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Griechenland-Krise: Schurken, Strand und Schulden

Griechenland ist jetzt das kreditunwürdigste Land der Welt. Selbst Pakistan, Ecuador und Jamaika bekommen leichter Geld. Was haben diese Länder, was Hellas nicht hat?

Von Niels Kruse

Die griechische Gesellschaft, sagt Evgenia Georganda, könne man mit einem sich der Realität verweigernden Krebskranken vergleichen: "Der hat seine Diagnose bereits von mehreren Ärzten bekommen, macht sich aber immer noch vor, es sei nur ein Schnupfen." So beschrieb die Athener Psychotherapeutin jüngst den Zustand ihres Landes. Nun wurden dem Patienten Griechenland weitere Details seines Leidens mitgeteilt: Die Heilungsaussichten für die geschundene Volkswirtschaft schwinden rapide.

Die Ratingagentur Standard & Poors (S&P) hat die Bewertung für langfristige Anleihen des Landes um drei Stufen auf "CCC" zurückgenommen. So kreditunwürdig ist kein anderes Land. Selbst diese neuerliche Demütigung schockiert niemanden. "Das ist natürlich keine gute Nachricht, aber angesichts der Finanznöte auch keine Überraschung mehr", sagte ein Händler schulterzuckend. Damit nicht genug. Die stolzen Griechen, Erfinder der Demokratie und Philosophie, die Wiege Europas, stehen in der Liste der Pleitestaaten nun sogar hinter Ländern wie Ecuador, Jamaika oder Pakistan.

Flutkatastrophe bricht Aufschwung ab

Diese Länder aber sind nicht in einer politischen Union wie der EU und einem Währungsverbund wie dem Euro eingebettet. Ein Umstand, der in die Bredouille geratenen Staaten eigentlich helfen sollte. Pakistan zum Beispiel wird von S&P mit einem B- eingestuft. Was soviel heißt: Wer diesem Staat Geld leiht, braucht starke Nerven und sollte sich nicht darauf verlassen, dass er es je wiedersieht. Anders gesagt: eine hochspekulative Anlage, bei der der Ausfall des Investments wahrscheinlich ist.

Die pakistanische Misere hat Gründe, die soweit weg von den Standards der EU sind, wie China von der Einhaltung der Menschenrechte: extreme Korruption, instabile politische Verhältnisse und die mutmaßliche Unterstützung des islamistischen Terrors. Vor allem aber die verheerende Flutkatastrophe vom Sommer 2010 hat den zarten Aufschwung, den das Land erlebte, abrupt beendet. Rund 1,7 Millionen Häuser wurden stark beschädigt, ein Großteil der Schulen, Krankenhäuser, Brücken, Straßen zerstört. Auch die für Pakistan wichtige Textil- und Lederindustrie ist zum teilweise zum Erliegen gekommen. Und doch rechnet Pakistan mit einem Wachstum von zwei bis drei Prozent. Zum Vergleich: Die griechische Wirtschaft ist 2010 um 4,5 Prozent geschrumpft, für dieses Jahr wird ein Rückgang um weitere drei Prozent erwartet.

Karibikinsel lebt auch von den Auslandjamaikanern

Auch Jamaika, bei Standard & Poors ebenfalls mit B- bewertet, kämpft immer wieder mit den Naturgewalten. Zuletzt verwüstete Hurrikan "Dean" die Karibikinsel 2007 schwer. Noch zwei Jahre später waren die Auswirkungen auf die Wirtschaft zu spüren: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um 2,5 Prozent. Dabei geht der langfristige Trend in Jamaika eigentlich aufwärts: Dank der verlockenden Karibikstrände zieht der Tourismus nach wie vor an und die reichhaltigen Überweisungen der Auslandsjamaikaner sind ein Eckpfeiler der Volkswirtschaft. Davon können die Griechen nur träumen, denn kaum einer ihrer Landsleute schickt aus der Ferne Geld an die Verwandten in die (EU-)Heimat. Auch wenn kaum noch ein Jugendlicher - egal ob gut oder gar nicht ausgebildet - vernünftige Jobs bekommt. Und der Staat, immerhin einer der größten Arbeitgeber des Landes, hat auch kein Geld mehr, um Menschen einzustellen.

Dass der Staat ohnehin kein Allheilmittel ist, zeigt Ecuador. Noch so ein Land, das im Bonitätsranking kurz vor Griechenland steht. Allerdings ist Ecuador so schon so gut wie pleite und bedient längst nicht mehr alle seiner Schulden. Seit 2007 versucht die Regierung die "lange neoliberale Nacht" der Vorgängerregierung zugunsten von weniger Markt und mehr staatlichen Eingriffen zu ändern. Nahezu der gesamte Strom-, Erdöl- und Telekommunikationssektor liegt in der Hand des Staates, der Stabilisierung der Konjunktur hat die "solidarische Wirtschaft" bislang aber nicht geholfen. Immerhin: Ecuador hat reichlich Erdöl - angesichts des aktuellen Ölpreises zwischen 100 und 120 Dollar pro Fass kein schlechtes Pfand.

"Tafelblech" im Wert von 50 Milliarden Euro

Und was hat Griechenland? Leider nicht einmal das. Der Staat braucht in den nächsten drei Jahren bis zu 120 Milliarden Euro weitere Finanzhilfen. Darüberhinaus muss das Land noch mehr sparen und die Steuern erhöhen, was der Konjunktur keinen Aufwind geben dürfte. Zudem können die Griechen nur mit 30 bis 50 Milliarden Euro aus Privatisierungen rechnen. Angesichts der geringen Werte, die das Land sein eigen nennt, schrieb die "Financial Times Deutschland">

Argentinien kennt die Probleme Griechenlands. Die Volkswirtschaft des südamerikanischen Landes brach vor rund zehn Jahren komplett zusammen, der Staat wurde sogar mit D eingestuft, war also zahlungsunfähig. Und damals hatte nichts und niemand den gebeutelten Gauchos geholfen. Also entschlossen sich sie sich zum argentinischen Weg: Statt die Staatsausgaben zu drosseln, was die Krise erst richtig zugespitzt gemacht hatte, wurden die Staatsausgaben erhöht, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Folge: Das Bruttoinlandsprodukt stieg seit 2003 um mehr als 50 Prozent. Mittlerweile wird Argentinien bei Standard & Poors mit einem B bewertet - was ungefähr der Kreditwürdigkeit eines Hartz-IV-Empfängers entspricht. Griechenland dagegen hat nun den Status von Horst Janson erreicht - der Schauspieler, dem trotz des Verkaufs seines Hauses noch 200.000 Euro Schulden bleiben.

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