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Markenschutz: Kampf um Raclette-Namen

Ein erbitterter Streit um den Markenschutz für den intensiv duftenden Raclette-Käse hält die Schweiz in Atem. Nach einem EU-Abkommen zum Markenschutz dürfen nur noch Käser aus dem Wallis den Namen Raclette verwenden.

Nicht jeder Käse, der stechend riecht und auf einer kleinen Schaufel über Kartoffeln, eingelegtem Gemüse und Fleisch zerschmilzt, darf künftig Raclette heißen. Der echte Raclette-Käse, und nun der Einzige, der diesen Namen tragen soll, so entschied die Schweizer Regierung jetzt nach einem sechs Jahre langem Verfahren, kommt aus dem Alpenkanton Wallis. Vielen Käse-Produzenten außerhalb des Wallis stinkt das gewaltig. Sie müssten für ihre Produkte einen neuen Namen suchen. Der Streit ist die Folge eines EU-Abkommens zur Handelsliberalisierung und zum Schutz traditionsreicher regionaler Produkte.

Exklusivrechte am Namen eigener Spezialitäten

"Ein Schweizer weiß, wie Raclette-Käse schmecken muss. Genauso wie ein Franzose seinen Roquefort kennt und ein Italiener seinen Parmaschinken", sagte eine Mitarbeiterin des Schweizer Landwirtschaftsministeriums. "Der echte Raclette kommt aus dem Wallis, außerhalb produzierte Käse schmecken anders." Und was nicht wie der echte Walliser Raclette-Käse schmeckt, soll auch nicht mehr so heißen. Im letzten Jahr hat die Schweiz ein EU-Abkommen unterzeichnet und sich verpflichtet, Markennamen wie Champagner, Gorgonzola und Rioja anzuerkennen. Im Gegenzug beansprucht die Schweiz die Exklusivrechte an dem Namen ihrer eigenen Spezialitäten.

85 Prozent darf nicht mehr Raclette heißen

Raclette ist in dem Alpenstaat ein Kult und Käse ein ernsthaftes Geschäft. Mehr als 160.000 Tonnen Käse wurden hier im vergangenen Jahr für 3,2 Milliarden Franken (etwa 2,05 Milliarden Euro) umgesetzt. 19,9 Kilo dieser Milchprodukte hat jeder Schweizer zu sich genommen, am häufigsten war es nach Mozzarella und Gruyere eben Raclette-Käse. Oder vielmehr dass, was bisher alles Raclette heißen durfte. Rund 85 Prozent der im letzten Jahr in der Schweiz produzierten Raclette-Menge von 14.000 Tonnen soll nicht mehr so heißen. Der Name steht dem Regierungsurteil exklusiv weniger als 900 Walliser Bauern zu.

Widerstand der nicht-Walliser Raclette-Produzenten

Der Großteil der bisherigen Raclette-Produzenten ist stinksauer. Sie nannten die Entscheidung der Regierung unverständlich und kündigten Berufung an. "Wir haben versucht, einen Kompromiss zu finden, aber sie wollten den Namen für sich selbst", sagte Markus Tschumi, Direktor der Vereinigung der Schweizer Raclette-Bauern, die den Widerstand der nicht-Walliser Raclette-Produzenten anführt. 74.000 Tonnen Käse, die an anderen Orten der Schweiz und der EU produziert werden, würden durch das Urteil namenlos. "Ähnliches ist auch für den Gruyere geplant", kündigte der Chef der Walliser Käserei-Vereinigung an. Die Schweiz will ihren Käse zu Markenartikeln wie Schweizer Schokolade, Berge und Uhren machen.

Fünf Jahre Zeit für neue Namensfindung

Ganz so schnell werden die Walliser allerdings nicht zu Exklusiv-Produzenten des Raclettes. Der Namensschutz gilt nur für den in der Schweiz konsumierten Käse und die nicht Walliser haben nach Abschluss des Berufungsverfahrens noch fünf Jahre Zeit, den Namen auslaufen zu lassen. Das Berufungsverfahren selbst, so schätzen Beobachter, könnte sich noch zwei bis fünf Jahre hinziehen. Der Käse-Krieg könnte die Schweiz also noch ein ganzes Jahrzehnt beschäftigen.

Thomas Atkins / DPA
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