Krisengebiet Arbeitsplatz Mobbing endet häufig tödlich


Mobbing am Arbeitsplatz – für immer mehr Beschäftigte endet der permanente Psychoterror tödlich. Rund 1.800 Betroffene nehmen sich Jahr für Jahr das Leben, weil sie die Angriffe nicht mehr aushalten.

"Mittlerweile gibt es immer mehr Mobbingopfer in Deutschland", bedauert Heiko Lüdemann, Geschäftsführer der Stuttgarter Perspektive GmbH und Leiter der CoachAcademy. Laut einer Studie des TÜV Rheinland sind 20 Prozent aller Suizide auf Mobbing zurückzuführen. "Es ist ein Armutszeugnis, dass die Tendenz, Mitarbeiter und Kollegen zu mobben, ständig steigt und sogar derartige Ausmaße annimmt, dass die Opfer die Flucht in den Freitod als letzten Ausweg sehen", mahnt Lüdemann.

Nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums wird in Deutschland jeder neunte Arbeitnehmer im Erwerbsleben mindestens einmal über längere Zeit Opfer von Schikanen, Benachteiligungen und Ausgrenzungen. "Schwer wiegende psychologische und damit einhergehend oft auch körperliche Schäden können Betriebe nur verhindern, indem sie rechtzeitig eingreifen", weiß Werner Krejny, Betriebspsychologe beim Coaching-Center des TÜV Rheinland.

Als vorbeugende Maßnahmen empfiehlt der Mobbing-Experte, insbesondere Teambildung und Kommunikation in der Gruppe zu fördern. Darüber hinaus spielt bei diesem Thema auch Aufklärung eine wichtige Rolle. Denn für die Betroffenen ist es wichtig zu wissen, dass nicht etwa bestimmte persönliche Eigenschaften Mobbing verursachen. Jeder kann Opfer werden. Auffällige Eigenschaften von Mobbing-Geschädigten wie ein sehr schwaches Selbstbewusstsein oder starke Stresssymptome sind in der Regel Folgen des Mobbings, nicht etwa dessen Ursachen.

Bossing: Mobbing durch den Chef

Was aber kann unternommen werden? Krejny empfiehlt, einen "Mobbing-Beauftragten" zu benennen. Denn damit erhalten die betroffenen Arbeitnehmer einen Ansprechpartner und eine Vertrauensperson. Ein Beauftragter ist besonders wichtig, wenn das Mobbing vom Vorgesetzten ausgeht. Für diese immer häufigere Form der Schikane am Arbeitsplatz gibt es inzwischen schon einen eigenen Begriff: das Bossing.

"Die Ursachen für Mobbing liegen oft in der Arbeitsorganisation eines Betriebes", so Krejny weiter. "Bei monotoner Arbeit, permanent starkem Druck oder einer deutlichen Über- sowie Unterforderung Einzelner suchen sich Gruppen häufig jemanden, an dem sie sich abreagieren können. Wer sich hier nicht von Anfang an wehrt und die auftauchenden Probleme sachlich anspricht, kann schnell in einen Teufelskreis aus Schikane und persönlicher Verunsicherung geraten", erläutert der Psychologe.

Viele Führungskräfte sehen tatlos zu

Was können Firmen unternehmen? Eine wirtschaftspsychologische Beratung kann ein Ausweg aus der Misere sein - sie rechnet sich auch finanziell. Denn die Produktivität eines Teams oder einer Abteilung sinkt bei Mobbing sowie anderen Krisensituationen ab. Die Untersuchung ergab, dass der Wirtschaft allein durch Mobbing jährliche Kosten in Höhe von rund 20 Milliarden Euro entstünden. Die baden-württembergische Landesregierung erwiderte auf eine parlamentarische Anfrage, dass 7,2 Prozent aller Berufstätigen von Mobbing betroffen sind.

"Erschreckend ist für mich, dass viele Führungskräfte tatenlos zusehen oder sich sogar an diesen Schikanen beteiligen", gibt Lüdemann zu bedenken. "Aus Einzelgesprächen wissen wir aber auch, dass viele Kollegen und Vorgesetzte schlicht und ergreifend keine Vorstellung davon haben, wie gezielt gegen Mobbing vorzugehen ist", fügt der Coaching-Experte hinzu.


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