer Erfolg haben will, hat einen großen Spagat auszuhalten. Man muss ein teamfähiger Eigenbrötler sein. Einerseits ist das Schreiben eine ziemlich einsame Angelegenheit. Andererseits ist Filmarbeit immer Teamarbeit. Denn nicht allein der Autor, auch Produzent, Redakteur und Regisseur haben eine Vorstellung davon, wie die Geschichte am besten zu erzählen ist. An den Hochschulen lernen die jungen Talente deshalb vor allem, sich zusammenzuraufen, ohne dabei gleich die eigene Idee aufzugeben. "Die Kritik der Mitschüler war oft härter, als ich es jetzt in der Praxis erlebe", erinnert sich Elke Schuch.

Maggie Peren war jahrelang Mitglied einer Initiative namens "Treibstoff". In einer Art Selbsthilfenetzwerk zeigten sich die Autoren gegenseitig ihre Drehbuchentwürfe. Auch bei "Treibstoff" wurde mit Kritik nicht gespart. Trotzdem ist es immer noch bitter, wenn sie kurz vor Drehbeginn die finale "Regiefassung" auf den Tisch bekommt, in der von ihrer ersten Drehbuchversion kaum noch etwas übrig ist.

Premierenfeier ohne Drehbuchautor

Derart rigide Eingriffe tun natürlich weh. Aber sie gehören zum Geschäft. "Als Autorin darf man nicht eitel sein", findet Elke Schuch. "Wäre der fertige Film ein Haus", beschreibt die Hamburgerin kühl ihre Position, "dann säße der Autor im Keller. Dort wird das Fundament gelegt, damit die anderen - der Regisseur, die Schauspieler - später oben im Licht ihre Arbeit gut machen können." Es soll Fälle gegeben haben, da vergaß die Produktion, den Drehbuchautor zur Premierenfeier einzuladen. "Jack Nicholson dankt immer seinen Drehbuchautoren, wenn er einen Oscar kriegt", hält Maggie Peren dagegen.

Zwischen Keller und Olymp geht es treppauf, treppab. Im nächsten Jahr will Stefan Rehberger seine Sitcom-Idee fertig haben, Elke ihren ersten "Tatort" im Fernsehen sehen und Maggie wieder etwas mehr Theater spielen. An einer kleinen freien Bühne. Die "Drehbuchkohle" erlaubt ihr das. Aber schreiben will sie, bis sie achtzig ist. Mindestens.

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Klaudia Brunst / print