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Autobauer in der Krise: Vollbremsung bei Daimler

Milliardenverluste und eine nicht enden wollende Absatzflaute - Daimler ächzt unter der Last der weltweiten Autokrise. Konzernchef Dieter Zetsche fährt einen rigiden Sparkurs, bei dem vor allem die Beschäftigten bluten müssen. Autoexperten prophezeien: Auch bei den anderen deutschen Herstellern wird sich die Lage noch verschärfen.

Sparen, sparen, sparen - das ist für den schwäbischen Autobauer Daimler in der dramatischen Krise überlebensnotwendig geworden. Seit Monaten fahren die Stuttgarter keinen Gewinn mehr ein, im ersten Quartal 2009 sind sie tief in die roten Zahlen gerauscht. In allen Bereichen tritt Konzernchef Dieter Zetsche nun auf die Kostenbremse, insgesamt sollen in diesem Jahr vier Milliarden Euro gespart werden. Zehntausende Beschäftigte bekommen das hart zu spüren: Ihnen wird tief in den Geldbeutel gegriffen. Wie ein Damoklesschwert schwebt außerdem Zetsches Ankündigung über der Belegschaft, dass es im äußersten Fall wegen der "Jahrhundertkrise" auch Entlassungen geben könnte.

Die gesamt Branche ächzt schwer unter der Last, der weltweite Autoabsatz brach im ersten Quartal um etwa ein Fünftel ein. Produktionsdrosselung, Kurzarbeit und Sparprogramme gehören seit Wochen auch in den Werken deutscher Hersteller zum gewohnten Bild. "Der Druck ist natürlich bei allen hoch. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es auch bei anderen weitere Einschnitte gibt", sagt Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft. "So umfangreiche Maßnahmen wie bei Daimler gibt es aber bisher bei keinem anderen deutschen Hersteller."

Die Schwaben tun sich momentan besonders schwer. Während Volumenhersteller wie Europas größter Autobauer Volkswagen dank der Abwrackprämie in den vergangenen Wochen etwas Luft schnappen konnten und sogar Sonderschichten in einigen Werken fahren, ist die Erholung auf dem deutschen Markt für den Premiumhersteller kaum spürbar. Für das Absatzplus hierzulande von 18 Prozent im ersten Quartal hat ein Boom bei Klein- und Kompaktwagen gesorgt, die Verkäufe in der oberen Mittelklasse und der Oberklasse brachen dagegen jeweils um ein Viertel ein. Beim Daimler-Flaggschiff Mercedes ging es auf dem Heimatmarkt mit 21 Prozent in den Keller.

Konkurrent Audi profitiert zwar ebenfalls nicht so stark von der Umweltprämie wie die Mutter VW, den Ingolstädtern kommt derzeit jedoch die starke Präsenz auf dem Wachstumsmarkt China zugute. Im vergangenen Jahr lag die VW-Tochter im Premium-Bereich mit 120.000 Fahrzeugen deutlich vor Mercedes-Benz mit 43.000 Fahrzeugen und BMW mit 75.000 Autos. "Wer überlebt, wird sich in Asien entscheiden", sagt Diez. Außerdem komme Audi jetzt zugute, dass es in den vergangenen Jahren ein zweistelliges Wachstum gegeben habe, ohne dass in diesem Umfang Beschäftigung aufgebaut worden sei. Diez: "Der Absatz bei Mercedes wuchs deutlich langsamer oder stagnierte sogar. Das führt zu Beschäftigungsüberhängen."

"Stunde der Wahrheit steht noch bevor"

Im Unterschied zu den beiden Rivalen kämpft Daimler zudem mit dramatischen Verkaufseinbrüchen bei Nutzfahrzeugen. Anders als in früheren Zeiten, als die Lkw-Sparte schon mal einen mauen Pkw-Absatz ausgleichen konnte, zieht sie den Dax-Konzern derzeit zusätzlich nach unten. Im ersten Quartal brachen die Lkw-Verkäufe des weltgrößten Nutzfahrzeugherstellers um 39 Prozent ein. Im zweiten Quartal erwartet Daimler hier nach einem Verlust von 142 Millionen Euro in den ersten drei Monaten weitere Belastungen.

Gerade deshalb dürfte die Freude der Stuttgarter über die endgültige Trennung von der ungeliebten US-Tochter Chrysler groß sein. Der notleidende Autobauer war für Daimler zunehmend zum Klotz am Bein geworden, allein im vergangenen Jahr hatte der defizitäre Hersteller die Bilanz der Schwaben mit drei Milliarden Euro belastet. Doch für die Scheidung muss erst noch bezahlt werden. Im zweiten Quartal wird die Trennung bei Daimler mit bis zu 700 Millionen Dollar (529 Millionen Euro) beim operativen Ergebnis zu Buche schlagen. In den nächsten Jahren werden die Stuttgarter 600 Millionen Dollar Pensionszahlungen zur Absicherung der Mitarbeiter des früheren gemeinsamen Unternehmens leisten.

Auch wenn die Lage bei den deutschen Autoschmieden lange nicht so dramatisch ist wie bei den großen US-Herstellern, könnte in den nächsten Monaten auch hierzulande das Klima noch deutlich rauer werden. Die Gefahr von Entlassungen steige, wenn sich nicht bald eine Erholung abzeichne, sagt Diez. Die Stunde der Wahrheit wird für die deutschen Autobauer seiner Ansicht nach zu Beginn des nächsten Jahres kommen. Nach Auslaufen der Abwrackprämie werde es auf dem deutschen Markt neue Einbrüche geben. "Es sind bis zu 500.000 Autos, die dann bei der Nachfrage fehlen werden", sagt der Experte. "Wenn bis dahin die Auslandsmärkte nicht anziehen, dann wird es zum Jahresauftakt noch einmal ganz eng."

Stefanie Baumer, DPA / DPA