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Landwirtschaft für Anfänger: Raus aufs Feld! Zehntausende wollen Bauern bei der Ernte helfen

In der Landwirtschaft beginnt die Frühjahrssaison, doch die ausländischen Saisonkräfte bleiben wegen Corona zu Hause. Spezielle Plattformen vermitteln nun einheimische Helfer an Landwirte - und das Interesse ist enorm. Aber kann ein Heer von ungelernten Freiwilligen die erfahrenen Erntehelfer ersetzen?

Spargelstecher

Einheimische Helfer wollen die Landwirtschaft am Laufen halten - Spargel stechen ist allerdings gar nicht so einfach

DPA

Eigentlich würde Silas jetzt in der Bibliothek sitzen, Hausarbeiten schreiben und für Uni-Prüfungen lernen. Aber die Bibliothek ist zu, Prüfungen sind ausgesetzt. Stattdessen steht der Lehramtsstudent daher nun schwer atmend auf einem bayerischen Hopfenfeld. Die Basecap umgekehrt auf dem Kopf, befestigt der 25-Jährige Drähte in der Erde, an denen schon bald der Hopfen wachsen soll. "Als Student kann ich das Geld brauchen. Aber das ist auch Solidarität", sagt Silas über seine Motivation für die Schufterei.

Eigentlich machen den Job polnische Saisonarbeiter, doch die bleiben wegen der Corona-Pandemie aktuell weg. "Die Leute, die ich jetzt hier zum Draht einstecken da hab, die haben noch nie was mit der Landwirtschaft am Hut gehabt", sagt Hopfenbauer Matthias Geltermeier, dem das Feld gehört. "Aber wir haben die angelernt und es macht ihnen Spaß."

Bauer Matthias und Student Silas haben sich über das Portal "Das Land hilft" gefunden, wo sie auch über ihre unverhoffte Zusammenarbeit berichten. Vor gut einer Woche hat der Bundesverband der Maschinenringe mit Unterstützung der Bundesregierung die Website zur Vermittlung von Hilfskräften für die Landwirtschaft gestartet. Studenten, die nicht zur Uni können, Gastro-Mitarbeiter, deren Betrieb geschlossen hat, und alle anderen, die Zeit und Lust haben, zu helfen, sind von der Bundesregierung aufgerufen, sich hier anzumelden. Auch Asylsuchenden, die eigentlich einem Beschäftigungsverbot unterliegen, möchte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gerne die Feldarbeit ermöglichen.

Schon mehr als 40.000 Hilfsangebote

Denn den deutschen Bauern fehlen wegen der eingeschränkten Reisefreiheit in der Corona-Krise rund 300.000 Saisonarbeiter, vor allem aus Polen und Rumänien. Damit die Gemüseabteilungen in den Supermärkten weiterhin gut bestückt werden können, ist nun schnelle Hilfe gefragt. Im April beginnt die Spargelernte, im Mai die Erdbeersaison. Auch Zuckerrüben, Salat und sonstiges Gemüse muss in den kommenden Monaten gepflanzt, gehegt und geerntet werden. Kann das mit einer einheimischen Hilfsarmee geschafft werden?

Das Interesse, zu helfen, ist jedenfalls enorm: Allein über die Plattform "Das Land hilft" haben bereits mehr als 40.000 Menschen ihre Hilfe angeboten. Daneben vermitteln auch die Plattformen "Ernten for Future", "Saisonarbeit in Deutschland" und die "Agrarjobbörse" Hilfskräfte an Landwirte.

Bei "Das Land hilft" müssen die Freiwilligen neben persönlichen Informationen angeben, wann und wo sie verfügbar sind, und ob sie Feldarbeit leisten oder anderweitig im Betrieb mitarbeiten wollen. Die Inserate lassen sich nach Postleitzahlen filtern, sodass ein bayerischer Bauer sich nicht durch Hilfsangebote aus Bremen klicken muss. Seit diesem Mittwoch kann man über die Seite zudem Schutzmaterial suchen und anbieten. Wer seine berufliche Schutzkleidung gerade nicht braucht, weil der Betrieb geschlossen ist, kann sie den Landwirten und ihren Helfern zur Verfügung stellen.

Wie die Feldarbeit entlohnt wird, müssen Landwirt und Hilfskraft untereinander ausmachen. Der Bezug von Kurzarbeitergeld ist dabei weiterhin möglich. Um potenzielle Helfer zusätzlich zu motivieren, rechnet die Bundesregierung bis Ende Oktober 2020 das Zusatzeinkommen bis zur Höhe des eigentlichen Nettolohns nicht auf das Kurzarbeitergeld an. Als Voraussetzung für den Feldeinsatz nennt die Bundesregierung lediglich, dass keine Anzeichen einer Infektion mit dem Coronavirus vorliegen. "Die nötigen Schutzmaßnahmen wie beispielsweise Abstand halten, lassen sich bei der Ernte auf dem Feld problemlos umsetzen", schreibt die Bundesregierung,

Wieviel können die Ersatzhelfer schaffen?

Wie viele der Tausenden Interessenten am Ende tatsächlich auf dem Feld eingesetzt werden und ob sie die erfahrenen Saisonkräfte auch nur ansatzweise ersetzen können, ist allerdings ungewiss. "Spargelstechen kann man nicht so schnell lernen", gibt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen zu bedenken. Das Gemüse sei mit bloßem Auge gar nicht leicht zu erkennen und es erfordere eine gewisse Technik, um die Stangen nicht zu beschädigen, sagte er der DPA. Bauernpräsident Joachim Rukwied fordert daher, die Grenzen für osteuropäische Erntehelfer so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Andernfalls drohten Preissteigerungen und Engpässe bei einzelnen Gemüsesorten.

Bis es soweit ist, sind Menschen wie Lehramtsstudent Silas gefragt. In dem Facebook-Video, das ihn auf dem Feld des Hopfenbauers zeigt, freut er sich auch über die ungewöhnliche Erfahrung, die sich ihm als Stadtmensch derzeit biete. "Den ganzen Tag an der frischen Luft, das ist super." Abends sei er zwar immer hundemüde. "Aber du siehst, was du gemacht hast."

Erntehelfer-Portale: Das Land hilft / Agrarjobbörse / Saisonarbeit in Deutschland / Ernten for Future

Wenn Sie weitere Beispiele von Solidarität in Zeiten der Coronavirus-Krise kennen, senden Sie uns gerne eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung des Projekts samt Ort und Ansprechpartner an coronahilfe@stern.de.

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