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Obamameter "Merkeln" durch das Wahlkampf-Finale


Angela Merkel weilt auf dem Gipfel in Pittsburgh. Frank-Walter Steinmeier fährt heim in die Provinz - nach Detmold. Es sind die letzten Tage des Wahlkampfs. stern-Redakteure bewerten die Auftritte.
Von Tilman Gerwien und Jens König

Sie bleibt sich treu, bis zuletzt. Redet solide Reden in Wuppertal und Bad Kissingen. Hinterlässt uns ein solides Interview in der "Frankfurter Rundschau" ("Wir müssen im Augenblick antizyklisch denken") - und entschwindet dann zum Weltfinanzgipfel nach Pittsburgh, in die außenpolitische Umlaufbahn. Dahin, wo sie sich am wohlsten fühlt, wo sie unerreichbar ist.

Ihre Umfragewerte schmilzen, Schwarz-Gelb steht auf der Kippe. Eigentlich doch großes Drama, großes Theater - aber: Ist was, passiert was?

Angela Merkel

merkelt sich auch durch die letzten Tage dieses Wahl-"Kampfes", den sie bis zum Geht-nicht-mehr runtergedimmt, entpolitisiert, narkotisiert hat. Weitergehende Ansprüche, etwa nach Nähe, Wärme, Pathos, werden auch weiterhin mit freundlich-kühler Sachlichkeit zurückgewiesen. Kein letzter großer Aufruf, kein großes Wort. Nichts, das bleiben wird.

Nähe, Wärme Pathos - einer, der so was konnte, zumindest in seinen besten Zeiten, war Helmut Kohl. Aus dem Off meldet sich kurz vor der Entscheidung noch einmal der alte, dicke Ex-Kanzler. Aber ihm fällt auch nichts Großes mehr ein: "Ich habe schon früher immer gesagt: Wichtig ist, was am Ende herauskommt." Das stimmt. Vielleicht wird ja alles gut. Aber kommt am Sonntag zu wenig raus, wird die Rache all jener, die Angela Merkel noch nie so richtig über den Weg trauten, fürchterlich sein.

Tilman Gerwien ist Autor im Berliner stern-Büro.

Merkel trifft am Sonnabend in Pittsburgh Obama, Frank-Walter Steinmeier trifft am Sonnabend in Detmold Guntram Schneider. Der letzte Tag des Bundestagswahlkampfes 2009 bringt die ganze Veranstaltung noch einmal auf den Punkt: Merkel ist die Nummer 1, Steinmeier die Nummer 2, sie ist Kanzlerin, er ist Vizekanzler. Steinmeier kommt einfach nicht an Merkel vorbei. Er hat keine Partner, mit deren Hilfe er die gute Frau aus ihrem Amt verdrängen kann. Offen ist nur noch, mit welchem Ergebnis die SPD die Wahl verliert: mit 24 Prozent (GAU), 26 Prozent (Katastrophe) oder 28 Prozent (Problem). Ab 30 Prozent würde Steinmeier die Niederlage glattweg bestreiten.

Während Merkel also in den USA auf dem G-20-Gipfel über die Rettung der Welt verhandelt, beendet Steinmeier seinen aussichtslosen Wahlkampf in seiner Geburtsstadt Detmold mit einer Veranstaltung auf dem Theaterplatz. An der Kundgebung teilnehmen wird unter anderem der SPD-Bundestagskandidat Guntram Schneider aus dem benachbarten Bielefeld. Wenn Steinmeier allerdings könnte, wie er wollte, würde er seinen Wahlkampf einfach fortsetzen. Er ist ja plötzlich auf den Geschmack gekommen. Er fühlt sich jetzt als richtiger Politiker. Er träumt sogar von einer Karriere als Parteipolitiker.

Fans, Unterstützer und Mitglieder der SPD, hinsetzen und tief durchatmen: Frank-Walter Steinmeier ist offenbar entschlossen, neuer Parteivorsitzender und neuer Fraktionschef im Bundestag zu werden. Nein, nein, kein Scherz! Das ist der Zustand der SPD im Herbst 2009 nach einem denkwürdigen Wahlkampf.

Jens König ist Reporter des Berliner stern-Büros.


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