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Rat von der Jobcoachin Kündigen oder bleiben – wann ist der beste Zeitpunkt zu gehen?

Kündigen oder lieber nicht?
Kündigen oder lieber nicht? Eine schwierige Entscheidung
© Getty Images
Der Plan, den ungeliebten Job zu kündigen, schwirrt schon lange im Kopf herum – aber soll ich es wirklich durchziehen? Karriereberaterin Ragnhild Struss erklärt, wie Sie die schwierige Frage für sich beantworten können.
Von Ragnhild Struss

Frage: "Schon seit Längerem spiele ich mit dem Gedanken, zu kündigen, habe aber den Absprung bisher nicht geschafft. Zuerst habe ich gedacht: Ich warte, bis die neue Kollegin eingearbeitet ist. Dann wurde ich unerwartet befördert. Danach kam ein neuer Chef. So bin ich immer davon abgekommen, obwohl keine der Veränderungen zu mehr Zufriedenheit geführt hat. Wann weiß ich, dass der richtige Moment gekommen ist?"

Zunächst sei gesagt: Es gibt für eine solche Entscheidung nicht "den besten Zeitpunkt". Der Anspruch, es müssen erst alle Umstände optimal sein, bevor man ins Handeln kommen kann, ist unrealistisch. Er entspringt einem ungesunden Perfektionismus, der uns ausbremst und vom Weiterkommen abhält. Was mir bei Ihrer Anfrage jedoch besonders auffällt: Es klingt, als haben Sie bisher eher auf äußere Geschehnisse reagiert – die Einarbeitung des Kollegen, Ihre Beförderung, der neue Chef – und diese als Begründung verwendet, warum Sie noch bleiben sollten. Versuchen Sie also zunächst einmal, sich von diesen externen Gegebenheiten freizumachen und achten Sie stattdessen mehr darauf, was Ihre innere Stimme sagt. Denn wenn Sie unzufrieden sind, ist es zweitrangig, was gerade im Außen passiert. So abgedroschen es klingt, so wahr ist es: Der Impuls zur Veränderung – sei es der Einstellung, des Verhaltens oder der Umstände – liegt immer im Innen. 

Ragnhild Struss, 41, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss & Claussen Personal Development" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit Toni Knows hat sie eine Web-Applikation auf den Markt gebracht, die Abiturient*innen auf Basis einer fundierten Persönlichkeitsanalyse passgenaue Studien- und Berufsempfehlungen bietet.
Ragnhild Struss, 41, hilft Menschen dabei, ihre innere Stimme zur Autorität zu machen. In ihrem Unternehmen "Struss & Claussen Personal Development" entwickelt sie Karrierewege, die nicht zwangsweise "nach oben" führen, sondern zu sich selbst – ob in der Kfz-Werkstatt oder im Konzern. Mit Toni Knows hat sie eine Web-Applikation auf den Markt gebracht, die Abiturient*innen auf Basis einer fundierten Persönlichkeitsanalyse passgenaue Studien- und Berufsempfehlungen bietet.
© Florian Janssen / Hersteller

Woher rührt Ihre Unzufriedenheit?

Fragen Sie sich zunächst: Ist mein Wunsch nach einer Kündigung wirklich intrinsisch motiviert, also bin wirklich ICH unzufrieden mit meinem Job? Oder ist es vielmehr mein Umfeld, das andere Vorstellungen davon hat, was das Richtige für mich ist? Seien es Lebensgefährten oder Freunde, die sich "etwas Besseres" für Sie wünschen, oder unzufriedene Arbeitskollegen, die sich über die Arbeitsbedingungen aufregen, während Sie sich damit eigentlich wohlfühlen: Wenn Sie eher denken, Sie "sollten" kündigen, statt es wirklich selbst zu wollen, ist dieser Gedanke extrinsisch, also von außen, motiviert. Dabei ist nur eine aus unserem Inneren kommende Motivation stark genug, eine Entscheidung zu treffen und uns damit zum Handeln zu bewegen – und nur ein solcher innerer Antrieb sollte überhaupt die Grundlage unserer Entscheidungen bilden. 

Aufschreiben bringt Klarheit

Sind Sie zu dem Schluss gekommen, dass Sie tatsächlich unzufrieden sind, verschafft Ihnen eine klassische Pro- und Contra-Liste den nötigen Überblick. Notieren Sie alle Punkte, die Ihnen an Ihrem aktuellen Job gefallen – ja, die auch! (wir neigen nämlich dazu, sie bei Unzufriedenheit zu vergessen) –, ebenso wie diejenigen, die Sie stören. Wichtig ist dabei nicht, wie viele Punkte auf jeder Seite stehen, sondern wie schwer diese wiegen – und zwar für Sie ganz persönlich. So würde für einige Menschen beispielsweise eine Verbeamtung auf der Pro-Seite stark ins Gewicht fallen. Sind Sie selbst jedoch kaum sicherheitsorientiert bzw. überwiegt Ihre Unzufriedenheit über andere Aspekte des Jobs, wird dieser relative Vorteil Sie wenig vom Bleiben überzeugen können.

Gleichzeitig können für Sie andere (positive oder negative) Aspekte besonders ausschlaggebend sein, die für jemand anderen irrelevant wären. Bewerten Sie deshalb nach Aufschreiben der Pro- und Contra-Argumente jeden Punkt mit einer subjektiven Wichtigkeit von 0 (gar nicht wichtig für mich) bis 10 (sehr wichtig für mich). Wägen Sie dann nur die Argumente mit einem Wert von 8-10 gegeneinander ab und lassen Sie die Ihnen unwichtigen außen vor. Überwiegt auch nach dieser Relativierung klar die Contra-Seite, ist es für Sie Zeit zu gehen – selbstverständlich nachdem Sie geprüft haben, ob störende Aspekte Ihres Jobs sich vielleicht durch einfache Maßnahmen verbessern lassen. 

Glaubenssätze, die uns vom Handeln abhalten

Innere unbewusste Überzeugungen sind sehr mächtig. Reflektieren Sie deshalb, was hinter dem Aufschieben des endgültigen Entschlusses zu kündigen steckt. Das eigene Leben und Handeln – oder Nicht-Handeln – ist meist die Manifestation von Glaubenssätzen, nach denen wir unser Leben ausrichten. Vielleicht leiten Sie Überzeugungen wie "Man darf nicht so leicht aufgeben", "Man muss dankbar sein für das, was man hat" oder "Abwarten und Tee trinken"? Was hält Sie in Wirklichkeit davon ab, den finalen Schritt zu gehen? Steckt dahinter womöglich Sicherheitsdenken – weil Sie Ihre Familie versorgen müssen oder im Allgemeinen ein sicherheitsorientierter Typus sind? Ist es die Angst vor Veränderung oder fällt es Ihnen prinzipiell schwer, Dinge anzupacken? Oder haben Sie schlicht die Sorge, in einem neuen Job den Anforderungen nicht gerecht zu werden? Das kann vor allem dann der Fall sein, wenn man bereits sehr lange beim selben Arbeitgeber angestellt ist.

Was auch immer Sie davon abhält zu kündigen: Hinterfragen Sie realistisch, ob Ihre Bedenken es wert sind, dafür weiterhin einen nicht erfüllenden Job in Kauf zu nehmen – oder ob sich (vermeintliche) Hindernisse nicht irgendwie überwinden lassen. Möglich ist auch, dass bei Ihnen verschiedene Vorstellungen und Ziele miteinander in Konflikt stehen. Zum Beispiel sagt Ihre sicherheitsorientierte innere Stimme "Bleib bloß hier, es läuft doch alles und du weißt, was von dir erwartet wird!", während Ihr Bedürfnis nach Weiterentwicklung entgegnet: "Hier gibt es nichts mehr zu lernen – brich lieber zu neuen Ufern auf!". Es hilft, sich solche widerstreitenden Stimmen bewusst zu machen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welcher Stimme Sie mehr Gewicht verleihen möchten. Vielleicht hilft Ihnen auch die Vorstellung, erst einen neuen festen Job in der Tasche zu haben, bevor Sie sich zur Kündigung durchringen können? Dann sollten Sie ins Handeln (Bewerben) kommen, bevor Sie sich selbst überhaupt zu einer Entscheidung zwingen wollen. 

Wer ahnt, dass sein Job in Gefahr ist, kann gegensteuern

Wie soll es weitergehen?

Eine weitere mögliche Ursache, warum Sie bei Ihrer Entscheidung zur Prokrastination neigen: Ihnen ist vielleicht noch gar nicht klar, wie es nach dem Verlassen Ihres aktuellen Jobs weitergehen soll. Kündigen alleine stellt eine Von-weg-Motivation dar: Sie möchten einer suboptimalen Situation entkommen und haben lediglich vor Augen, was Sie nicht mehr wollen. Was aber wünschen Sie sich stattdessen? Wie sieht Ihr Traumjob aus und wie würde es dort zugehen? Was muss gegeben sein, damit Sie richtig Lust haben, zur Arbeit zu gehen? Eine Hin-zu-Motivation entwickeln Sie, wenn Sie sich überlegen, wie genau diese Faktoren aussehen und was Ihnen bei der Arbeit Freude bereiten würde. Schreiben Sie Kriterien auf, die an einem für Sie besser geeigneten Arbeitsplatz erfüllt sein sollten, damit Sie nach passenden Stellenangeboten suchen können.

Fehlt es Ihnen aufgrund Ihrer frustrierenden beruflichen Situation an Energie für all das, was mit dem großen Schritt einer Kündigung zusammenhängt, und fürchten Sie sich vor Überforderung? Dann besteht die Lösung in der sogenannten Salamitaktik: Zerlegen Sie das scheinbar riesige To-do "Jobwechsel" in mehrere kleine Schritte, die für sich genommen überschaubar und leicht zu erledigen sind. Zum Beispiel einen Suchagenten für neue Stellen einrichten, die eigenen Bewerbungsunterlagen auf Vordermann bringen, eine Bewerbung versenden, etc. So können Sie Stück für Stück Ihrem Ziel näherkommen und machen Ihr Vorhaben händelbar.

Wenn alles nichts hilft: paradoxe Intervention

Sie können sich immer noch nicht recht entscheiden, ob Sie bleiben oder gehen sollen? Dann probieren Sie einmal die paradoxe Intervention aus: Dabei verbietet man sich das, was man eigentlich möchte, und wird dadurch oft gerade dazu motiviert, es endlich zu tun. Sagen Sie sich: "Ich darf hier nie kündigen und bleibe für immer." Wie fühlt sich das für Sie an? Löst diese Restriktion in Ihnen den Drang aus, endlich aktiv zu werden? Oder fühlt sie sich vielleicht eher wie eine Erleichterung an, weil Sie in Wirklichkeit gar nicht kündigen wollen? Auf ähnliche Weise können Sie auch mit einem Zufallsprinzip wie Münzwurf herausfinden, was Sie wirklich wollen – nicht, weil Sie die sich zufällig ergebende Entscheidung befolgen, sondern weil Sie anhand Ihrer mentalen und emotionalen Reaktion darauf bemerken, was Sie wirklich wollen.


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