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Nominiert in der Kategorie "Visionär": Auf dem Weg auf den Weltmarkt

Das Berliner Biotech-Unternehmen Jerini will sich mit Peptid-Wirkstoffen an die Pharmaspitze pushen.

Die Kulisse stimmt. "Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?", leuchtet es in fetten Lettern von der Fabrikfassade in der Berliner Invalidenstraße. Fünf Stockwerke höher, dem Sitz der Biotech-Firma Jerini AG, wird der Spruch gerade umgesetzt.

"Wir wollen ein unabhängiges Pharmaunternehmen aufbauen", sagt Jerini-Chef Jens Schneider-Mergener und das Merkwürdige ist, man traut es dem Mann mit dem silbergrauen Haar zu: 49 Jahre, Professorentitel, einer, der "Die Zeit" liest und abends Punkt acht mit der Familie beim Abendessen sitzt. Das ist kein Falk, kein Schmitz, kein Haffa – keiner dieser New-Economy-Gurus, die Erfolg an der Länge ihrer Yacht messen. Schneider-Mergener glaubt an seine Vision vom Pharma-Konzern.

Bereits während seiner Promotion in München plante er die Gründung eines eigenen Unternehmens, doch dann kam ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Das California Institute of Technology in Pasadena bot ihm einen Vertrag an. Nach seinen ersten Veröffentlichungen meldeten sich schnell die großen Pharmafirmen bei dem jungen Biochemiker, doch Schneider-Mergener lehnte ab. Stattdessen: Zurück nach Deutschland. "Ich wollte was Neues machen und ich hatte mir genau den richtigen Moment ausgesucht." Kurz nachdem er sein Flugticket gekauft hatte, im Herbst 1989, fiel die Mauer. Ohne Geld und ohne Job, aber mit der Idee, "jetzt im Osten, an der Charité was aufzubauen", setzte sich Schneider-Mergener in den Flieger nach Berlin und landete im technologischen Nirwana. "In Kalifornien hatte ich Hightech vom Feinsten und in Berlin saß ich plötzlich vor einem Bakelit-Telefon, das noch nicht einmal funktionierte", erinnert sich der Unternehmer. "Als erstes habe ich mir dann eine elektrische Schreibmaschine gekauft und erst mal Förderanträge getippt." Mit Erfolg. Wenig später flossen die Gelder und das Forschen konnte beginnen. Diesmal waren Peptide dran.

Peptide sind kurze Protein-Abschnitte, die aus verschiedenen Aminosäuren zusammengesetzt sind und sich künstlich herstellen lassen. "Eigentlich die idealen Ausgangsstoffe für Medikamente", sagt Schneider-Mergener. Das einzige Problem: Peptide können nicht direkt verabreicht werden, im Körper werden sie zu schnell abgebaut. "Wir haben deshalb eine Technologie entwickelt, um Peptide systematisch in Wirkstoffe umzubauen." Mit diesem Know How gründete er 2001 die Jerini AG. Aufbruch in eine Branche zwischen Hype und Depression. Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor fünf Jahren schien das goldene Biotech-Zeitalter angebrochen. Die Börse feierte die Vision mit einem Kursfeuerwerk. Doch als sich zeigte, dass das Zusammenspiel der Zellen weit komplexer war als angenommen, kippten die Kurse. Seither kämpfen viele Biotech-Unternehmen ums Überleben, denn sobald die Firmen einen viel versprechenden Wirkstoff erstmals an Patientengruppen testen, droht das Geld auszugeben. Denn die Versuche kosten Millionen und in den vergangenen Monaten und Jahren war kaum mehr neues Kapital zu bekommen - nicht von Risikofinanziers und schon gar nicht von der Börse.

Schneider-Mergener setzte mit Jerini von Beginn an auf eine andere Strategie. "Wir kümmern uns um lukrative Nischen, die wir auch selbst beackern können." Statt auf Massenkrankheiten mit Blockbuster-Potential hat sich Jerini auf ein seltenes Erbleiden konzentriert. Der Wirkstoff Icatibant soll Angioödem-Patienten helfen. Die Krankheit löst Attacken aus, bei denen Arme, Beine oder das Gesicht anschwellen. Sie kann tödlich sein, wenn die Atemwege betroffen sind. Bereits im nächsten Jahr will Schneider-Mergener das Mittel zur Marktreife gebracht haben. Und dann? Ein neuer Aufbruch? Sicher, schließlich "wäre ein Börsengang auch eine Option für uns".

Henryk Hielscher