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Kategorie Visionär: Bezahlen mit dem Finger

Das James-Bond-Image wird Dermalog so schnell nicht los: Die Hamburger Biometrie-Firma produziert Apparate, die Menschen am Fingerabdruck erkennen. Ein kurzer Scan und schon springen Türen auf, werden E-Mails abgerufen oder Gehälter überwiesen.

Von Jochen Brenner

"Deutschland und Europa sind im internationalen Vergleich immer noch regelrechte Biometrie-Wüsten und das möchten wir ändern", erklärt Günther Mull, Günther Mull legt den Zeigefinger der rechten Hand auf eine kleine Glasfläche, rotes Scannerlicht beleuchtet seine Hautrillen. Sekundenbruchteile später ertönt ein Summer und die schwere Holztür zu den Büroräumen seiner Firma Dermalog im Hamburger Stadtteil Pöseldorf springt auf. Das in einen winzigen Metall-Würfel eingebaute Identifikations-System hat Mulls Fingerabdruck erkannt, der 52-jährige kann seinen Arbeitstag beginnen.

In den vergangenen Monaten ist er häufig um die Welt gereist, um den Regierungen südamerikanischer oder asiatischer Länder die neuesten Entwicklungen seiner Software-Ingenieure zu verkaufen: Das Automatische Fingerabdruck-Identifikationssystem, kurz AFIS. Es ist das Kernprodukt der Marke Dermalog und Mulls ganzer Stolz. Seine Mitarbeiter arbeiten daran, die Lesegenauigkeit der Fingerabdruck-Scanner immer weiter zu erhöhen. „Der Job", sagt Mull, „fordert mittlerweile den Programmierer mehr als den Biologen". Den Großteil des Umsatzes macht der umtriebige Hamburger im Ausland: "Der deutsche Markt", sagt Mull, "ist entweder besetzt oder noch nicht groß genug."

Nach dem Studium beschäftigte sich der Biologe als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Hamburg mit dem Thema Biometrie. Schon damals faszinierte ihn die Einzigartigkeit der menschlichen Fingerabdrücke. Bis aus der Faszination jedoch eine Unternehmensgründung wurde, vergingen noch gut zehn Jahre, Mull war für eine Medizin-Firma tätig. 1995 gründete er Dermalog in Harburg, seit 1997 hat die auf 50 Mitarbeiter angewachsene Firma ihren Sitz in einem unscheinbaren Geschäftshaus am Mittelweg. Obwohl der vom Hiwi zum Geschäftsmann mit goldener Uhr avancierte Gründer die Geschichte oft erzählt hat, gerät er ins Schwärmen, wenn die Rede auf sein AFIS kommt. "Die Biomterie wird unser Leben vereinfachen und es gleichzeitig sicherer machen", schwärmt er.

12 Jahre ohne Urlaub

Bilder im Konferenzraum erzählen von den vielen erfolgreichen Geschäftsabschlüssen der vergangenen Jahre: Mull mit der Regierungsdelegation des Sultanats Brunei, Mull mit brasilianischen Behördenvertretern, Mull in Mexiko. Tatsächlich einfacher ist es zum Beispiel - dank Mulls Hilfe - für die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro geworden, doppelt gemeldete Bürger zu finden, die ihr zweifaches behördliches Dasein zum Kassieren von zwei Renten benutzten. Die eindeutige Identifikation mittels des Fingerabdrucks schiebt solchen Betrügereien den Riegel vor. Ob das Leben dank AFIS auch sicherer wird, muss sich noch zeigen – Die Datenschutz- und Sicherheitsexperten streiten sich darüber. Schon im kommenden Jahr wird es erste Antworten auf die Frage geben: Deutschland führt dann die digitale Speicherung zweier Fingerabdrücke im Reisepass ein. „Ich hoffe, dass wir den Zuschlag für einen Teil des Auftragsvolumens bekommen", sagt Mull, der in den vergangenen 12 Jahren keinen Urlaub gemacht hat. "Bis die ersten Aufträge bei Dermalog eintrudelten, ist einige Zeit vergangenen", berichtet der Firmengründer, "Freizeit hatte ich so gut wie keine".

Seine Investitionen haben sich gelohnt. Schon wieder wird es eng für die 50 Mitarbeiter, die über drei Etagen verteilt oft zu dritt in einem Büro arbeiten. „Die neue Hafen-City gefällt mir sehr gut", sagt Mull, will zu einem möglichen Umzug aber noch nichts Genaueres sagen. Ebenso wenig wie zu einem neuen Geschäftsfeld, das plastisch macht, wofür Biometrie im zivilen Leben auch stehen kann: Eine Supermarktkette stattet eine ihrer süddeutschen Filialen gerade mit dem AFIS von Dermalog aus. Registrierte Kunden können ihre Einkäufe dann einfach mit dem Fingerabdruck bezahlen.

Biometrie bedeutet Bequemlichkeit

Kritik am Credo der Einzigartigkeit des Fingerabdruckes kommt immer wieder aus der Computerszene: Der Chaos Computer Club veröffentlichte jüngst auf seinen Seiten eine Anleitung, bei deren Befolgung Fingerabdruck-Lesergeräte auszutricksen seien. "Nicht das AFIS", verteidigt Mull sein Produkt. "Abgetrennte Finger beispielsweise würde unser Gerät erkennen, da es den Hautwiderstand misst und die Temperatur." Gliedmaßen könnten zwar auf 37 Grad erwärmt werden, der Widerstand allerdings ist nicht zu simulieren. Ansonsten gefallen dem stolzen Biologen solche blutigen Beispiele wenig. "Die Biometrie", philosophiert er, "wird Erfolg haben, weil sie dem Drang des Menschen nach Bequemlichkeit nachgibt. Wer hat schon Lust, sich fünf PINs und acht Geheimwörter für emails, Online-Banking und ebay zu merken."