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US-Botschafter Murphy "Enormer Respekt vor Westerwelle"


Der deutsch-amerikanische Haussegen hängt schief, auch wegen der Libyen-Politik. US-Botschafter Murphy über Westerwelle, Wikileaks und die Euro-Krise.

Herr Murphy, sind Sie Botschafter in einem zweitklassigen Land, das sich nun auch noch langsam aus der westlichen Allianz verabschiedet?
Absolut nicht! Diese Annahme streite ich ab. Deutschland ist eines der wichtigsten Länder der Welt mit enormer Wirtschaftskraft - und es ist einer unserer wichtigsten Partner.

Helmut Kohl hat beklagt, dass US-Präsident Obama bei seiner jüngsten Europareise über Deutschland hinweggeflogen ist.
Bei allem Respekt für Helmut Kohl, Barack Obama war während seiner Amtszeit schon zweimal in Deutschland. Die Kanzlerin war in Washington zum Staatsbankett. Dass Barack Obama als Präsident noch nicht in Berlin war, darin kann ich nichts Symbolisches erkennen. Angela Merkel und Barack Obama verstehen sich hervorragend.

Kohl ist zu empfindlich?
Ich kann nur sagen: Wenn es für die USA etwas Wichtiges zu besprechen gibt, dann ist Deutschland mit am Tisch.

Der Ex-Kanzler hat die deutsche Außenpolitik als unberechenbar beschrieben - es fehle der Kompass.
Das bewerte ich anders, auch wenn es Dinge gibt, die Deutschland und die USA unterschiedlich sehen. Zu einem Fundament solider Partnerschaft gehört, dass man bei bestimmten Dingen auch mal nicht übereinstimmen kann. Dann muss aber immer noch genug Vertrauen vorhanden sein, damit vernünftig umzugehen.

Aber in einem der von Wikileaks veröffentlichten Dossiers haben Sie doch über Merkel geschrieben, Sie habe keine "mutigen Schritte" unternommen, um die transatlantischen Beziehungen zu stärken.
Wir äußern uns inhaltlich nicht zu diesen Dokumenten. Ich kann Ihnen aber sagen, was Angela Merkel für uns ist: Sie steht in der allerersten Reihe unserer Verbündeten.

Was haben Sie denn gedacht, als Sie gehört haben, dass Deutschland sich im UN-Sicherheitsrat zusammen mit China und Russland enthalten hat, als es um den Libyen-Einsatz ging?
Natürlich haben wir das in der Sache anders gesehen. Aber wir dürfen nicht nur auf die ersten fünf, sechs Monate des Militäreinsatzes schauen, sondern müssen alles mit in Rechnung stellen: etwa die Polizei-Ausbildung oder den Wiederaufbau der Infrastruktur. Deutschland wird schon seine Stärke einbringen.

Hat Joschka Fischer recht, wenn er sagt, dass die deutsche Libyen-Enthaltung der womöglich schwerste Fehler der deutschen Politik seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen sei?
Ich würde hier gerne darauf hinweisen, dass wir an zwei, drei Dutzend Brennpunkten in der Welt eng mit Deutschland zusammenarbeiten. Warum regen sich alle über die Ausnahme auf, anstatt auf die Norm zu schauen?

Ist Deutschland noch ein verlässlicher, berechenbarer Partner?
Natürlich.

Und Guido Westerwelle ein respektierter, starker Außenminister?
Ich habe enormen Respekt vor ihm. In vielen Bereichen hat er eine sehr starke Stimme. Vielleicht wird da nicht immer genau genug hin gehört.

In einem Ihrer Wikileaks-Dossiers haben Sie ihm "wenig Substanz" attestiert...
Noch einmal: Unser Respekt ist enorm, wir arbeiten gut zusammen.

Vielleicht sollte die FDP-Fraktion Sie mal einladen. Westerwelle kann gerade einen Fürsprecher von Ihrem Kaliber gut gebrauchen...
Warum nicht? Wir haben seit langem eine sehr gute, sehr tiefe Beziehung zur FDP.

Der frühere US-Notenbankpräsident Alan Greenspan hat kürzlich gesagt, der Euro kollabiere. Sie waren mal Investmentbanker bei Goldman Sachs. Hat er Recht?
Nein, er hat nicht Recht.

Wie beurteilen Sie die Lage des Euro?
Wenn Sie Neuland betreten, wie das bei der Schaffung des Euro der Fall war, müssen Sie mit Phasen rechnen, in denen Sie Schlaglöcher auf dem Weg zu bewältigen haben. Da muss man einige wichtige Lektionen lernen. Aber am Ende, da bin ich sicher, wird die Eurozone stärker sein als zuvor. Ich habe große Sympathie für die Überlegung, dass man als Ergänzung einer gemeinsamen Währung auch eine viel engere Abstimmung der Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Euro-Zone braucht.

Ist Greenspans Aussage amerikanisches Wunschdenken? Wollen die USA den Euro zerstören?
Absolut nicht. Ein stabiles, harmonisches, wirtschaftlich wachsendes Europa ist gut für Amerika.

Aber die US-Ratingagenturen spielen eine finstere Rolle bei der Schwächung des Euro.
Ich spreche nicht für die Ratingagenturen.

Wir an Ihrer Stelle hätten geantwortet: Sie spielen auch eine finstere Rolle bei der Schwächung des Dollar.
Touché!

Schämen Sie sich als Amerikaner für die Ratingagenturen?
Sie müssen zwei Dinge sehen. Erstens: Unsere Regierung stimmt dem nicht zu, was eine Ratingagentur mit uns getan hat. Sie hat bei der Herunterstufung des Ratings für US-Staatsanleihen ein paar Rechenfehler gemacht. Und zweitens: Im vergangenen Jahrzehnt haben Agenturen viele Finanzprodukte mit sehr hohen Bewertungen ausgezeichnet, die das nicht wert waren.

Sind sie zu mächtig?
Das ist ein bisschen so, als würden Sie mich fragen: Hat der Schiedsrichter im Fußball zu viel Macht?

Müssen die Ratingagenturen kontrolliert werden?
Ich habe von den Fehlern gesprochen, die unbestreitbar gemacht wurden. Vielleicht ist es so wie beim Euro: Man muss mit Schlaglöchern auf dem Weg rechnen, man muss daraus lernen und Korrekturen vornehmen. Vielleicht mögen wir den Schiedsrichter nicht, aber wir brauchen einen Schiedsrichter.

Übernimmt Deutschland in der Euro-Krise genug Führung?
Ja. In dieser schwierigen Lage tut Deutschland, was es kann und was es tun sollte. Deutschland versteht seine Verpflichtungen sehr genau.

Ist Deutschland nicht zu zögerlich? Helmut Kohl sieht das so.
Deutschlands Rolle wird oft nur theoretisch beschrieben. In der Praxis muss die Regierung aber konform gehen mit dem Grundgesetz und das Parlament respektieren. Die Sache ist sehr kompliziert und die Materie ungeheuer hart. Mario Cuomo, der frühere New Yorker Gouverneur, hat mal gesagt: Man macht Wahlkampf in Poesie und regiert in Prosa.

Wären die Vereinigten Staaten von Europa nach dem Modell der Vereinigten Staaten von Amerika eine Lösung?
Ich persönlich erwarte das nicht. Die EU wird zunehmend lockerer, aber ich sehe kein Europa ohne Grenzen und souveräne Regierungen.

Welche Folgen hatten die Wikileaks-Enthüllungen für Ihre Arbeit in Berlin? Haben Sie noch so wie früher Kontakt zu Angela Merkel und anderen Spitzenpolitikern?
Ja, wir sind schnell zur Normalität zurückgekehrt. Wir sind einfach zu wichtig für einander. Einige waren sehr aufgebracht, einige haben gesagt, ich solle nach Hause fahren. Aber die überwältigende Mehrheit hat mich unterstützt. Das hat mich sehr berührt.

Schreiben Sie heute noch Dossiers von dieser Qualität?
Sie meinen Dossiers, die ich nicht kommentieren kann und darf? Was ich nicht getan habe und niemals tun werde, ist, mich für meine Kollegen im diplomatischen Dienst entschuldigen - es sind die besten Kollegen, die ich in meinem Leben hatte und die einen herausragenden Job machen. Ich bin sehr stolz auf sie.

Alles, was wir gelesen haben, war richtig. Haben Sie nachträglich etwas zu korrigieren?
Was wir berichten sind nur Mosaiksteine, Momentaufnahmen, die ein Bild ergeben. Wenn Sie jemanden kennen lernen und ein Tagebuch führen, dann tragen Sie die ersten Eindrücke ein und später andere, differenziertere. Es gilt, was Hillary Clinton einmal gesagt hat: Die US-Politik ist kristallklar, völlig transparent -- und sie wird in Washington entschieden.

Sie sind jetzt zwei Jahre in Deutschland. Wissen Sie schon, wie lange Sie noch hier sein werden?
Nein. Noch ein paar Jahre, hoffe ich. Ich bin gerne hier. Wissen Sie, als Vater sage ich immer: Die Familie ist an einem Ort so glücklich wie ihr unglücklichstes Mitglied. Meine vier Kinder hatten gedacht, ich wäre das. Aber das ist eine gute Nachricht, denn ich bin wirklich glücklich hier.

Hans-Ulrich Jörges, Axel Vornbäumen

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