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Vergütungen: Nie wieder über Unterbezahlung ärgern

Die Klage ist alt: Frauen verdienen weniger als gleichqualifizierte Männer. Doch jetzt wehren sie sich. Symbol des Protests ist eine rote Handtasche.

Von Catrin Boldebuck

Zugegeben: Wir haben eine Bundeskanzlerin, in den USA wird vielleicht der nächste Präsident eine Frau. Doch unterm Strich sind wir Frauen noch lange nicht gleichberechtigt. Denn Frauen verdienen im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer. Zweiundzwanzig Prozent! Bei gleicher Ausbildung und gleichem Job, wohlgemerkt. Dabei machen inzwischen mehr Mädchen als Jungen Abitur, knapp die Hälfte der Studierenden ist weiblich. Aber das zahlt sich bisher nicht für uns aus. Im Gegenteil: Je höher eine Frau auf der Karriereleiter klettert, desto größer wird der Unterschied. Die Alpha- Mädchen in den Chefetagen verdienen sogar fast ein Drittel weniger als die Kollegen, neben denen sie im Meeting sitzen.

Die Lohndiskriminierung ist in Deutschland im europäischen Vergleich mit am schlimmsten. Nur in Estland, der Slowakei und Zypern ist der Abstand noch größer. Obwohl diese Zahlen nicht neu sind, sondern fast jedes Jahr im Frühjahr veröffentlicht werden (gern zum Weltfrauentag am 8. März), und sich seit Jahren höchstens die Stelle hinterm Komma ändert, regt sich hierzulande kaum eine Frau darüber auf. Weil viele Angst haben, als Feministin abgestempelt zu werden und als spaßbefreit und verbissen zu gelten. Dabei ist fast ein Viertel weniger Bares auf dem Konto zu haben keine Bagatelle, sondern eine riesige Ungerechtigkeit. Und es ist weder cool noch sexy, weniger als Männer zu verdienen, sondern bloß dämlich.

Die Idee kommt aus den USA

Dagegen müssen die Frauen endlich etwas tun. Sonst dauert es mindestens noch 50 Jahre, bis wir endlich mit den Männern gleichziehen. Am 15. April 2008 können wir ein Zeichen setzen, dann findet der erste deutsche "Equal Pay Day" statt. Er wird von den Geschäftsfrauen der "Business und Professional Women" organisiert und von Frauenministerin Ursula von der Leyen (CDU) unterstützt. Die Idee kommt aus den USA. Dort verdienen Frauen nur 77 Cent für jeden Dollar, den ein Mann bekommt. An diesem Dienstag sollen alle Frauen in Deutschland während ihrer Mittagspause zwischen 12 und 14 Uhr mit einer roten Handtasche unterm Arm losziehen. Keine Demos, sondern einfach nur überall rote Taschen: in der Kantine, auf der Straße, im Bus - als Symbol für die "roten Zahlen", in denen wir stecken.

Doch es reicht nicht, einmal in der Mittagspause die rote Tasche zu schwenken.

Zum einen muss sich das System ändern: Frauenarbeit ist immer noch weniger wert als Männerarbeit. In Branchen, in denen viele Männer arbeiten, wie in der Chemieindustrie, werden höhere Löhne gezahlt als in der Pflege, wo vor allem Frauen die Alten und die Kranken waschen. Verantwortung für Maschinen zählt mehr als die für Menschen. Das dürfen wir nicht einfach mehr so klaglos hinnehmen.

Warum so schüchtern?

Zum anderen müssen die Frauen sich selbst um ihr Gehalt kümmern. Hand aufs Herz, wann haben Sie das letzte Mal verhandelt? Noch nie? Dann sind Sie in bester Gesellschaft: Für Frauen ist eine Gehaltsverhandlung ungefähr so verlockend wie ein Zahnarztbesuch, fand eine amerikanische Wissenschaftlerin heraus. Aua! Männer sehen die Verhandlung mit dem Chef eher als eine Art Boxkampf, ein Spiel, das sie gewinnen wollen. Dabei wissen Frauen doch auch sonst, wo es die besten Schnäppchen gibt und wie sie Männer dazu bringen, das zu tun, was sie wollen. Warum im Job so schüchtern?

Weil wir Erfüllung wollen statt Erfolg. Wenn Frauen gefragt werden, sagen die meisten, dass ihnen das Geld nicht so wichtig sei. Aber müssen wir so dumm sein, uns ausnutzen zu lassen? Nein. Vergessen Sie den Poesiealbenspruch "Sei freundlich und bescheiden, dann kann dich jeder leiden". Im Job gilt: sich so teuer wie möglich verkaufen! Kriegen Sie raus, was der Kollege im Büro gegenüber verdient, der haargenau die gleichen Aufgaben erledigt. Heben Sie den Finger, wenn es um neue Positionen geht. Und dann gehen Sie zum Chef und reden mit ihm über Ihr Gehalt. Bisher denken viele: "Der Boss wird schon merken, dass ich meine Sache gut und zuverlässig mache und mir mehr geben, wenn er es für richtig hält." Wird er aber nicht. Darum muss frau verhandeln, feilschen und notfalls auch kämpfen.

Es geht nicht um das 53. Paar Stiefel

Denn es geht nicht nur darum, jetzt mehr Geld im Portemonnaie zu haben, um sich irgendeinen Schnickschnack wie das 53. Paar schwarze Stiefel leisten zu können. Es geht um viel mehr. Um Anerkennung für Leistung. Die Folgen der niedrigen Bezahlung können Frauen im Leben nicht mehr aufholen. Das rächt sich auch noch im Alter: Bisher bekommen Frauen nur halb so viel Rente wie Männer.

Ich werde mir schleunigst eine rote Handtasche besorgen und mich mit Kolleginnen für den 15. April zur Mittagspause verabreden: Dann wird übers Gehalt geredet.

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