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Pfleger und Supermarktkassierer Corona-Helden sind die Verlierer bei der Gehaltsentwicklung

Sehen Sie im Video: "Mitleid brauche ich keins" – was ein Pfleger in Corona-Zeiten von Spahn fordert.






„Ich bin schon ein bisschen Corona-müde. Das muss ich ganz ehrlich sagen.“
„Ja, das Schlimmste ist natürlich, wenn man sieht, dass Patienten in der Notaufnahme ankommen, die eine massive Atemnot haben. Und das ist wirklich unabhängig vom Alter.“
Michael Steidl ist stellvertretender pflegerischer Leiter einer Zentralen Notaufnahme in Bayern. Seit zwanzig Jahren arbeitet er in seinem Beruf und hat nun ein Buch veröffentlicht. Im Interview mit dem stern erzählt er von den neuen Herausforderungen mit Covid-19 und was er sich vom Gesundheitsminister Jens Spahn im Hinblick auf den Pflegeberuf wünscht.
Herr Steidl, wie ist denn die aktuelle Corona-Situation in einem Krankenhaus, in dem Sie arbeiten?
In der Klinik an sich ist es so, dass wir natürlich Corona-Patienten haben, sowie positiv-Getestete als auch Verdachtspatienten haben, und gut ausgelastet sind in der Betreuung dieser Patienten.
Und das sieht man jetzt gerade in der zweiten Welle, dass on top ja die normalen Patienten trotzdem kommen. Also es ist ja nicht so … beim ersten Mal hat man es gemerkt, es waren wesentlich weniger Patienten, die sich in der Notaufnahme gemeldet haben. Jetzt läuft das ganze ganz normal weiter. Also wir haben die Corona-Patienten und dazu die ganz normalen Patienten. Und ich sage es jetzt mal so ganz salopp: Der mit dem eingewachsenen Zehennagel taucht jetzt auch wieder in der Notaufnahme auf, der im Frühjahr nicht aufgetaucht ist.
Wie hat sich Ihr Alltag seit dem Ausbruch von Covid-19 verändert?
Also, der Ausbruch von Covid-19 hat meinen Alltag komplett beeinflusst, sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Weil gerade in der ersten Welle war es ja so wir mussten ja die Notaufnahme so umgestalten, dass wir eben diese Corona-Patienten versorgen konnten. Wir wussten ja auch nicht, was kommt auf uns zu. Also wir haben ja nur die Bilder von Italien im Kopf gehabt und haben gesehen, welche Zustände dort herrschen und haben uns versucht, so gut wie möglich darauf vorzubereiten, wenn es uns auch in diesem Ausmaß erwischt. Das war dann schon so, dass die ersten drei Wochen Zwölf-Stunden-Dienste üblich waren in der Vorbereitung und wir auch nicht wussten, wie stark oder wie wirkt sich das Virus auf uns aus? Wenn wir am Patienten arbeiten, wie einfach kann man sich denn damit anstecken? Und gerade zu Beginn, als es nicht genügend Schutzausrüstung gab, hat man natürlich schon immer so ein bisschen Sorge gehabt, wenn man diese Patienten betreuen musste.
Mittlerweile ist es so, dass sich da schon eine Routine eingeschliffen hat. Das muss man ganz ehrlich sagen. Also man weiß ja auch wesentlich mehr über das Virus und die Schutzausrüstung sind ausreichend vorhanden, zumindest in unserer Klinik, sodass wir ohne große Bedenken am Patienten arbeiten können. Also man merkt auch dass, die Kollegen und Kolleginnen, die die Patienten betreuen, gehen mit einer ganz anderen Einstellung an den Patienten dran als in der ersten Welle.
Und im Privaten natürlich auch. So geht's für mich und meine Frau nur um Corona, also sowohl in der Arbeit, weil meine Frau auch im Gesundheitswesen tätig ist, als auch im Privaten, weil die Kinder von den schulischen Ausnahmeregelungen betroffen sind. Jetzt gerade ist es ja bei uns so, dass der Große z.B. über die Hybrid-Lösung Online-Schooling „genießen“ darf.
Könnten Sie uns vielleicht mal die Abläufe im Krankenhaus detailliert schildern. Also wenn jemand mit dem Verdacht auf Corona zu Ihnen in die zentrale Notaufnahme kommt, was passiert dann?
Also es ist ja so, dass wir der Behandlungsbereich der zentralen Notaufnahme immer eine Triage vorgelagert haben, die die Patienten auf Symptome abfragt. Gerade in der ersten Welle haben wir das installiert: eine digitale Thermometer-Messung, also eine Videokamera, die quasi digital die Temperatur misst.
Und dann gibt's halt diverse Kriterien, wie der Patient triagiert werden muss. Also hat er Kontakt zu Corona-positiven Patienten, hat er selbst Corona-Symptome, Erkältungssymptome, hat der Temperatur, Geschmacks- oder Geruchsverlust. Und wenn jetzt eines dieser Kriterien hervorsticht, dann wird der Patient primär mal bei uns als Verdachtsfall Corona triagiert. Das heißt, er wird in einem Behandlungsbereich isoliert, alleine liegend, und wird dort von uns in Schutzausrüstung betreut. Das geht dann soweit, dass man sagt, wenn der Patient stationär aufgenommen werden muss, kommt er entweder in ein Zimmer im Screening-Bereich, bis der Befund des Abstrichs da ist, oder wenn sich der Verdacht erhärtet hat auf die Corona-Verdacht-Station, bis da eben auch die komplette Diagnostik abgeschlossen ist und dann eventuell sogar auf die Corona-positiv-Stationen verlegt werden muss.
Es liegen ja jetzt schon rund neun Monate mit dem Coronavirus hinter uns. Ihre Arbeit wurde dadurch erheblich beeinflusst, haben Sie ja gerade geschildert. Wie geht es Ihnen aktuell? Wie wenden Sie Ihren Zustand beschreiben?
Meinen persönlichen?
Ja.
Ja, ich bin schon so ein bisschen Corona-müde, muss ich ganz ehrlich sagen. Also aufgrund dessen, dass es schon so lange geht und im Privaten halt auch mit eine Rolle spielt, gibt's so Tage, wo ich die Patienten, die auf Verdacht auf Corona kommen, einfach anstrengend finde. Muss ich ganz ehrlich sagen. Gerade weil man ja nur ein bestimmtes Kontingent an Platz hat in der Notaufnahme, um diese Patienten zu versorgen. Wenn ich dann weiß, ich hab jetzt dieses Kontingent schon ausgeschöpft und draußen warten nochmal drei weitere und über das Anmelde-System des Rettungsdienstes ist ein weiterer Patient angemeldet. Dann entsteht natürlich ein enormer Druck in der Notaufnahme, weil wir ja die Patienten raus verlegen müssen. Oftmals sind aber die Screening-Betten nicht frei, was dann eben auch den Druck für uns in der Notaufnahme erhöht. Und das macht das ganze schon sehr anstrengend. Also ich weiß, was ich Arbeit vor mir habe. Ich weiß, was ich aber noch zu erwarten habe und ich weiß, was das in Folge fürs Haus bedeutet. Und umso mehr Patienten ich aufnehmen muss, um so größere Probleme habe ich dann eben auch Patienten aus der Notaufnahme rauszubringen.
Was ist das Schlimmste und das Schönste, was Sie im Zusammenhang mit Corona erlebt haben? Oder mit Patienten, die an dem Virus erkrankt sind?
Ja, das Schlimmste ist natürlich, wenn man sieht, dass Patienten in der Notaufnahme ankommen, die eine massive Atemnot haben. Und das ist wirklich unabhängig vom Alter. Wir haben da Mit-Dreißiger wie auch Mit-Siebziger, die mit diesen Symptomen kämpfen müssen und die dann aufrecht auf der Liege sitzen mit Sauerstoff und dann auf Intensivstation verlegt werden müssen, um dort weiter behandelt zu werden. Das macht dann auch schon ein bisschen nachdenklich, weil dann weiß man, das kann man ja selber auch immer treffen. Also das ist ja mit 44 gehört man ja auch zu der Gruppe, die es erwischen kann. Und das sind so die Momente, wo ich mir denke, Gott sei Dank haben wir die Möglichkeit mit dieser Schutzausrüstung zu arbeiten. Und ich finde es ja wie gesagt, ich mache mir keine Gedanken, mich auf Arbeit zu infizieren, sondern ich mache mir wesentlich mehr Gedanken, mich in meiner Freizeit zu infizieren als in meinem Privatleben. Weil in der Arbeit hab ich permanent den Mundschutz auf und zweifach, also normalen Mund-Nasenschutz und eine FFP-2-Maske, dass ich sage „Okay, da wird hoffentlich nichts passieren, wenn ich mich an die hygienischen Maßgaben halte.“
Ich erinnere mich auch noch an junge Patienten, also auch wieder so unter 40 Jahren, die sich, die nicht intubiert wurden und zwar mit der High-Flow-Therapie versorgt wurden und sich versucht haben, immer selbst noch auf den Bauch zu legen, um besser beatmet werden zu können ohne eine massive Intubation. Dass die dann auch nach Hause gehen konnten und dann irgendwann sieht man es halt im Verlauf. Wo sind sie gelandet? Liegen die auf normalen Stationen oder sind sie schon entlassen worden? Dann sagt man: Gutgegangen, Glück gehabt.
Seit dem Ausbruch von Covid-19 werden die Pflegekräfte immer wieder öffentlich gefeiert für das, was sie leisten. Ihre Arbeit ist systemrelevant und gleichzeitig werden sie quasi bemitleidet für die Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. Was wünschen Sie sich von der Politik und auch von der Gesellschaft?
Also Mitleid brauche ich keins. Also ich brauche kein Mitleid für das, was ich in meinem Beruf mache. Aus Sicht der Notaufnahmen finde ich es immer schade, dass man in der Versorgung von den Corona-Patienten nur von der Intensivstation entspricht. Es sind ja nicht nur die Intensivstationen, die sich um die Patienten kümmern, wobei die natürlich auch das Klientel haben, was einfach massiv betroffen ist und auch die Betreuung dieser Patienten enorm aufwendig ist, und ich meinen größten Respekt davor habe, was die Kollegen auf Intensivstationen leisten. Bloß es sind ja auch noch ganz andere Berufsgruppen, die in einer Klinik am Corona-Patienten arbeiten. Die Eintrittspforte für die Klinik sind die Notaufnahmen und die Kollegen in den Notaufnahmen betreuen diese Patienten genauso. Und oftmals gelten die Notaufnahmen als Rückfallebene für die Intensivstation, weil die halt im Moment gerade keinen Platz haben und erst Patienten abfällig werden müssen, damit man Patienten aufnehmen kann. Genauso wie auf Normalstationen, dass dort ja auch Corona-Patienten betreut werden – sowohl unter Isolationsmaßnahmen auch unter persönlicher Schutzausrüstung. Und diese Kollegen darf man auch nicht vergessen, die ja auch ihre Arbeit am Conorona-infizierten Patienten machen.
Was ich mir von der Politik wünsche ist, dass man nicht zusätzlich mitklatscht.
Also wenn die Bevölkerung früher geklatscht hat, dann hat man das Gefühl gehabt, da hat sich die Politik ja mitdrangehangen, auch mitgeklatscht und hatten dann so ein Sprachrohr und konnten dann noch etwas öffentlich dazu sagen, sondern ich glaube, dass es wichtig ist, dass die Anerkennung für die Pflege hervorgehoben werden muss.   
Es ist nicht immer nur das Geld, sag ich mal, sondern es müssen auch die Arbeitsbedingungen so sein, dass ich auf die Patienten wünsche, auch vernünftig eingehen kann und mich gut um den Patienten kümmern kann. Dass ich nach Hause gehe, mit einem guten Gefühl nach Hause gehe und sage Ich habe meine Arbeit vernünftig machen können. Und dazu braucht es Personal. Ich weiß, dass in unserer Klinik immer versucht, ihr Personal einzustellen, aber es ist auch schwer, Personal zu kriegen, weil es einfach nicht genug Pflegekräfte auf dem Markt gibt, die sich dann auch die offenen Stellen bewerben. Und das ist halt die Krux. Also muss es in einer gewissen Art und Weise ein bisschen attraktiver gemacht werden. Und da greift dann wieder das Monetäre, weil wo ich genug und ausreichend Geld verdiene, da bewerbe ich mich gerne und dort arbeite ich auch gerne.  
Wie lautet dann Ihre Nachricht an Jens Spahn?
Jens Spahn als Gesundheitsminister soll dafür sorgen, dass die Pflegekräfte weiterhin gern in der Pflege arbeiten und soll alle Hebel in Bewegung setzen, dass sich da auch weiterhin Menschen dazu bereit erklären, die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu machen und diese dann auch lange ausüben, also nicht nach der Ausbildung abbrechen, weil sie sagen: „Nee, in diesem Beruf kann ich nicht arbeiten“, sondern die Umstände und die Arbeitsbedingungen so gestalten, dass man da auch gerne 20, 30, 40 Jahre in der Pflege arbeiten möchte.
Sie kämpfen mit an der vordersten Front gegen das Coronavirus. Doch es gibt auch immer mehr Menschen, die das Virus leugnen oder die Maßnahmen für übertrieben halten. Was würden Sie diesen Menschen mit auf den Weg geben?
Also wenn man sich Gedanken darüber macht, gibt's das Virus oder gibt's das nicht? Sollte man sich zumindest Gedanken drüber machen. Was passiert denn eigentlich, wenn wir uns zu 17 000 irgendwo treffen und dagegen demonstrieren und daraufhin die Inzidenzzahl nach oben geht? Wie ist dann die Lage vor Ort in den Krankenhäusern? Und was passiert dann mit mir, wenn ich an einer anderen Erkrankung erkrankte und mich dort nicht mehr vernünftig behandeln?
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Sie gelten als Helden in der Corona-Krise, doch finanziell profitieren sie nicht: Pflegekräfte und Supermarktkassierer gehören laut einer Studie in den kommenden Jahren zu den großen Gehaltsverlierern.

Die für die Gesellschaft wichtigen Beschäftigten wie Pfleger oder Supermarktkassiererinnen werden bei der Einkommensentwicklung in den kommenden Jahren einer Studie zufolge das Nachsehen haben. Im Gesundheits- und Sozialwesen werden im Jahr 2025 die Bruttojahresverdienste rund 4400 Euro unter dem Durchschnittseinkommen liegen, im Einzelhandel sogar um 10.200 Euro niedriger, wie die Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hochrechnete. Den unteren Lohngruppen drohen demnach sogar reale Einkommensverluste.     

Das Lohnwachstum in den Branchen hängt mit dem jeweiligen Produktivitätswachstum zusammen, erläuterte die Bertelsmann Stiftung: Beschäftigte mit Spezialwissen, in Branchen mit Tarifbindung und in kapitalintensiven Sektoren profitieren am stärksten. In den arbeitsintensiven Branchen des Gesundheitswesens oder des Einzelhandels dagegen werde das Wachstum der Arbeitsproduktivität bis 2025 nur etwa halb so hoch ausfallen wie im Verarbeitenden Gewerbe und der Chemie- und Elektroindustrie. Entsprechend geringer sei der Spielraum für Lohnerhöhungen. 

Inflation frisst Lohnzuwächse auf

Geringe Lohnzuwächse aber "frisst die Inflation auf", erklärte Torben Stühmeier, Studienleiter bei der Bertelsmann Stiftung. Bis 2025 wird das verfügbare reale Einkommen der unteren Einkommensgruppen demnach um etwa zwei Prozent zurückgehen, lautet die Prognose.

Die Bertelsmann Stiftung fordert daher, Produktivitätssteigerungen auch in den arbeitsintensiven Branchen "auf die Agenda zu rücken". Die Digitalisierung von Abläufen und Dokumentationen etwa biete noch "reichlich produktivitätssteigerndes Potenzial". Hiervon werden am Ende auch die Erwerbstätigen profitieren, so die Studie.    

Der für den öffentlichen Dienst tariflich vereinbarte einmalige Corona-Bonus dagegen ändere an der Gesamtsituation nichts, erklärte Stühmeier. "Es lässt sich voraussagen, dass das Coronavirus bestehende Ungleichgewichte eher noch verschärfen dürfte."

Denn besonders hart getroffen habe die Pandemie das Gastgewerbe und viele private Dienstleistungen. Hier arbeiten rund elf Prozent aller Beschäftigten, darunter überdurchschnittlich viele Frauen und Alleinerziehende. Die Branchen bezahlen im Vergleich niedrige Löhne und angesichts der wirtschaftlichen Situation dürfte in den nächsten Jahren wenig Luft für deutliche Lohnsteigerungen vorhanden sein.

bak AFP

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