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10 Fakten zum Schuldenstreit: Die Auswirkungen von Argentiniens Staatsbankrott

Argentinien schlittert in die Staatspleite. Um Mitternacht endete die Frist für milliardenschwere Kredite. Wie es so weit kommen konnte - und warum die Rindersteaks dem Land nicht helfen können.

Von Katharina Grimm

1. Was ist überhaupt passiert?

Bereits 2001 rutschte Argentinien so tief in die roten Zahlen, dass das Land in eine Staatspleite schlitterte. Zwei US-Hedgefonds sahen damals die Gunst der Stunde und kauften in Not geratene Schuldtitel zu Schnäppchenpreisen. Praktisch gesprochen: Die beiden Fonds NML Capital aus dem Haus Elliott und Aurelius Management übernahmen Staatsanleihen, durch die sich Argentinien mit frischem Kapital eingedeckt hatte und verlangen nun die Auszahlung der 1,5 Milliarden Dollar - und zwar ohne Abschläge.

2. Argentinien kann also die Kredite nicht zurückzahlen?

Argentinien hat sich von der Krise nie vollkommen erholt. In zwei Umschuldungsrunden 2005 und 2010 hatte die argentinische Regierung einen Schuldenschnitt beschlossen. Damit würden Gläubiger deutlich weniger Geld zurückbekommen, als anfangs vereinbart. Rund 93 Prozent der Gläubiger einigten sich mit Argentinien und verzichteten auf bis zu 70 Prozent des Geldes. Doch die amerikanischen Hedgefonds bestehen auf die Rückzahlung. Das Problem für Argentinien sind nicht die 1,5 Milliarden Dollar, die das Land den Fonds schuldet, sondern auch andere Gläubiger könnten auf die volle Rückzahlung pochen. Hintergrund ist die so genannte RUFO-Klausel ("Rights Upon Future Offers“): Wenn Argentinien den Hedgefonds mehr zahlt, müsste es auch den anderen Gläubigern mehr überweisen. Dann würde die drittgrößte Volkswirtschaft Südamerikas knapp 30 Milliarden Dollar aufbringen müssen - und wäre faktisch pleite.

Bereits 2001, als Argentinien ebenfalls am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand, gingen die Menschen in Buenos Aires auf die Straße.

Bereits 2001, als Argentinien ebenfalls am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand, gingen die Menschen in Buenos Aires auf die Straße.

3. Aber diese Entwicklung war doch absehbar – warum hat das Land nicht früher reagiert?

Der Oberste Gerichtshof in den USA hat das Land dazu verurteilt, zunächst die 1,5 Milliarden Dollar zu zahlen - erst danach kommen andere Gläubiger. Bislang hat Argentinien das Urteil ignoriert, die Regierung spricht von "Geierfonds" und "Erpressung" und hat in großen europäischen Tageszeitungen Anzeigen gegen die Fonds geschaltet. Im Gegenzug schlagen die Gläubiger zurück: Der Hedgefonds NML Capital ließ das stolze Segelschulschiff "Libertad“ der argentinischen Marine an der Küste von Ghana festsetzen. Auch Museumsbestände und Botschaftsgebäude wurden schon vorübergehend gepfändet. In der Nacht zum Donnerstag lief die Frist ab, sich mit den Gläubigern zu einigen - damit steht das Land vor der nächsten schweren Finanzkrise.

4. Das Urteil des US-Gerichts wird als historisch betrachtet. Warum?

In der Vergangenheit brachten Klagen gegen Staaten herzlich wenig. Argentinien könnte zum Vorzeigefall der Finanzwelt werden, denn es würde keinen Grund mehr für Gläubiger geben, einem Schuldenschnitt künftig zuzustimmen. Die Entwicklungshilfeorganisation Jubilee zeigt sich entsetzt über das Urteil. Es belohne Spekulanten und bestrafe die Mehrheit der Gläubiger. Mit einem Verweis auf das Urteil könnte die Finanzwelt auf Rückzahlung pochen - und damit die Spielregeln zwischen staatlicher Souveränität und dem finanzwirtschaftlichen Kapitalmarkt neu ordnen.

5. Wie wahrscheinlich ist die Pleite?

Die Frist ist um Mitternacht abgelaufen. Da die Parteien sich nicht geeinigt haben, sieht es finster für Argentinien aus. Erste Anzeichen sah man zuvor bereits an den Finanzmärkten: Die Kurse an der argentinischen Börse brachen ein, außerdem stiegen die Kosten für Kreditausfallsversicherungen. Damit sichern sich Investoren quasi gegen eine Pleite ab. Um Zahlungsbereitschaft zu zeigen, hatte die Regierung umgerechnet rund 480 Millionen Euro an Gläubiger gezahlt. Dies war allerdings schon vor Wochen ausgehandelt worden und betraf nicht die beiden Hedgefonds.

6. Wie funktioniert eine Staatspleite?

Offiziell wäre Argentinien zahlungsunfähig. Die Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner müsste sämtliche staatlichen Ausgaben hart zusammenstreichen - das macht sich politisch gar nicht gut. Betroffen wären alle Ausgaben, die der Staat tätigt, also auch das Gesundheits- und Bildungssystem. Die Rating-Agenturen würden den Staat auf Ramschniveau zurückstufen. Das würde Argentinien noch stärker behindern, wenn es neue Kredite aufnehmen will. Auch die Devisenkasse ist fast leer, nachdem sich die Reserven innerhalb von zwei Jahren auf 28 Milliarden Dollar halbiert haben. Devisen sind wichtig, denn ohne Dollar kann der Staat keine Medikamente oder Treibstoffe importieren. Allerdings würden unter den neuen Voraussetzungen auch wieder Gespräche mit den Gläubigern geführt werden.

Noch vor zehn Jahren prägten Rinderherden die argentinische Pampa. Heute bauen viele Landwirte lieber Getreide an.

Noch vor zehn Jahren prägten Rinderherden die argentinische Pampa. Heute bauen viele Landwirte lieber Getreide an.

7. Also tragen Hedgefonds, die ja auch bei der europäischen Finanzkrise eine wichtige Rolle gespielt haben, die Schuld an Argentiniens Pleite?

Das würde viel zu kurz greifen, denn das Land hat seit Jahren notwendige Reformen verschleppt und nichts gegen die hohe Staatsverschuldung unternommen. Auch Anreize für Unternehmen gibt es kaum. In einem Ranking der Weltbank, das die Unternehmensfreundlichkeit von Staaten misst, landet Argentinien auf Platz 126 von insgesamt 189 Staaten. Eines der Probleme: Argentinien hat neben Landwirtschaft, Bergbau und Tourismus kaum konkurrenzfähige Branchen, die am Markt bestehen können. Auch die Korruptionsliste von Transparency International bescheinigt Argentinien offenkundige Probleme. Dort landet das Land auf dem Rang 106 - von insgesamt 177 überprüften Staaten.

8. Sind Deutsche von einer Pleite betroffen?

Ja, zum Teil. Deutsche Unternehmen, die in Argentinien aktiv sind, müssen sich auf sinkende Kaufkraft einstellen. Ähnlich wie ab 2001 wird die Wirtschaft in Argentinien zunächst eine Rezession verkraften müssen. Deutsche Gläubiger könnten leer ausgehen. Allerdings: Die Risiken waren seit Jahren bekannt. Für Verbraucher oder auch Urlauber ändert sich zunächst wenig. Für Touristen könnte der Urlaub günstiger werden, sollte der Peso weiter falllen. Seit Anfang 2012 hat der Pesos im Vergleich zum US-Dollar 40 Prozent verloren.

9. Was ist denn mit der Rinderzucht?

Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil der argentinischen Wirtschaft. Allerdings hat sich das Bild in den vergangenen Jahren stark verändert: Kaum noch Rinder grasen auf den weitläufigen Weiden – denn die wertvolle Pampa wird inzwischen zum Anbau von Mais, Weizen, Reis oder Soja gebraucht. Rund 10.000 Dollar kostet ein Hektar Boden inzwischen - viel zu teuer, um die aufwendige Rinderzucht zu betreiben. 2006 lag Argentinien noch auf dem dritten Platz beim Rindfleischexport, heute steht das Land nur noch auf dem zwölften Platz weltweit.

10. Dann kann Argentinien doch mit Getreide Geld verdienen, oder?

Nicht wirklich, denn der Staat schöpft rund 75 Prozent der Gewinne der Bauern ab, so der argentinische Landwirtschaftsverband Sociedad Rural. Schmale Gewinne bedeuten aber auch weniger Investitionen. Außerdem reguliert die Regierung den Export von Weizen, um den Preis niedrig zu halten. Dadurch exportiert das Land aber im Vergleich zu 2006 nur noch ein Viertel der Getreidemenge. Und: Die Bauern bunkern lieber ihre Ackerträge, als sie für Pesos, die immer weiter an Wert verlieren, zu verhökern. Trauriger Hoffnungsschimmer: Ausgerechnet das gewaschene Drogen- und Schmiergeld hat in der Hauptstadt zu einem Immobilienboom geführt.