Klinikpersonal Wie geht es uns denn heute?


Die Zustände in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind oft katastrophal - vor allem für das Personal. Stress, Hackordnungen und Kostendruck machen Ärzten und Pflegern das Leben schwer. Aber es geht auch anders.
Von Roman Heflik

Elisabeth Weissensel darf beneidet werden. Ihre Vorgesetzten respektieren die Krankenschwester, mit den Kollegen versteht sie sich bestens. Und wenn die 52-Jährige sich mal schlaff fühlt, geht sie während der Arbeitszeit mit einem Gutschein ihres Chefs zur Massage oder in die Sauna.

Nein, das ist keine Fiktion: Weissensel ist an ihrem Arbeitsplatz einfach glücklich. "Ich habe gemerkt, dass hier der Mensch, also auch der Mitarbeiter, im Mittelpunkt steht", sagt sie in weich rollendem Unterfränkisch. Ganz leise und bedächtig spricht die Pflegerin, als käme ihr das Ganze immer noch ein bisschen suspekt vor.

Ärzte oben, Pflegepersonal unten

Denn kennen gelernt hat Weissensel die Gesundheitsbranche von einer ganz anderen Seite: Bis vor fünf Jahren arbeitete sie in einem Wohnheim für psychisch Kranke. Die Arbeit war körperlich anstrengend, der Zeitdruck enorm und an der Hierarchie - Ärzte oben, Pflegepersonal unten - nicht zu rütteln. Anweisungen wurden Weissensel im Kommando-Ton erteilt. Bis die geschiedene Mutter eines Sohnes eines Tages die Zeitungsannonce las: "Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen suchen Pflegerin."

Die Unternehmensgruppe war seit ihrer Gründung 1990 immer weiter expandiert und suchte nun Personal. Aus der psychosomatischen und psychiatrischen Fachklinik mit ihren einst 43 Betten am Rande des Bad Kissinger Kurparks waren vier Häuser mit 240 Therapieplätzen geworden.

Zwischen den Gebäuden ein Bach

Schon beim Gang durch die Fachklinik konnte Weissensel erkennen, dass in Heiligenfeld irgendetwas anders ist. Zwischen den Gebäuden schlängelt sich ein Bach, auf den Dächern sprießen im Sommer Gras und Wildblumen. Die Innenräume sind mit unbehandeltem Holz gestaltet, Teppich aus allergiefreiem Ziegenhaar bedeckt den Boden. Aushänge verkünden die nächste gestalttherapeutische Gruppensitzung oder den anstehenden Resonanzkreis, an den Wänden hängen von Patienten gemalte Bilder, Worte wie "Frieden" oder "Geborgenheit" stehen darauf.

"Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man sich als Mensch angenommen fühlt", sagt Joachim Galuska, ärztlicher Direktor und Mitbesitzer der Heiligenfeld Kliniken. "Dazu brauchen wir Mitarbeiter, die das auch ausstrahlen. Sie müssen motiviert sein und sich mit dem Klinikkonzept identifizieren." Ansprüche, die auch vom Vorstandsvorsitzenden eines börsennotierten Dienstleistungsunternehmens stammen könnten. Doch Galuska hat kein Shareholder-Value im Sinn - der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie will bloß seinen Werten treu bleiben.

Monatliche Aufmerksamkeiten für die Mitarbeiter

Galuska weiß, dass er seinen Angestellten eine positive Außenwirkung nicht verordnen kann. Deshalb hat er zusammen mit seiner Frau Dorothea eine ganzheitliche Unternehmensphilosophie entwickelt. Dazu gehört, dass alle, vom Patienten über die Krankenschwester bis hin zum Lieferanten, mit der gleichen Wertschätzung behandelt werden sollen. So kümmert sich eine "Caring-Managerin" darum, dass die Mitarbeiter sich jeden Monat über eine kleine Aufmerksamkeit freuen dürfen - eine Blume, eine Badeessenz oder auch einen Glückskäfer. Es gibt Mitarbeitergespräche, Personalbefragungen und Gutscheine für die Therme oder die Tankstelle. Weiterbildungen werden gefördert, und ständig prüft ein Team, was sich noch verbessern lässt: Wie kann man beispielsweise Mitarbeiter unterstützen, die fasten wollen?

Es sind die kleinen Dinge und Ideen, mit denen die Klinikführung ihrem Personal die Arbeitsatmosphäre verschönert. Zum Dank dafür haben die Angestellten die Heiligenfeld Kliniken jetzt zum "Besten Arbeitgeber im Gesundheitswesen 2007" gekürt. Zum Wettbewerb aufgerufen hatte das Kölner "Great Place To Work"-Institut, das zum ersten Mal das Arbeitsklima in deutschen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen unter die Lupe nahm. Unterstützt wurde das Institut unter anderem vom Bundessozialministerium und den Sozialversicherungsträgern. Die befragten Angestellten mussten Punkte verteilen, unter anderem für die Kommunikation mit ihren Vorgesetzten oder für faire Umgangsformen.

Wettbewerb mit 51 Teilnehmern

51 Unternehmen mit insgesamt fast 70.000 Beschäftigten stellten sich der Untersuchung, 25 davon wurden von den Meinungsforschern für preiswürdig befunden. Während Heiligenfeld in der Kategorie "Unternehmen mit 20 bis 500 Mitarbeitern" gewann, belegte in der Größenklasse "501 bis 2000 Mitarbeiter" das Katholische Klinikum in Koblenz den vordersten Rang. Als Einrichtung mit über 2000 Beschäftigten schnitt die Malteser Trägergesellschaft aus Köln am besten ab.

"Mit dem Wettbewerb wollten wir Beispiele positiver Unternehmenskultur zeigen", sagt Studienleiter Frank Hauser. Hauser hofft auf einen Vorbild-Effekt: Wer sich mit dem Titel schmücken will, muss sich erstmal um seine Mitarbeiter kümmern. Denn dass das Arbeitsklima im deutschen Gesundheitswesen katastrophal ist, ist unbestritten. So glaubt die Mehrheit der in Krankenhäusern Beschäftigten, verschlissen zu werden. Kritisiert werden familienfeindliche Arbeitszeiten, fehlende Möglichkeiten der Weiterbildung und die im internationalen Vergleich miese Bezahlung. Nicht umsonst wandern viele Mediziner aus, weist die Branche die meisten krankheitsbedingten Fehltage auf.

"Ein Bewusstseinswandel ist fällig"

So begrüßt auch der Münsteraner Krankenhaus-Experte Professor Wilfried von Eiff die Initiative: "Zu oft ist das Personal für die Entscheider im Gesundheitswesen nur ein Kostenfaktor, den man zusammenstreichen kann. Dabei ist es vor allem ein Faktor für Produktivitäts- und Qualitätssteigerung." Sein Fazit: "Ein Bewusstseinswandel ist fällig."

In den Heiligenfeld Kliniken allerdings ist dieser Wandel erst gar nicht notwendig geworden. "Für uns ist eine Investition in einen guten Arbeitsplatz eine zukunftsichernde Maßnahme", sagt Joachim Galuska. Seine Rechnung ist einfach: Wer sich ans Unternehmen gebunden fühlt, leistet auf Dauer kompetentere Arbeit. Eine solche Philosophie sei keine Frage der Finanzen, versichert das Ehepaar Galuska: "Viele unserer Maßnahmen kosten nichts, und unsere Personalkosten sind nicht höher als anderswo." Aber lohnt sich das denn auch? Joachim Galuska antwortet ohne zu zögern: "Mein Leben hat dadurch einen Sinn. Ich habe das Gefühl, dass ich für viele Menschen einen lebenswerten Arbeitsplatz geschaffen habe." Elisabeth Weissensel würde da sofort zustimmen.

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