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Online-Jobbörse: Dumme Maschine

Die neue Online-Jobbörse des Arbeitsamts ist eines der teuren Prestigeprojekte von Florian Gerster. Das Angebot hat Macken.

Bei ihrer letzten Jobsuche hat Kristina Lofing viel gelernt. Zum Beispiel eine goldene Regel des Informationszeitalters: Verlasse dich niemals auf eine Maschine. Die 22-Jährige wäre heute nicht Sekretärin bei der RKP Projektmanagement in Hamburg, wenn sie allein dem neuen virtuellen Stellenmarkt des Arbeitsamtes vertraut hätte.

Unter großem Medienrummel ist die Stellenbörse Anfang des Monats unter der Internetadresse www.arbeitsagentur.de ans Netz gegangen. Sie soll dem zuletzt durch Affären angeschlagenen Anstaltschef Florian Gerster dringend benötigte Vermittlungserfolge bringen und so helfen, die Arbeitslosigkeit in Deutschland abzubauen. 350.000 freie Stellen bietet das Internetangebot, dazu 200.000 Ausbildungsplätze.

Also nie wieder zur Jobsuche ins Arbeitsamt? Schön wär's. Rund 20 Prozent aller gemeldeten Stellen gelangen gar nicht in die Online-Jobbörse. "Die Vermittler in den Ämtern wissen deutlich mehr als die Maschine", sagt Karl-Heinz Klemann, Chef der Vermittlung im Hamburger Arbeitsamt.

Die Jobbörse hat eine Reihe von Macken

Viele Unternehmer meiden das Internet - so auch der neue Chef von Kristina Lofing. "Ich wollte nicht in einer Flut von Bewerbungen ertrinken", sagt Alfons Rehrmann. So bekam er von der Vermittlerin Anja Mesch aus dem Hamburger Arbeitsamt 20 vorsortierte Bewerberinnen - und blieb von Mails verschont. Mesch muss viele Stellenangebote in der Hinterhand halten. Ein Flugzeugbauer sucht einen Klempner mit Sonderqualifikationen, eine Straßenbaufirma braucht einen Steinsetzer - alles offline.

Dabei ist das Interesse groß. Als das Job- und Serviceportal, das alles in allem 77 Millionen Euro kostet, vor gut zwei Wochen startete, steuerten über eine Million Nutzer gleichzeitig die Seite an - und legten sie prompt lahm. Mehr als 600.000 Arbeitsuchende zur selben Zeit verträgt das System nicht. Inzwischen bricht es nicht mehr zusammen, aber "das System läuft an der Kapazitätsgrenze", sagt Projektleiter Jürgen Koch.

Nicht nur das: Die Jobbörse hat eine Reihe von Macken. Die Navigation auf der Seite ist umständlich. Wer auf den falschen "Zurück"-Button klickt, um zu seiner individuellen Stellenübersicht zurückzukommen, muss wieder ganz von vorn anfangen. Wer erst einmal drin ist, findet jede Menge freie Stellen - mit vielen allerdings kann er nichts anfangen.

Wer Bäcker eingibt, findet eine Stelle als Dachdecker

Das hat auch der 23-jährige Matthias Brunkhorst erfahren. Er suchte einen Ausbildungsplatz als Mediengestalter Bild und Ton. In das Suchfeld unter Schnellsuche tippte er seinen Ausbildungswunsch ein, Ort der Ausbildung sollte Hamburg sein. Zehn Seiten warf die Maschine aus. "Toll", rief Brunkhorst in freudiger Erwartung aus. Dann sah er genauer hin: Sein Wunschort Hamburg war gar nicht dabei, dafür wurde ihm auf Seite drei eine Ausbildungsstelle als Beton- und Stahlbetonbauer angezeigt.

Die Maschine hält viele Überraschungen bereit. Gibt man "Journalist" ein, findet sich zwischen Nützlichem auch Bizarres: gleich zwei Stellen als Dirigent/Kapellmeister etwa, wahlweise in der Evangelischen Kirchengemeinde Nehren oder bei der Ammerthaler Blaskapelle. Wer nach einer Stelle als Bäcker sucht, kann zunächst einmal zwischen Angeboten eines Personalberaters, eines Dachdeckers und eines Finanzdienstleisters auswählen.

Auf solche Irrläufer angesprochen, stöhnt Projektleiter Koch vernehmbar. "Wir sind jetzt erst einmal gestartet", sagt er dann. Koch weiß, dass noch viel zu tun bleibt. Nicht zuletzt von den Mitarbeitern der eigens eingerichteten Telefon-Hotline kommen wichtige Hinweise: Besonders schlecht finden viele Anrufer die so genannte Schnellsuche.

So landet man, wenn man nach einem Praktikum für einen Koch sucht, bei einem freundlichen Immobilienmakler in München. Der weist in seinem Angebot ausdrücklich darauf hin, dass bei ihm Praktikanten nicht "Kaffee kochen" müssen. Kaffee kochen! Koch-en! Koch! Für die Suchmaschine des Arbeitsamtes ist das ein Treffer.

Frank Schulte

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