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Abschaffung des 500-Euro-Scheins "Bin Laden" unterm Kopfkissen


Um die Währungsunion zu retten, soll nun auch noch die 500-Euro-Banknote abgeschafft werden. Merken würde das kaum jemand. Den Schein kennt ohnehin fast keiner, der nicht zur Unterwelt gehört.
Von Thomas Schmoll

Unsere Redeaktionskonferenz am Dienstag hat mir zwei hübsche Erkenntnisse gebracht: 1. Ich bin eine Besonderheit im Berliner stern-Büro. 2. Meine Kollegen sind keine Ganoven. Jawoll, ich bin eine Besonderheit! Zumindest habe ich ein Alleinstellungsmerkmal. Ich hatte etwas, was die anderen noch nie hatten. Zu verdanken habe ich das meiner Mutter. Sie hat mir vor ein paar Jahren einen 500-Euro-Schein zu Weihnachten geschenkt. Alle anderen Anwesenden haben noch nie (rpt. noch nie!) eine 500-Euro-Note besessen. So konnte ich - Achtung Ironie! - mit Insiderwissen auftrumpfen. Jemand in der Konferenz wollte wissen, welche Farbe er hat, dieser ominöse Schein. "So violett ins Bläuliche hinein und etwas rötlich", sagte ich. Und tatsächlich bescheinigt die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer Homepage: "Farbe: lila."

Laut EZB sind bis zu 600 Millionen der lilafarbenen Teile im Umlauf, wobei hier das Wort "Umlauf" im technischen Sinne gesehen werden muss, da sich ein großer Teil davon in Tresoren, Kommoden, Kellern oder unterm Kopfkissen befindet. Deshalb kennt sie keiner, deshalb werden sie auch "Bin Laden" genannt: Man kann googeln, wie die guten Stücke aussehen, aber es ist nicht ganz einfach, an sie ranzukommen. Als ich meinen 500-Euro-Schein dem Kassierer eines Fachgeschäfts zwecks redlichen Erwerbs eines Produkts vorlegte, schaute der, als wäre nicht der Schein, sondern ich höchstpersönlich Bin Laden. Mein kleines Cafe' um die Ecke nimmt nicht einmal 100-Euro-Scheine, die Tankstelle 100 Meter weiter streikt ab 200-Euro-Noten.

"Erwerb einer Villa zwecks Geldwäsche"

Dass den Schein in meiner Umgebung keiner kennt, hat etwas Beruhigendes. Denn wer ihn besitzt, steht im Verdacht, ein Krimineller zu sein. Das sagen viele Experten. Er - 0,10 Milimeter dick und 1,12 Gramm leicht - ist nämlich so viel Wert wie keine andere Banknote einer wichtigen Volkswirtschaft und spart Platz. Sie kennen ja sicher aus Filmen die Aktenkoffer, die Bösewichte rüberschieben, um Drogen zu bezahlen, oder die Eltern auf den Tisch legen müssen, um ihre entführten Kinder freizukaufen. Ein Aktenkoffer voller 500-Euro-Scheine ist - logisch - wertvoller als ein Aktenkoffer voller 100-Dollar-Noten. Kriminelle haben einen gewissen Hang zur Barzahlung. Eine Kontoüberweisung hinterlässt Spuren, auch wenn als Zahlungsgrund nicht "Waffenlieferung", "500 Kilogramm Kokain" oder "Erwerb einer Villa zwecks Geldwäsche" angegeben ist.

Die Amerikaner haben gleich nach dem Zweiten Weltkrieg keine Scheine über 100 Dollar mehr gedruckt, weil ihnen das Fälschungsrisiko zu hoch war. Bis 1969 waren noch Noten bis zu einem Wert von 10.000 Dollar im Umlauf, ehe sie nach und nach im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verkehr gezogen wurden. Die Briten wollten den Euro nicht und blieben beim Pfund. Ihre Wechselstuben bieten die 500-Euro-Note seit 2010 nicht mehr feil. Das ist die Konsequenz aus einer Erkenntnis ihrer Agentur für organisierte Kriminalität, die in einer mehrmonatigen Untersuchung herausgefunden haben will, dass 90 Prozent aller 500-Euro-Scheine auf der Insel in den Händen von Schwerstganoven seien.

"Matratzen-Geld" oder "letzter Ausweg" für die Geldanlage?

Europas oberster Währungshüter hingegen, EZB-Präsident Mario Draghi, weist der Note eine "wichtige Rolle als Wertaufbewahrungsmittel“ und eine Art "letzter Ausweg" für die Geldanlage zu. Athanasios Vamvakidis, beim US-Finanzkonzern Bank of America zuständiger Experte für Europas wichtigste Währungen, ficht das nicht an. Er bewertet das lilafarbene Teil als "Matratzen-Geld" und plädiert für dessen Abschaffung. Der Analyst glaubt, dass die Leute - übrigens soll sich ein Drittel aller 500-Euro-Scheine in Spanien befinden - das Geld ausgeben würden, wenn die Eurostaaten öffentlich verkünden würden, diese Note abzuschaffen. So wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Konjunktur würde belebt und die Schattenwirtschaft zurückgedrängt. Nach Vorstellung von Vamwakis soll irgendwann das finale Glöcklein für die 500-Euro-Scheine schlagen: Deren Besitzer müssen dann nachweisen, dass sie das Geld redlich verdient haben - andernfalls dürfen sie sie nicht in kleinere Scheine umtauschen. Kriminelle schauten dann in die Röhre. Deren Einbußen wäre der "Gewinn für die EZB, den sie für andere Zwecke nutzen kann", meint der amerikanische Banker. Und schwubs, wäre die Eurokrise gelöst. So einfach kann es manchmal in der hochkomplizierten Finanzwelt sein.

Ich schwöre, dass meine Mutter eine herzensgute Frau und definitiv keine Drogendealerin oder so was in der Art ist. Und wie sie mir auf Nachfrage erklärte, nimmt sie sowieso keine 500-Euro-Schein mehr an, wenn sie Bargeld von der Bank holt. "Die wird man doch nicht wieder los, mein Junge", sagt sie. "Die will ja gar keiner haben." Falls ich doch mal wieder eine 500-Euro-Note geschenkt bekomme, hebe ich sie auf - selbst dann, wenn sich Athanasios Vamvakidis mit seinem Vorschlag durchsetzt. Statt abermals einen Kassierer zu verblüffen, werde ich einfach nur warten. 2006 wurde in den USA einer der letzten noch existierenden 1000-Dollar-Scheine versteigert: für 2,3 Millionen Dollar.


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