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Mobbing: Kriegsschauplatz Büro

Konflikte am Arbeitsplatz sind normal. Kritisch wird es, wenn Mitarbeiter systematisch schikaniert werden. Da Mobbing auf Dauer krank macht, reagieren mittlerweile auch Krankenkassen auf den Terror am Arbeitsplatz.

Von Brigitte Zander

Das Arsenal der Angriffe auf dem Kriegsschauplatz Büro reicht vom diskreten Intrigieren und Sabotieren bis zu richtigen Dolchstoßattacken.

Geht das Mobbing vom Arbeitgeber aus, so verstößt er damit gegen die Fürsorgepflicht. Betroffene haben also das Recht, sich direkt beim Arbeitgeber zu beschweren und Abhilfe zu verlangen. Wo vorhanden, kann auch der Betriebs- oder Personalrat um Mithilfe und Beistand angerufen werden.

Leider geht das Mobbing oft von den Kollegen selbst aus. Auch hier müssen sich Betriebsrat und Mitarbeiter vor den Arbeitnehmer stellen. Insbesondere der Arbeitgeber hat dabei ausreichende Möglichkeiten, da er gegen die Mobber mit Schritten wie Abmahnung, Versetzung bis zu einer Kündigung vorgehen kann. Schließlich verstoßen Mobber gegen ihre arbeitsvertraglichen Pflichten wie Treue und Rücksichtnahme.

Weil durch den Terror am Arbeitsplatz auch die Krankenkassen drauf zahlen, forciert die AOK Bayern mittlerweile im Rahmen ihrer betrieblichen Gesundheitsförderung die Anti-Mobbing-Aufklärung.

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Mobbing unter Managern

Das kälter werdende Arbeitsklima spüren auch die Chefs. "Das Mobbing unter Manager hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen", meldet Nobert Copray, Direktor der Frankfurter vor der Fairness-Stiftung. Die gemeinnützige GmbH berät angeschlagene Führungskräfte, die systematisch von Chefs oder Kollegen schikaniert werden. In den vergangenen drei Jahren wandten sich 9000 Hilfesuchende an die Stiftung - mit steigender Tendenz. Und jeder zweite war schon gesundheitlich angeschlagen.

"Je größer der Kampf und die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, desto brutaler kommen die Ellenbogen zum Einsatz", weiß Copray. Das Arsenal der Angriffe auf dem Kriegsschauplatz Büro reicht vom diskreten Intrigieren, Diffamieren, Sabotieren und Kaltstellen bis zu richtigen Dolchstoßattacken: "Da watscht ein Kollege den Konkurrenten in öffentlicher Sitzung ab."

Die Herren Manager mobben in jede Richtung: auf der gleichen Hierarchiestufe, von oben nach unten, und umgekehrt. Die Initialzündung für den Krieg in den Führungsetagen liefert oft der Vorstand, der unter den Renditeerwartung der Aktionäre leidet und den Druck nach unten weitergibt.

Besonders gefährdet sind nach den Erfahrungen des routinierten Managementberaters Copray Doppel- und Dreierspitzen, wo das gegenseitige Stühlesägen in der Zeit knapper Arbeitsplätze schon fast zum Alltag gehört. Copray: "Angesichts der verschärften Konkurrenz und der knappen Arbeitsplätze wächst die Angst, seine Existenz zu verlieren. Das schafft den Nährboden für Neid und Hinterlist. Eben Unfairness."

Mobbinghilfe von der Kasse

Es ist längst bewiesen: Der steigende Druck in den Betrieben, Konkurrenzstress und die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes machen krank. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Depressionen, Magen- und Rückenschmerzen, Kreislaufbeschwerden, Ängste bis hin zu Wahnvorstellungen und Arbeitsunfähigkeit sind die Folge von gezielten Attacken und kalten Kriegen in den Firmen. Weil dabei auch die Krankenkassen drauf zahlen, forciert die AOK Bayern im Rahmen ihrer betrieblichen Gesundheitsförderung die Anti-Mobbing-Aufklärung, und unterstützt die überbetriebliche ehrenamtliche "Mobbing-Beratung München".

Dort sitzt Otto Berg, Versicherungskaufmann und selbst Mobbing-Opfer, sechs Stunden wöchentlich am Nottelefon. Seine Bilanz: 1200 Anrufe bekam er im letzten Jahr; 70 Prozent der Hilfesuchenden sind Frauen; und Zweidrittel aller Anrufer sind im Öffentlichen Dienst beschäftigt. "Auch da steigt der Verdrängungswettbewerb", lernte Berg. Er registriert auch viele Hilferufe aus dem Sozial- und Gesundheitswesen: "Da gibt die Leitung offensichtlich den Kostendruck nach unten weiter, und es hagelt Kündigungen. In den Kliniken, in Reha- und Seniorenheimen wird vermehrt das Stammpersonal zugunsten billigerer Fremdkräfte heraus gedrängt."

Für viele ist Otto Berg der einzige Ansprechpartner, denn ein feindliches Klima am Arbeitsplatz bremst privaten Informationsaustausch und Gefühlsäußerungen. Früher riet er in ausweglosen Situationen zum Jobwechsel. Angesichts der heutigen Arbeitslosigkeit setzt er eher auf Durchhalte-Strategien. "Es gibt ja viel weniger Fluchtmöglichkeiten, Man kann nicht mehr raus. Und diese Chancenlosigkeit verschlimmert das Problem."

Dreimal monatlich organisiert die Mobbing-Beratung München einen "Offenen Treffpunkt" im Verwaltungsraum des "Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt" (KDA). Hier darf sich jeder Aussprechen und Rat suchen. An diesem Abend setzen sich sieben Leute etwas schüchtern an den runden weißen Tisch. Sechs Frauen und ein Mann, alle zwischen 30 und Mitte fünfzig, blicken skeptisch auf den Moderator Ludwig Gunkel von "Konsens e.V." (Gesellschaft zur Gestaltung fairer und humaner Arbeitsbeziehungen). Der grauhaarige Psychologe beruhigt die Ängstlichen: Nein, keiner muss sich mit Namen und Firma outen. Das löst die Scheu. Flüsternd, stotternd, schimpfend, manchmal weinend, erzählt einer nach dem anderen seine Horror-Erlebnisse am Arbeitsplatz.

Die grauhaarige, modische Dame am Tisch zum Beispiel soll nach 26 Jahren ihren Schreibtisch räumen. "Man brauche mich nicht mehr, hieß es." Nach einer fristlosen und einer fristgerechten Kündigung läuft nun ihre Kündigungs-Schutzklage. Doch sie ahnt: "Es hat keinen Sinn. Den Arbeitsplatz gibt einem der Richter üblicherweise nicht zurück. und einen anderen finde ich in meinem Alter kaum."

Die junge emotionelle Frau mit frecher Stoppelfrisur neben ihr, Leiterin einer Bankabteilung, soll sich zwischen einer Abmahnung oder einer Versetzung entscheiden. "Angeblich will keiner mit mir zusammenarbeiten. Da laufen jede Menge Intrigen. Und wen man auch anspricht: man kriegt kein vernünftiges Feedback."

Ähnlich geht es dem korrekt gekleideten Mann gegenüber, einem Juristen, der frisch in die Rechtsabteilung eines Konzerns gewechselt ist und gleich auf die Aversion seiner zwei Kollegen stieß. "Ich werde systematisch übergangen und hinter meinem Rücken bei allen Chefs schlecht gemacht. Angeblich bin ich nicht teamfähig. aber keiner informiert mich so richtig, was konkret nicht stimmt. Alles, was ich tue, ist einfach falsch." Inzwischen sei die Situation so eskaliert, dass der Personalchef rüde erklärt habe: "Wir wollen Sie los werden. Entweder akzeptieren Sie einen Aufhebungsvertrag mit einem guten Zeugnis, oder Sie werden es sehr schwer haben. Im Endeffekt kündigen wir fristlos. Gründe lassen sich finden."

Nun will der angeschlagene Jurist von Ludwig Gunkel wissen, ob er durchhalten oder kündigen soll. Der blickt skeptisch. "Die Zermürbungsaktion durchzustehen, kostet viel Kraft. Daran gehen viele kaputt", gibt er zu bedenken. Anschließend wird der Fall in der ganzen Runde diskutiert; alle kommen zu dem Schluss: "Ein sturer Kämpfertyp sind Sie nicht. Viel zu sensibel, um das durchzustehen." Der allgemeine Rat lautet: "Selbst kündigen ist der beste Ausweg. Dabei kann man mehr herausholen. Fangen Sie mit möglichst hoher Abfindungsforderung."

Weitere Informationen:
Mobbing Beratung München
Telefon: 089-60600070
E-Mail: info@mobbing-consulting.de

Das Netzwerk der Ausgestoßenen

Siemensmitarbeiter, die in der ersten großen Kündigungswelle des Konzerns 2002 entlassen, herausgemobbt, abgefunden oder kaltgestellt wurden, haben sich inzwischen im Internetnetzwerk NCI organisiert. Hier können sich auch alle Kollegen einklinken, die erst jetzt oder in Zukunft vom Stellenabbau im Konzern betroffen sind. Unter NCI bekommt man Kontakt zu anderen Leidensgenossen, Rat gegen firmeninterne Zermürbungstaktiken, und konkrete Informationen beim Jobverlust. In einem Diskussionsforum können die Netzwerkmitglieder ihre Erfahrungen austauschen. Unter dem Stichwort "Aktuelles" finden sie die neuesten Konzernnachrichten.

Initiatorin des ungewöhnlichen Projektes ist die einstige Betriebsrätin und Ingenieurin Inken Wanzek, 47, die inzwischen auch "ausgesteuert" wurde. Sie will damit "die gewünschte Vereinzelung der Ausgestoßenen verhindern". Außerdem - so Wanzek - "ist es auch für die noch Beschäftigten immer gut, zu wissen, mit welchen Strategien die Firma beim Personalabbau arbeitet".

Nach ihrer Erfahrung ging Siemens damals stufenweise vor. Zuerst erhielten alle Unerwünschten ein befristetes Angebot, die Firma in Frieden zu verlassen. Über die Abfindung sei zu verhandeln. Wer blieb, bekam irgendwann die Mitteilung: "Ihr Arbeitsplatz ist entfallen", verbunden mit einem befristetes Angebot, in die firmeneigene Beschäftigungsgesellschaft zu wechseln. Wer das Angebot ausschlug, wurde betriebsbedingt gekündigt.

Firmenangehörige mit besonderem Kündigungsschutz wie Behinderte, Jubilare und über 55jährige wurden "gezielt gemobbt", weiß die Ex-Betriebsrätin. Den lästigen Mitarbeitern wurde die Arbeit entzogen, oder man versetzte sie in weit entfernte Werke. Eine andere Variante war der Umzug in abgelegene Firmengebäude, bald Ghettos genannt. "Da sitzt man dann in totaler Isolation herum und hat nur noch das NCI als Kontaktschiene", schildern Betroffene im NCI-Forum.

Das NCI ist inzwischen dauernde Anlaufstelle für über 800 Opfer der Siemens'schen Personalpolitik. Auch von außerhalb wächst das Interesse. "Ich bekomme immer wieder Anfragen aus anderen Firmen, wie man so ein Netzwerk aufbaut. Das gleiche Schicksal spielt sich ja überall ab", ahnt Inken Wanzek.