Abschwung "Wir werden glimpflich davonkommen"


Otmar Issing hat heftige Kritik an den jüngsten Lohnabschlüssen wie bei der Lufthansa geübt. Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank fordert im Interview mit stern.de eine "Lohnpolitik der Vernunft". Beim Thema Abschwung warnt Issing die Politik vor Panikmache und Aktionismus.

Herr Issing, der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan spricht von einer Jahrhundertkrise der Weltwirtschaft. Würden Sie dem zustimmen?

Die Bezeichnung halte ich für übertrieben. Wenn man das Jahr 1929 und die folgenden im Kopf hat, sollte man diesen Maßstab nicht anlegen, um die gegenwärtige Situation zu beschreiben. Aber keine Frage, bei der Betrachtung der internationalen Finanzmärkte muss man schon zum Schluss kommen, dass es sich um eine schwere Krise handelt.

In Deutschland ist die Wirtschaft im zweiten Quartal um ein Prozent geschrumpft. Muss sich Deutschland auf eine Rezession einstellen?

Die Zahl für das zweite Quartal 2008 darf nicht isoliert betrachtet werden. Die ersten drei Monate müssen in die Analyse einfließen. Um ein genaueres Bild der deutschen Wirtschaft zu erhalten, kann - ganz grob - der Durchschnitt der beiden Quartale genutzt werden. Die ersten drei Monate waren von starken Sonderfaktoren wie dem milden Winter beeinflusst - der Rückgang war deshalb zu erwarten. Dass er allerdings so stark ausgefallen ist, deutet darauf hin, dass die Phase des Aufschwungs vorbei ist.

Die Bundesregierung erwartet für das laufende Jahr noch ein Wachstum von 1,7 Prozent. Ist diese Prognose noch zu halten?

Ich halte das nicht für ausgeschlossen, aber doch für optimistisch.

Was wäre realistisch?

Das ist im Moment schwer zu sagen. Die Frühjahrsumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages zeigt, dass der hohe Eurokurs und die schwache Weltkonjunktur ihre Spuren in den Auftragsbüchern der Unternehmen hinterlassen. Die deutsche Wirtschaft, die immer noch sehr stark vom Export abhängt, wird lernen müssen, dass die exzellenten Jahre vorbei sind. Aber eine Rezession ist nach allem, was wir bisher wissen, nicht zu erwarten.

Die USA wird für längere Zeit als Lokomotive der Weltwirtschaft ausfallen. Müssen wir uns in Deutschland auch auf eine längere Durststrecke einstellen?

In den USA wird es aller Vorrausicht nach eine längere Phase schwächeren Wachstums geben. Die private Konsumnachfrage, die bisher rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht, wird sich bei weitem nicht mehr so positiv entwickeln. Die Immobilienkrise und die starke Verschuldung der privaten Haushalte werden auf lange Zeit ihre Spuren hinterlassen. Deshalb werden von den Vereinigten Staaten für mehrere Jahre keine positiven Impulse ausgehen.

Auch wenn die USA in ihrer Bedeutung für die deutsche Wirtschaft abgenommen hat, ist sie immer noch die wichtigste Volkswirtschaft der Welt. Ein komplettes Abkoppeln von der Entwicklung ist deshalb nicht möglich. Das war immer eine Illusion.

Die deutsche Wirtschaft ist aber nach wie vor gefestigt. Und wenn die Tarifparteien eine Lohnpolitik der Vernunft betreiben, bin ich mir sicher, dass wir einigermaßen glimpflich davon kommen werden. Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre werden wir aber zunächst auf keinen Fall wieder erreichen.

Bei der Deutschen Lufthansa ist es zuletzt zu einem relativen hohen Lohnabschluss gekommen. Inwieweit ist das gesamtwirtschaftlich gerechtfertigt?

Die Lohnerhöhungen sind wie immer vergangenheitsorientiert, belasten aber die Zukunft. Dies gilt auch für diesen Tarifabschluss.

Die Arbeitnehmer in Deutschland hätten viel stärker durch Einmalzahlungen an den hohen Gewinnen der Unternehmen beteiligt werden sollen. Dauerhafte Lohnerhöhungen müssen erst einmal verdient werden. Und da kann man nicht allzu optimistisch sein, dass dies auch gelingt.

Der Abschluss bei der Lufthansa war zu hoch?

Ich bin nicht der Schiedsrichter der Tarifpolitik. Der Abschluss war aber in jedem Fall nicht gut für die Konjunktur, eben weil er sich an den Gewinnen der Vergangenheit orientiert. Viele Unternehmen haben beachtliche Profite erwirtschaftet, daran sollen die Beschäftigten auch beteiligt werden. Aber mit Einmalzahlungen und nicht primär mit dauerhaften Lohnerhöhungen. Dadurch werden die Kosten im Unternehmen dauerhaft erhöht.

Was sagen Sie Menschen, die behaupten, der Aufschwung ist in der Breite der Gesellschaft gar nicht angekommen?

Das ist zum Teil richtig. Man muss aber auch sehen, woran das liegt. Die real verfügbaren Einkommen sind durch eine deutliche Erhöhung der Steuer- und Abgabenlast erheblich geschmälert worden. Der Staat hat hier mächtig in den Geldbeutel kleinerer und mittlerer Einkommensbezieher gegriffen. Dieser Umstand wird in der Betrachtung häufig ausgeblendet.

Aber bei all den verständlichen Klagen der Bürger: Der Aufschwung hat insofern eine sehr positive Wirkung, als dass die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen und die Beschäftigung deutlich gestiegen ist. Davon haben viele Menschen in Deutschland profitiert – der Aufschwung ist auf breiter Front angekommen. Es ist erstaunlich und sehr bedauerlich, dass diese Botschaft keine Resonanz findet.

Viele klagen auch über die deutlich höhere Inflation, die das verfügbare Einkommen stark schmälert. Glauben Sie, dass diese Entwicklung bereits in diesem Sommer ihren Höhepunkt erreicht hat? Der Ölpreis ist ja wieder merklich gesunken.

Die zentrale Frage ist, ob die stark gestiegene Energie- und Lebensmittelpreise auch so genannte Zweirundeneffekte auslösen. [Anm. d. Red.: Unter Zweitrundeneffekten versteht man, wenn zum Beispiel die Gewerkschaften auf die gestiegene Inflation reagieren und deswegen höhere Löhne durchsetzen.] Dieser Preisschock darf sich nicht in einen Inflationsprozess umsetzen. Wenn die Lohnentwicklung unter Kontrolle bleibt, wird auch die Inflation langsam aber sicher zurückgehen.

Der Abschluss bei der Lufthansa könnte schon als Zweitrundeneffekt bezeichnet werden.

Es gibt erste Indizien, die auf Zweitrundeneffekte hindeuten. Aber auf breiter Basis, wie in den 70er Jahren, ist dies nicht zu beobachten. Gerade weil die Inflation ihren Höhepunkt erreicht hat, würden hohe Lohnabschlüsse die Konjunktur und auch den Arbeitsmarkt in Deutschland empfindlich treffen. Die Europäische Zentralbank macht sich zu Recht Sorgen. Ihre Politik ist darauf gerichtet, die Inflationserwartungen auf Stabilitätsniveau zu verankern.

Ist in der jetzigen Wirtschaftslage ein Konjunkturprogramm notwendig und richtig?

Von solchen Maßnahmen habe ich grundsätzlich noch nie etwas gehalten. Sie kommen so gut wie immer zu spät und belasten dann lediglich den Haushalt. Positive Wirkungen für die Konjunktur entfalten sie nicht. Wenn man schon eine antizyklische Finanzpolitik betreiben will, hätte man damit viel früher anfangen müssen. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren trotz eines hohen Wachstums immer noch erhebliche Haushaltsdefizite erlaubt.

Was sollte die Bundesregierung stattdessen tun?

Die derzeitigen Wachstumsprognosen liegen ganz grob gerechnet auf Höhe des Produktionspotenzials. Die Aufregung über die wirtschaftliche Entwicklung ist zwar politisch verständlich, aber ökonomisch nicht angebracht. Es gibt keinen Grund für eine Panik. Die Politik sollte sich darauf konzentrieren, die Voraussetzungen für Wachstum und Beschäftigung dauerhaft zu verbessern.

Interview: Marcus Gatzke

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