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US-Immobilienkrise: Vollbremsung auf eisglatter Fahrbahn

Die Aktionen der US-Zentralbank wirken panisch, sind aber in dieser Situation genau richtig. Allerdings ist fraglich, ob die mächtigste Notenbank der Welt die schwere Krise schnell beenden kann. Der europäischen Wirtschaft bleibt ein harter Schlag vielleicht nicht erspart - jedenfalls wenn die EZB weiter stillhält.

Eine Analyse von Sebastian Dullien

Jahrelang wurde die US-Notenbank Fed weltweit mit großer Ehrfurcht betrachtet: Ihr früherer Chef Alan Greenspan wurde gar lange als "Maestro" gelobt, der mit seinen Worten und wohldosierten Zinsveränderungen die größte Volkswirtschaft der Welt gleich einem Meisterdirigenten zielgenau auf einem stabilen Wachstumskurs hielt.

Die jüngsten Aktionen des aktuellen Notenbank-Chefs Ben Bernanke haben mit einer genau kalkulierten Steuerung der Wirtschaft nichts mehr zu tun. Vielmehr gleicht Bernanke einem Autofahrer, der seinen schleudernden Wagen auf eisglatter Straße panisch zu stabilisieren versucht, um den Crash mit einem Alleebaum doch noch zu vermeiden.

In der Nacht zum Montag hat die Fed erstmals die direkte Geldversorgung von großen Investmentbanken zugelassen, die üblicherweise nicht das Recht haben, direkt von der Notenbank Geld zu leihen. In der Rettungsaktion um die Investmentbank Bear Stearns waren es nach allen Informationen Vertreter des Finanzministeriums und der Fed, die die Manager dazu brachten, einem Übernahmeangebot JP Morgans zu dem Spotpreis von zwei Dollar pro Aktie zuzustimmen (angeblich beträgt allein der Wert der Büroimmobilien der Bank acht Dollar pro Aktie). Gleichzeitig übernahm die Fed Risiken von Bear Sterns in Höhe von 30 Milliarden Dollar.

Weitere Zinssenkungen erwartet

Ebenfalls in der Nacht zum Montag hat die Fed den Diskontsatz, also den Zins für kurzfristige Notkredite, um einen Viertel Prozentpunkt gesenkt. Für die Sitzung diese Woche erwarten die meisten Analysten zudem eine kräftige Zinssenkung beim wichtigsten Zinssatz, der Federal Fund Rate. All diese Aktionen folgen dabei auf eine Reihe von Entscheidungen, mit denen die Notenbank bereits in den vergangenen Wochen mehrfach Hunderte von Milliarden Dollar als zusätzliche Liquiditätshilfe für den Bankensektor in Aussicht gestellt hatte.

Doch so panisch die Aktionen Bernankes wirken - im Prinzip ist genau richtig, was die Fed nun tut. Das Finanzsystem ist so etwas wie das Getriebe einer Volkswirtschaft. Gibt es Probleme im Finanzsystem, fehlen Unternehmen und Haushalten die Mittel für neue Investitionen oder Anschaffungen. Eine jahrelange Krise droht wie im Fall Japans nach der Bankenkrise Anfang der 90er Jahre. Regierung und Notenbank in Washington sind fest entschlossen, dies zu verhindern, und schrecken so auch vor unkonventionellen Maßnahmen nicht zurück.

Weitere böse Überraschungen möglich

Allerdings ist fraglich, ob derzeit selbst die mächtigste Notenbank der Welt die Krise schnell beenden kann. Die Hauspreise in den USA fallen weiter - und mit ihnen verlieren die Hypothekenpapiere in den Bilanzen der Banken an Wert. Die Finanzinstitute sind zu Abschreibungen gezwungen, die schnell die eigene Kapitalbasis übersteigen kann. Auch niedrigere Zinsen und Milliarden an Liquidität können diese Probleme nicht umgehend lösen.

In den kommenden Wochen könnten deshalb noch weitere böse Überraschungen auftauchen. Von den großen US-Banken haben noch eine ganze Reihe große Mengen wackeliger Wertpapiere in der Bilanz stehen. Diese Woche stehen eine Reihe von Bilanzveröffentlichungen an. Bear Stearns wird nicht die letzte große Bankenpleite in dieser Krise sein.

Das alles dürfte auf die Stimmung in amerikanischen Unternehmen und unter Verbrauchern drücken. Konsum und Investitionen dürften weiter nachgeben, die Arbeitslosigkeit weiter steigen. Kaum ein Ökonom glaubt inzwischen noch, dass Amerika eine Rezession vermeiden kann.

Hoffnung besteht allerdings, dass die bereits beschlossenen Konjunkturprogramme der US-Regierung den Absturz abbremsen. So sollen im Mai Schecks mit Steuerrückzahlungen an die US-Verbraucher verschickt werden. Viele Volkswirte rechnen so schon jetzt damit, dass dann die Amerikaner auch wieder etwas mehr konsumieren. Das könnte helfen, die Tiefe einer Rezession abzumildern.

Gefahr für europäische Wirtschaft

Doch auch wenn die USA einer ganz bösen Rezession entkommt, wird die Lage auch für die europäische Wirtschaft langsam kritisch: Zwar scheint das Bankensystem auf dieser Seite des Atlantiks wesentlich stabiler. Und tendenziell wäre ein leichter Dämpfer für die Exporte auch verkraftbar.

Schwierig wird es allerdings, weil die Finanzkrise in den USA und die Reaktionen der US-Notenbank zunehmend zu einem schwächeren Dollar und damit einem hyperstarken Euro führen. Fallende Zinsen und schwächere Wachstumsaussichten in den USA bedeuten, dass Anleger zunehmend ihr Kapital aus dem Dollar in den Euro umschichten. Heute Morgen wurde der Euro kurzzeitig auf einem Allzeithoch über 1,59 Dollar gehandelt, rund 20 Prozent mehr als vor einem Jahr. Das bedeutet: In Dollar gerechnet sind alleine durch die Aufwertung die Lohnkosten der europäischen Industrie um 20 Prozent gestiegen.

Alle Erfahrungen der vergangenen Jahre deuten darauf hin, dass die Firmen auf solch krasse Aufwertungen mit Kosteneinsparungen zu reagieren versuchen. Kostensenkungen bedeuten aber: Entlassungen oder Lohneinschnitte. Das wiederum bedeutet weniger Konsum auch in Deutschland und Europa.

Die Europäische Zentralbank hat bislang weitgehend still gehalten und den starken Euro ignoriert. Bleibt sie bei diesem Kurs, dürfte auch der Wirtschaft in Europa ein kräftiger Schlag nicht erspart bleiben.