Sexuelle Belästigung Bis hierher und nicht weiter


Der Grad zwischen scherzhaft gemeinten, lockeren Sprüchen und sexueller Belästigung ist schmal. Was tun bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?

Ein kleiner Flirt unter Kollegen lockert die Stimmung, macht Laune und den grauen Büroalltag ein bisschen bunter. Doch im täglichen Miteinander von Frau und Mann am Arbeitsplatz ist viel Fingerspitzengefühl angesagt. Denn was der Kollege Peter F. als scherzhaftes Kompliment meinte, bringt seine Kollegin Christine P. in arge Verlegenheit.

Seine andauernden witzigen Anspielungen zu ihrer ausgeprägten Oberweite berühren sie unangenehm. Nicht selten fühlt sie sich in diesen Augenblicken hilflos und gedemütigt. Freunde raten ihr, sich resolut zur Wehr zu setzen. Schließlich ein klarer Fall von sexueller Belästigung! "Sexuelle Belästigung?" denkt Christine P., eigentlich hat sie doch ein ganz gutes Verhältnis zu ihrem Kollegen. Aber, dass sie etwas tun muss, findet sie auch. Nur was?

Die Gerichte bemühen nur wenige

Dass sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt ist, darüber sind sich heute fast alle einig. Vater Staat hat sich daher redlich bemüht, durch eine eindeutige Gesetzeslage, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz den juristischen Riegel vorzuschieben. Letztes Resultat: Seit 1. August 2002 können Betroffene dank des geänderten Schadensersatzrechts in Deutschland nicht nur auf Lohnfortzahlungen, sondern sogar auf Schmerzensgeld klagen.

Vor Gericht ziehen jedoch am Ende die Wenigsten. Schließlich möchten viele Betroffene ihren Job durchaus behalten. Außerdem hat die Gesetzgebung trotz aller Nachbesserungen einen Haken. Zwar hat die EU im Frühjahr 2002 eine für alle europäischen Länder gültige juristische Definition ausgearbeitet, doch was wir als Übergriff auf unsere Intimsphäre, als jene unerwünschten und demütigenden "verbalen, non-verbalen und physischen Verhaltensweisen sexueller Art", bewerten, ist von Frau zu Frau und Mann zu Mann unterschiedlich.

Klare Grenzen gibt es meist nur in Härtefällen, wenn andere eindeutiges Handanlegen oder eindeutige verbale sexuelle Anzüglichkeiten bezeugen können. Kleine verbale Nadelstiche oder gar Blicke in die "falsche" Richtung lassen sich per Gericht nur selten wirksam bekämpfen.

Ich-Botschaften formulieren

Sexuelle Belästigung ist grundsätzlich, was ich als Eingriff in meine Intimsphäre empfinde. Wo diese Grenzen liegen, bestimmt die oder der Einzelne selbst. Wird die Grenze überschritten, gilt es dem Eindringling freundlich, aber bestimmt klar zu machen, dass er auf diesem Terrain nichts verloren hat. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist daher das klärende Gespräch mit der betreffenden Person.

Sicherlich kein Pappenstil! Wer andere davon überzeugen will, ihr Verhalten zu ändern, sollte darauf achten "Ich-Botschaften" zu formulieren: "Ich empfinde das als..." oder "Ich finde, dass..." Wer mit einem scharfen "Unterlassen Sie diese fortdauernden Belästigungen" zum Angriff bläst, drängt den Kollegen oder Vorgesetzten häufig in die Defensive und provoziert am Ende gar den aggressiven Gegenangriff. Denn Fehler gesteht keiner gerne ein. Es gilt behutsam vorzugehen. Ziel des Gesprächs sollte sein, dass der oder die Betreffende sein oder ihr Handeln und Reden als Grenzverletzung der Intimsphäre des anderen erkennt.

Das Gespräch verlief gut, aber der oder die Betreffende zeigt keine Reaktion und die Übergriffe gehen weiter? Dann heißt es jetzt die richtigen Stellen einzuschalten: die Vorgesetzten aber auch gegebenenfalls Betriebsrat oder Frauenbeauftragte. Reicht deren Einfluss ebenfalls nicht aus, um den Betreffenden zur Räson zu bringen, bleibt nur die Bitte um Versetzung oder gar der Wechsel des Arbeitsplatzes.

Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

Nicht immer finden die Betroffenen in ihren eigenen Unternehmen die nötige Unterstützung. Externe Stellen können in jedem Fall eine geeignete Anlaufstelle sein. Professionelle Mobbing-Beratungen bieten psychologische Betreuung und helfen den Betroffenen, Wege aus der oft verfahrenen Situation zu finden. Steigert sich die Situation zum offenen Konflikt zwischen den Parteien, ist der Gang zum Anwalt jedoch unerlässlich.

Jutta Wlosniewski

Die Autorin ist Diplom-Psychologin und Mobbing-, Konflikt- und Karriereberaterin im Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader in Berlin.


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