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Krankenhaus für verletzte Tiere: Fledermausleben retten rund um die Uhr

Renate Keil hat ihr Leben den Fledermäusen verschrieben. Hunderten Tieren, die Katzen oder Windrädern zum Opfer gefallen sind, rettet sie jährlich das Leben. Ein alter Bunker dient als Reha-Zentrum.

Von Daniel Bakir

Notfall in der Aufnahme des Fledermauskrankenhauses: Mit einem Eimer schleppen ein Vater und sein Sohn das kleine Tierchen herein, das sie bei sich im Keller gefunden haben. Besonders lebendig sieht es nicht mehr aus. "Die ist ja völlig entkräftet", sagt Dr. Renate Keil besorgt, als sie den spinnwebenverklebten Körper untersucht. Keil trägt keinen weißen Kittel, sondern einen Rollkragenpullover mit Fledermausbroschen. Die grauen Haare sind elegant hochgesteckt, an einem Finger der rechten Hand steckt ein Ring in Fledermausform. Hätte sie spitze Eckzähne, man wäre nicht verwundert.

Mit einer Spritze flößt Keil dem Tier eine Spezialmilch ein, die man auch Hundewelpen verabreicht, und das winzige Mäulchen beginnt gierig zu schlucken. Immerhin, äußerlich ist die Zwerg-Fledermaus unverletzt, nur vollkommen ausgetrocknet. Wahrscheinlich war sie einige Tage in einem Raum ohne Nahrung eingesperrt.

Um Leben und Tod geht es täglich im Fledermauszentrum in Hannover, dem bundesweit einzigen dieser Art, das Tierärztin Renate Keil ehrenamtlich leitet. Wer eine verletzte Fledermaus findet, kann rund um die Uhr Keils Handynummer wählen und das Tier vorbeibringen. Die meisten Fälle kommen sogar direkt zu der 67-Jährigen nach Hause, sodass sie sie unmittelbar behandeln kann. Fledermäuse, die außer Lebensgefahr sind, aber Zeit brauchen bis ein Flügel wieder zusammengewachsen oder ein Bein geheilt ist, werden dann im Fledermauszentrum des Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) aufgepäppelt, das in einem alten Bunker am Welfenplatz angesiedelt ist.

Eigentlich führte Renate Keil eine Tierarztpraxis für Reptilien, mit Fledermäusen hatte sie nichts zu tun. Bis ihr am Silvesterabend vor fünf Jahren eine verletzte Fledermaus in den Flur flatterte. Keil pflegte das Tier fünf Monate gesund und wollte es anschließend wieder auswildern. Doch als das Tier schließlich davonflog, kehrte es schon am folgenden Abend zurück. Und von da an jeden Abend bis zum Ende des Sommers. "Lilly" taufte Keil die treue Bartfledermaus, die ihr Herz berührte. Irgendwann kam Lilly nicht mehr zurück, doch von einem nahen Baum hörte sie sie rufen. "Da hat's mich erwischt", sagt Keil. Sie hatte ihr Herz an die Fledermäuse verloren.

Keil baute das neue Fledermauszentrum mit auf, begleitete die Renovierung des alten Bunkers und widmete immer mehr ihrer Zeit den bedrohten Tieren. Im Frühjahr schloss sie regelmäßig ihre Praxis für mehrere Wochen, um mutterlose Jungtiere aufzuziehen und auszuwildern. Das Notruftelefon bekam einen festen Platz neben dem Kopfkissen. Vor zwei Monaten machte sie die Praxis dann endgültig dicht, um nur noch für die Fledermäuse da zu sein.

Fledermaus unterm Rollkragenpullover

Mitten im Gespräch krabbelt plötzlich eine Fledermaus aus dem Rollkragen der grauhaarigen Dame. "Das ist Biene", stellt Keil vor. Biene wurde als drei Tage altes Baby in einer vollen Regentonne gefunden. Weil sie durch einen angeborenen Defekt nicht fliegen kann, zieht sie den Schutz des Rollkragenpullovers der feindlichen Umwelt vor. Wenn man sie ans Ohr hält, hört man sie vor Wohlbehagen summen, daher der Name. Das zutrauliche Tier erfüllt im Zentrum eine Spezial-Rolle: "Ihre wichtige Aufgabe ist es, Menschen die Angst und Vorurteile vor Fledermäusen zu nehmen", sagt Keil. Denn Aufklärung über die Tiere gehört neben der Behandlung von Tieren ein Herzensanliegen. Außerdem ist das Zentrum auf Spenden und Patenschaften angewiesen.

Das Ziel der Fledermaushelfer ist es natürlich, die verletzten Fledermäuse wieder auszuwildern, sobald sie gesund und flugfähig sind. Zeitweise bis zu 100 Tiere behandelt Keil bei sich zu Hause, weitere 60 Tiere werden in den Volièren des Fledermauskrankenhauses aufgepäppelt. Gepflegt werden sie dort von rund 25 ehrenamtlichen Helfern, viele von ihnen junge Studenten, die für ein paar Stunden in der Woche vorbeikommen.

Feinde sind Katzen, Windräder und Motorsägen

Neue Patienten gibt es ständig. Oftmals sind Katzen die Übeltäter, aber der größte Feind der Fledermaus ist der Mensch. "Allein 200.000 Fledermäuse sterben jährlich durch Windräder", sagt Keil. Die Tiere würden von den Rotorblättern erschlagen oder der Unterdruck lasse ihre Lungen platzen. "Man müsste die Windräder nur nachts bei Windstille und trockenem, warmen Wetter für wenige Stunden abschalten", fordert Keil, "weil Fledermäuse bei starkem Wind, Regen oder Kälte sowieso nicht fliegen". Auch Gebäudesanierungen oder Holzschutzmittel machen den Tieren das Leben schwer.

Dramatische Szenen spielen sich regelmäßig in den Wintermonaten ab. Obwohl morsche Bäume eigentlich auf Bewohner überprüft werden sollen, werden immer wieder Exemplare gefällt, in denen Kolonien von 100 oder 150 Tieren Winterschlaf halten. Die Fledermäuse haben zu dieser Jahreszeit ihre Körperfunktionen so weit heruntergefahren, dass sie noch nicht mal dann wegfliegen können, wenn sie die Motorsäge und den metertiefen Sturz überleben. Dann klingelt das Notfalltelefon von Renate Keil und die Tierärztin versucht zu retten, was noch zu retten ist.

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