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Alan Greenspan: Abschied des Finanz-Orakels

Nach 18,5 Jahren an der Spitze der US-Notenbank wird der 79-jährige Alan Greenspan seinen Posten abgeben. Er dürfte als der berühmteste Zentralbankchef in die Geschichte der US-Notenbank eingehen.

Wie bei einem Orakel wurde fast jedes seiner Worte an den Märkten auf Hinweise für die kommende Zinsentwicklung gewogen. Letzte Amtshandlung des Altmeisters der Geldpolitik wird voraussichtlich die 14. Zinserhöhung in Folge auf dann 4,5 Prozent sein. Greenspan hatte nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt im August 1987 den Börsencrash im darauf folgenden Oktober zu überstehen. Es folgten in den 1990er Jahren die Mexiko- und die Asienkrise, der Run auf die Aktien zur Jahrtausendwende mit dem Platzen der Blase an den Aktienmärkten im März 2000 und die finanzpolitischen Turbulenzen nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001.

Griechisches Orakel

Er wurde als "unser zeitgenössisches griechisches Orakel" oder auch als "überlebensgroß" charakterisiert. Wenn US-Notenbank-Chef Alan Greenspan am Dienstag zum letzten Mal eine Sitzung dieses Gremiums leitet und sich nach 18 Jahren an der Spitze der Finanzinstitution in den Ruhestand begibt, geht eine Ära zu Ende. "Wir glauben, er kann für sich beanspruchen, der größten Notenbank-Chef zu sein, der je gelebt hat", erklärten die Wirtschaftswissenschaftler Alan Blinder und Ricardo Reis im vergangenen in ihrer Analyse mit dem Titel "Greenspan Standard". Die Verehrung für 79-Jährigen ist von irrationaler Überschwänglichkeit. Ein Begriff, der Greenspan wohl sehr gefallen würde, denn er hat ihn einst selbst populär gemacht, als er 1996 die Aktienhändler an der Börse etwas dämpfen wollte. Greenspan steuerte die US-Wirtschaft mit großer Sicherheit und bescherte dem Land mit seinen Entscheidungen eine bemerkenswerte Zeit des Wachstums, die nur von kleineren Rezessionen unterbrochen wurde.

Er leitete mit der Notenbank eine mächtige, aber auch irgendwie mystische Institution der US-Geldpolitik. "Er wurde bekannt dafür, dass er sehr, sehr brillant und sehr, sehr clever agierte, wobei die meisten Menschen keine Ahnung haben, was er macht", erklärt der Popkultur-Experte Robert Thompson. Schon in den 40er Jahren, als Greenspan noch Tenorsaxofon in einer Jazzband spielte, kümmerte er sich dort um die Finanzen und las in den Pausen Bücher über Wirtschaftswissenschaft. Dieser Tanzkapelle verdankt Greenspan es auch mehr oder weniger, dass er Richard Nixon kennen lernte und später ins Weiße Haus kam. Während einer Mittagspause traf er 1966 ein früheres Bandmitglied, Leonard Garment, der damals Kanzleipartner von Nixon war. Garment stellte die beiden einander vor und Nixon war so beeindruckt, dass er Greenspan während seines Wahlkampfs zu seinem informellen Berater machte. "Schon damals", so erinnert sich Garment, "war Greenspan beeindruckend merkwürdig. Er äußerte perfekt formulierte Sätze über Geld und Finanzen, die für mich weitgehend unverständlich waren. Aber was deutlich wurde, war sein Gefühl für die Poetik eines sehr obskuren Themas: des Bundeshaushalts."

"Unheimliches Gespür für die öffentliche Meinung"

Ursprünglich wollte Greenspan, der damals in New York in einer Wirtschaftsberatungsfirma arbeitete, auch gar nicht nach Washington. Von 1974 bis 1977 leitete er dann doch das Team der Wirtschaftsberater von Präsident Gerald Ford. "Für jemand, der fast nur im Elfenbeinturm der Tabellen und Statistiken lebt, hat Greenspan ein unheimliches Gespür für die öffentliche Meinung", schrieb Ford in seinen Memoiren. Für einen Notenbank-Chef sei politische Erfahrung genauso wichtig wie die Kenntnis der Geldpolitik, erklärte Greenspan einmal selbst. Genau diese politische Neigung sei es, die seine Bilanz beeinträchtige, erklären seine Kritiker - denn auch die gibt es. Sie werfen ihm unter anderem vor, dass er die Pläne der Regierung von Präsident George W. Bush zur Reform des Sozial- und Steuersystems und auch die Steuersenkungen unterstützte. Greenspans Gefühl für wirtschaftliche Entwicklungen hängt eng mit seiner fast schon legendären Gabe zusammen, aus den Daten der US-Bürokratie und aus Gesprächen in der Wirtschaftswelt wichtige Informationen zu gewinnen. "Seine Antennen sind immer auf Empfang gestellt", sagt Robert Hormats, stellvertretender Vorsitzender von Goldman Sachs International. "Er ist sehr gut darin, viele Informationen von Leuten aufzunehmen, die Unternehmen leiten, die finanzielle und wirtschaftliche Entscheidungen treffen. Wenn er sie trifft, dann erfährt er, was sie wirklich denken. Und das macht er viel. Im Gegenzug sind die Leute sehr diskret und erzählen nicht herum, dass er sie angerufen hat." Auch im Ruhestand wird er sich wohl weiter von Zeit zu Zeit äußern, und seine Worte werden in Washington und an der Wall Street Gewicht haben. Aber der Popexperte Thompson erwartet, dass Greenspans Ikonenstatus auch schnell wieder verfliegt. "Fragen sie noch mal in zehn Jahren", sagt Thompson.

Mehr Transparenz

Sein Nachfolger wird Ben Bernanke, mit dem nach Einschätzung vieler Analysten ein neuer Stil in die US-Notenbank einziehen wird. Die Experten erwarten vom Nachfolger Greenspans mehr Transparenz in der Geldpolitik, ein neues Regelwerk und eine klarere Sprache, um den Märkten ein Mehr an Berechenbarkeit zu bringen. Greenspan war für seine verklausulierten und komplizierten Formulierungen mit viel Spielraum zur Interpretation berüchtigt.

AP