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Agrar: Zucker-Reform bringt Bauern in Not

Zucker ist eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel - und Zündstoff im Konflikt zwischen EU und der Welthandelsorganisation WTO. Als Opfer dieses Konflikts sehen sich Deutschlands 46.000 Zuckerrübenbauern.

Auf Druck der Welthandelsorganisation WTO muss die Europäische Union (EU) die hohen Schutzzäune einreißen, mit denen sie bisher Bauern und Zuckerwirtschaft vor dem rauen Wind des Weltmarkts geschützt hat - und die Preise künstlich hoch hält. Doch was Volkswirte für sinnvoll halten, kann für den einzelnen Bauern den Ruin bedeuten.

Garantiepreise sinken um 40 Prozent

Die EU will die Zuckersubventionen drastisch kürzen. Druck machen WTO und die großen Zuckerländer Brasilien, Australien und Thailand. Die Garantiepreise für die EU-Bauern würden demnach um mehr als 40 Prozent gesenkt. Das wäre für viele hauptberufliche Zuckerrüben- Anbauer das Aus. "Das ist ein unsittlicher Vorschlag" warnt Bauernverbands-Präsident Gerd Sonnleitner. Profitieren würden doch nur die Plantagenbesitzer in Brasilien, argumentiert Sonnleitner. "Die wahren Profiteure sind die, die Sklavenhaltung betreiben, die Kinder arbeiten lassen." Auch CDU und CSU wollen die Reform zumindest abmildern. Allein in Bayern wären etwa 14 000 Landwirte und ihre Familien betroffen.

Die Zeit drängt, denn die Zuckermarktordnung läuft 2006 aus. Eine Säule sind Garantiepreise für die europäischen Bauern - derzeit 46 Euro pro Tonne so genannter "A-Rüben". Das führt nach Einschätzung von Kritikern zu massiver Überproduktion und macht europäischen Zucker drei Mal teurer als auf dem Weltmarkt. Eigentlich wäre europäischer Zucker international nicht konkurrenzfähig. Damit EU-Zucker trotzdem exportiert werden kann, wird er mit Quersubventionen gestützt - wie die WTO in einem Schiedsspruch urteilte. Hinzu kommen Produktionsquoten in der EU und die Abschottung des EU-Markts durch hohe Zölle für nichteuropäischen Zucker. Dies ist stark vereinfacht dargestellt, denn es gibt eine Vielzahl von Einzelregelungen.

EU bestreitet künstliche Verbilligung

Im Klartext: EU-Zucker wird in der Produktion künstlich verteuert. Die Exporte werden dann wieder künstlich verbilligt - was die EU allerdings bestreitet. Einige wenige Großunternehmen beherrschen den europäischen Markt. Im Süden Deutschlands ist der Südzucker-Konzern dominant. Hinzu kommt, dass Zucker nur eines von vielen landwirtschaftlichen Produkten ist, das die EU mit ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach diesem Muster bezuschusst.

Die Zeche zahlen nach Ansicht von Kritikern die Bürger Europas in Form höherer Lebensmittelpreise und höherer Steuern. Nach Schätzungen des Evangelischen Entwicklungsdiensts kostet allein die Zuckermarktordnung die europäischen Verbraucher etwa 6,5 Milliarden Euro im Jahr. Insgesamt gibt die EU mehr als 40 Milliarden Euro jährlich - fast die Hälfte ihres Budgets - für Agrarsubventionen aus.

"Wir sind sprachlos"

Doch das ist nur eine Seite der globalen Medaille. Auf der anderen stehen die Bauern, die die Gemeinsame Agrarpolitik nicht erfunden haben und deren Familien zum Teil seit Jahrzehnten Zuckerrüben anbauen. Für sie bedeutet Zucker nicht einen Süßstoff, sondern die Existenz. Und würden die Subventionen wegfallen, müssten anstelle des Zuckers tausende neue Arbeitslose finanziert werden.

"Das ist eine solche Dimension, wir sind eigentlich sprachlos", sagt Hermann Ruß, Zuckerrübenanbauer aus dem unterfränkischen Brünnstadt. "Stellen Sie sich mal vor, ihr Chef kommt zu Ihnen und sagt mal eben, Sie kriegen jetzt 40 Prozent weniger Gehalt", meint sein Kollege Ernst Schütz aus Plattling. Er baut 16 Hektar Zuckerrüben an. "Für mich ist Zucker die wichtigste Einnahmequelle. Mein Sohn würde den Betrieb gerne übernehmen, aber mit der Reform hätten wir keine Zukunftsperspektive mehr", sagt Schütz.

Carsten Hoefer/DPA / DPA