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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Ein Abend mit Udo Jürgens – ohne ihn

Vor bald vier Jahren verstummte eine vertraute Stimme: Udo Jürgens schloss für immer die Augen. Bei einem festlichen Abendessen in Berlin saß der populäre Künstler bei Frank Behrendt und seinen Gesprächspartnern gefühlt mit am Tisch und jede Menge Musik lag in der Luft.

Udo Jürgens bei einer seiner legendären Zugaben im Bademantel am Klavier

Udo Jürgens bei einer seiner legendären Zugaben im Bademantel am Klavier

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Über 100 Millionen Tonträger hatte er in seiner über 60-jährigen aktiven Karriere verkauft. "Mitten im Leben" hieß seine letzte Konzerttournee, er konnte sie nicht zu Ende bringen. Aber seine Melodien bleiben. In den Köpfen und Herzen.

Sein Grabstein auf dem Wiener Zentralfriedhof ist ein weißer Marmorflügel. An einem schwarzen aus Holz vom Klavierbauer Schimmel saß der Ausnahmekünstler bei seinen Konzerten. Drei Jahre nach meiner Geburt schaffte Udo Jürgens den Durchbruch: Er gewann mit "Merci Chérie" den Grand Prix Eurovision.

Meine Eltern liebten diesen Song. 1978 wurde Udo mit der deutschen Fußballnationalmannschaft Weltmeister - zumindest was die Chartplatzierung und die Plattenverkäufe der Hymne "Buenos días, Argentina" betraf. An den Stammtischen wurden nach der Schmach von Cordoba dagegen eher Klagelieder über unsere Kicker angestimmt.

Als ich letzte Woche zu einem Vortrag in Berlin weilte, saßen wir im Anschluss noch in netter Runde zusammen. Ein unterhaltsamer Schwabe, selbst passionierter Hobby-Trompeter, schwärmte von den Konzerten von Udo Jürgens. Und alle anderen stimmten unisono mit ein. Besonders der Moment am Ende, wenn die legendäre Pepe-Lienhard-Band die Bühne bereits vollzählig verlassen hatte und Udo sich in seinem weißen Bademantel nochmal an den Flügel setzte, war so präsent, als kämen wir alle noch mit Klatsch-warmen Händen geradewegs vom Konzert.

Jeder hatte eine Geschichte auf Lager, alle hatten bestimmte Lieder im Kopf. Mehr als 1000 hat Udo Jürgens im Laufe seines Lebens komponiert. Ein Schatz für die Ewigkeit. Weil die nette Runde im Berliner Hotel überwiegend Wein trank, landeten wir unvermeidlich bei dem Lied, das Udo Jürgens in den 70ern sogar eine Einladung und Auszeichnung vom damaligen griechischen Ministerpräsidenten bescherte: "Griechischer Wein".

Unser freundlicher Trompeter war absolut textsicher und rezitierte aus dem Stand die einzelnen Passagen des Hits:  "Griechischer Wein, und die altvertrauten Lieder. Schenk' noch mal ein! Denn ich fühl' die Sehnsucht wieder, in dieser Stadt werd' ich immer nur ein Fremder sein, und allein."

Ich war froh, dass ich an diesem Abend nicht allein war und wir waren uns alle einig, dass der Komponist, Pianist und Sänger Jürgens seinerzeit jeden Cent wert war, den man für eine Eintrittskarte eines seiner großartigen Live-Konzerte berappen musste. Gemeinsam kamen wir am Tisch auf insgesamt fast 50 besuchte Shows. Wir stießen miteinander auf ihn im Himmel an. Wäre er noch unter uns, hätte er uns sicher postwendend musikalisch mit einem seiner Hits geantwortet: "Vielen Dank für die Blumen".

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